Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Hochdorf-Assenheim: Heidi Schädler organisiert Hilfen für Australiens Wildtiere

Fast so gemütlich wie bei Mama: Das Kängurubaby fühlt sich im selbst genähten Beutel sehr wohl.
Fast so gemütlich wie bei Mama: Das Kängurubaby fühlt sich im selbst genähten Beutel sehr wohl. Foto: ARCCG/frei

Die digitale Welt ist schnell. Das mögen manche verfluchen, aber diese Schnelligkeit kann auch Gutes bewirken. Das  beste Beispiel – von wahrscheinlich unzähligen anderen – ist eine private Facebook-Gruppe, die in Windeseile Australiens Wildtierhelfer mit fast zwei Tonnen selbst genähten Sachen unterstützt hat. Zwei Frauen aus dem Rhein-Pfalz-Kreis spielen dabei eine wichtige Rolle.

Die Facebook-Gruppe „Deutschland hilft Australiens Wildtieren“ hat es in nicht einmal drei Wochen geschafft, 1,8 Tonnen an selbst genähten Decken, Kuschelnestern, Beuteln, Kängurusäcken, Wickel, Tierbetten, Hängetüchern und vieles mehr nach Australien an die Tier-Auffangstation „Wildlife Animal Rescue & Care Society“ zu schicken. Ein Großteil der Kommunikation lief dabei über das Netz.

Die Sachen sind für die vielen, von den Buschbränden betroffenen Tiere, denn: „Die Mitarbeiter der Auffangstation haben so viel mit der Versorgung der Tiere zu tun, dass sie nicht mehr die Zeit haben, diese Dinge selbst zu nähen“, erklärt Julia Sesto aus München (siehe unten „Zur Sache“). Sie ist eine der Gründerinnen der Facebook-Gruppe.

Es wird vermutet, dass eine Milliarde Tiere in den Flammen umgekommen, verletzt oder verwaist sind oder vor dem Feuer flüchten mussten. Die Wildtier-Auffangstationen in den Gebieten benötigen dringend diese Utensilien. Die Tiere, vor allem Tierbabys schlafen und verweilen darin bis zu ihrer Genesung, denn sie simulieren die Geborgenheit der Mutter.

Der Zufall hat sie zusammengebracht

Die Bilder der Brände und verletzten Tiere im Internet berührten Heidi Schädler und Petra Grote –  die eine in Hochdorf-Assenheim, die andere in Rödersheim-Gronau. Beide kannten sich nicht und traten unabhängig voneinander spontan der Gruppe bei. Der Zufall wollte es wohl so, denn nur ein paar Tage später  leisteten sie mit vereinten Kräften schier Unglaubliches.

Heidi Schädler hat bisher eigentlich „nur“ an Tierschutz-Organisationen gespendet, erzählt sie. „So aktive Mitarbeit – das war für mich Neuland“, sagt die 51-Jährige Sparkassen-Angestellte. Aber die Gelegenheit war perfekt, denn Nähen sei schon immer eines ihrer Hobbys gewesen, erzählt sie und hebt ihre Tasche hoch, die sie sehr professionell gefertigt hat. „Alles Mögliche“ würde sie aus bunten Stoffen herstellen – Utensilos (Stoffbehälter für Allerlei) zum Beispiel oder so ausgefallene Sachen wie ein Taschentuch-Sofa. Das ist ein Stoffüberzug für Kosmetiktücher-Behälter in Form eines Mini-Sofas.

Petra Grote hat ihre Nähkünste mit der Aktion wiederbelebt und fleißig Wickel für kleine Flughunde genäht, dabei wollte die 64-Jährige  zunächst nur für den  Transport spenden. Das tat sie auch, doch dann kam alles anders, erzählt sie und geht in ihrem Haus in Rödersheim die Treppe zu einer Anliegerwohnung im  Keller hinunter. Die ist derzeit nicht vermietet, leer steht sie aber nicht mehr. In den vergangenen zwei Wochen haben sich die Zimmer mit Kartons und Tischen gefüllt, in und auf denen eben jene Dinge für die Wildtiere lagern. Etwa 80 Tierliebhaberinnen und Näh-Begeisterte aus ganz Rheinland-Pfalz haben rund 140 Kilogramm „Kuschelwerke“, wie Julia Sesto sie liebevoll nennt, in die Vorderpfalz gesandt. Genauer zu Heidi Schädler, denn sie ist die Sammelstelle für das Bundesland, für jedes gibt es eine.

Strenge Vorgaben für die Einfuhr

„Dass ich die Sammelstelle bin, kann ich selbst kaum glauben“, gibt Heidi Schädler zu, denn eigentlich hat sie wenig Platz, ist berufstätig – „und ich habe Katzen“. Nicht optimal, denn eine der vielen Vorgaben für die Einfuhr ist, dass keine Tierhaare an den Stoffen sind. Sie hätte einen katzenfreien Raum einrichten müssen. Auch wusste sie anfangs nicht, wie viel ihr zugesandt wird. Doch ihr riesiger Enthusiasmus überwand all diese Hürden und überzeugte schließlich auch ihren Mann. „Der schrieb meiner Schwägerin auf die Frage, was ich denn eigentlich genau mache: Sie rettet Australien“, erzählt sie und muss lachen.

Und mit Petra Grote löste sich sowohl das Platz- als auch das Katzenhaar-Problem. Ein Glücksfall, dass beide so nahe beieinander leben, denn die Räume waren ideal für die große Qualitätskontrolle der zugesandten Sachen am vergangenen Samstag. Zusammen sichteten sie die vielen genähten Nester, Beutel, Decken und Wickel. „Die müssen zum Beispiel für die verletzten Tiere möglichst steril sein, dazu müssen sie bei 60 Grad waschbar sein“, sagt Petra Grote. Außerdem gab es für die Näherinnen Vorgaben für die verschiedenen Größen, die Nähte, die verwendeten Wollfasern oder Füllungen. Eine weitere von vielen Voraussetzungen war, dass in dem Versandkarton zuvor keine Lebensmittel oder Tiere gewesen sind. „Sonst könnten die Zollhunde anschlagen“, erklärt Heidi Schädler.

20.000 Mitglieder in knapp einem Monat

Alles habe gut geklappt, die „Kuschelwerke“ seien nun bereits im Flieger und sollen Anfang Februar in der Auffangstation ankommen. Die Windeseile, in der das alles über das Netz organisiert wurde, „ist schon beeindruckend“, finden die beiden.

Die Facebook-Gruppe wurde am 4. Januar von sechs Frauen aus ganz verschiedenen Gegenden Deutschlands gegründet und hat nach eigenen Angaben bis dato 20.000 Mitglieder. „Es haben bis heute rund 1000 Menschen in ganz Deutschland für Australiens Wildtiere nach den Vorgaben der Tierhelfer genäht, gestrickt oder gehäkelt“, sagt Julia Sesto. Eine Spedition habe rund 100 Pakete von den Sammelstellen abgeholt und an den Frankfurter Flughafen gebracht. Eine von vielen Sponsoren sei unter anderem die Lufthansa Cargo.

Zur Sache: Die Organisation

„Die Wildlife Animal Rescue & Care Society kümmert sich seit 1987 um verletzte und verwaiste Wildtiere, die zunehmend aus ihren Lebensräumen vertrieben werden, weil der Mensch an die Bodenschätze heran möchte“, erläutert Julia Sesto von der Facebook-Gruppe. Die Auffangstation ist in der Central Coast Area in New South Wales, 110 Kilometer nördlich von Sydney. Derzeit kümmerten sich 80 ehrenamtliche Tierhelfer rund um die Uhr um über 600 verletzte Tiere, und es werden täglich mehr. Es sind unter anderem Reptilien wie Eidechsen, Frösche und Schildkröten, aber auch Kängurus, Wallabys, Ameisenigel, Schnabeltiere, Vögel, Raubvögel, Seevögel, Wombats, Fledermäuse, Schlangen, Opossums und Gleitbeutler.

Für die kleinen Vögel gibt es gestrickte Nester.
Für die kleinen Vögel gibt es gestrickte Nester. Foto: ARCCG/Frei
Bei Petra Grote (links) wurden die Sachen gelagert, die Frauen aus ganz Rheinland-Pfalz genäht und zu Heidi Schädler geschickt h
Bei Petra Grote (links) wurden die Sachen gelagert, die Frauen aus ganz Rheinland-Pfalz genäht und zu Heidi Schädler geschickt haben. Foto: doo
Für die kleinen Flughunde wurden Wickel genäht.
Für die kleinen Flughunde wurden Wickel genäht. Foto: ARCCG/frei
In Rödersheim wurden die Pakete abgeholt, die von den Näherinnen aus ganz Rheinland-Pfalz kommen.
In Rödersheim wurden die Pakete abgeholt, die von den Näherinnen aus ganz Rheinland-Pfalz kommen. Foto: Schädler/frei
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