Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Heute sehnt man sich wieder nach Einfachheit“

Astrid Lindgren mit den beiden Hauptdarstellern ihrer Buch-Verfilmung „Michel bringt die Welt in Ordnung“ Lena Wisborg (links) u
Astrid Lindgren mit den beiden Hauptdarstellern ihrer Buch-Verfilmung »Michel bringt die Welt in Ordnung« Lena Wisborg (links) und Jan Ohlsson.

Interview: „Michel aus Lönneberga“ wird 60. Astrid Lindgrens Kinderbuch ist zu recht ein Klassiker, sagt Mutterstadts Bibliotheksleiterin Birgit Bauer im Gespräch mit Doreen Reber. Und das darin beschriebene Landleben treffe den Nerv unserer Zeit. Warum, das erfahren Interessierte in der Aktionswoche „Smaland meets Mutterstadt“.

Frau Bauer, welcher Michel-Streich ist denn Ihr liebster?
Der aus der Geschichte mit dem vielsagenden Titel „Michel bringt die Welt in Ordnung“, die ich den Kindern in unserer Aktionswoche auch vorlesen werde. Seine Mutter hat Kirschwein angesetzt, Michel soll die Mostfrüchte auf den Abfallhaufen werfen, denn sein Vater ist eigentlich gegen Alkohol im Haus. Michel versteht aber nicht, warum seine Mutter, die sonst alles verwertet, die leckeren Kirschen wegwerfen möchte. So nascht er nichtsahnend davon und gibt sie auch den Tieren. Alle werden betrunken, torkeln über den Hof und schlafen dann ihren Rausch aus. Michel denkt, er hat sie umgebracht und zerstört daher alle Kirschwein-Flaschen, damit keiner in Zukunft in Versuchung kommt – und bringt so die Welt in Ordnung. Das ist so köstlich beschrieben, einfach toll.

Wie sind Sie eigentlich mit diesem Astrid-Lindgren-Klassiker in Berührung gekommen?
Tatsächlich zuerst über die Filme und dann erst zum Buch, da war ich acht Jahre alt.

Und was hat Sie an Michel fasziniert?
Dass dieser kleine Junge viel mutiger ist als manch Erwachsener und den schwachen Menschen helfen möchte. Man kann ihm einfach nicht böse sein, denn all seine Streiche sind ja keine Absicht. Er meint es immer gut und gerät dann unverschuldet in Schwierigkeiten. Das macht ihn so liebenswert.

Ist dieser Humor noch zeitgemäß? Kann man mit diesen harmlosen Streichen heute noch Kinder zum Lachen bringen?
Ich denke schon. Die geschilderten Missverständnisse – wie etwa bei dieser Szene mit den Kirschen – könnten heute ja auch passieren. Ich würde sogar sagen, dass die Michel-Bücher bei einem Thema wieder den Nerv der Zeit treffen, etwa beim Thema Nachhaltigkeit und Naturverbundenheit.

Das müssen Sie erklären.
Es wird in den Büchern das Dorfleben am Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben. Man hat sich selbst versorgt, und alles wurde verwertet. Obst und Gemüse selbst anbauen, es konservieren, Handarbeit und die Natur achten – auf all das wird sich heute immer mehr wieder besonnen. Dieses dörfliche Leben wie auf dem Hof Katthult gab es zu dieser Zeit auch in Mutterstadt. Und das war auch der Grund, warum wir uns mit der Aktionswoche näher mit Michel beschäftigt haben. Das Motto ist „Smaland meets Mutterstadt“.

Wer erinnert sich denn noch an das Leben damals in Mutterstadt?
Es gibt einen tollen Bildband mit Bildern vom bäuerlichen Leben hier bei uns. Darin werden wir mit den Kindern blättern und besprechen, was es auf dem Bauernhof gab und heute noch gibt. Dazu wird der Mutterstadter Landwirt Hartmut Magin am Dienstagnachmittag vom Leben eines Bauers in Mutterstadt früher und heute erzählen. Vielleicht kommt er ja mit dem Traktor … (schmunzelt)

Ist diese Sehnsucht nach der vermeintlich heilen, alten Welt der Grund, warum Bücher wie „Michel aus Lönneberga“ Klassiker werden? Oder steckt da mehr dahinter?
Ich denke, der Grund ist vor allem, dass sich die Kinder in den Figuren wiederfinden. Und die Inhalte sind einfach zeitlos. Aber man spürt tatsächlich im Moment eine Sehnsucht nach Einfachheit und Überschaubarkeit in dieser sich rasant verändernden Welt.

Die Erziehungsmethoden von damals wünschen sich die Kinder aber bestimmt nicht zurück, etwa wenn Michels Vater ihn wutentbrannt jagt und Michel in den Tischlerschuppen flüchtet, wo er gefühlt die halbe Kindheit verbringen muss?
Ja, manche Kinder finden solche Momente im Buch beängstigend. Aber sie wissen, dass der Vater Michel nie lange böse ist, es wird ja schnell wieder gut. Und Michel weiß ja mit seinem Strafregister umzugehen und bunkert zum Beispiel einen kleinen Essenvorrat in den Schubladen.

Und er hat Alfred, den Knecht.
Ja, welches Kind wünscht sich nicht so einen ruhigen, starken, verständnisvollen Freund, vor allem, wenn man in Schwierigkeiten gerät. Und viele Kinder brauchen das heute auch, etwa weil sie nicht so viel Verständnis zu Hause bekommen oder Desinteresse herrscht. Auch darum machen wir diese Aktionen. Es ist immer ganz toll, wenn die Kinder dann sagen, bei euch ist es so schön, ich komme wieder. Das ist die Frucht unserer Arbeit.

Da verschwimmen die Grenzen zwischen Bibliothek und Sozialarbeit. Noch in diesem Jahr soll ja der Jugendtreff mit neuem Konzept hier in der Neuen Pforte eröffnet werden. Wird es Kooperationen geben?
Ja, eine Zusammenarbeit wird es geben. Das ist auch eine Chance. Es ist schon jetzt so, dass manche Kinder die Bibliothek als Aufenthaltsmöglichkeit nutzen. So war es auch bei mir. Ich bin in einem Arbeiterhaushalt groß geworden und war die erste in der Familie, die Abitur gemacht hat. Mein Fluchtpunkt war die Bücherei, da habe ich mich einfach wohl gefühlt. Da habe ich auch meinen ersten Pippi-Langstrumpf-Film gesehen. Und es gab schon damals Bastelangebote – das war einfach Spaß.

Auch in der kommenden Woche wird gebastelt, und Sie haben ab der Michel-Woche auch zwei Tablets, die die Kinder in Ihrer Bücherei benutzen dürfen, zum Beispiel für ein Michel-Suchspiel. Wird das Tablet das Buch bald ersetzen?
Nein, das glaube ich nicht. Das mediale Angebot ist so vielfältig und schnelllebig, ich denke, dass das Buch da die beständige Konstante bleibt. Digitale Angebote werden immer auch zum Buch führen, wie bei mir der Michel-Film.

Bibliotheksleiterin Brigit Bauer und ihr Team laden zu einer Michel-Aktionswoche.
Bibliotheksleiterin Brigit Bauer und ihr Team laden zu einer Michel-Aktionswoche.
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