Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Herbstempfang des Landrats: Zoff im Kreis der Harmonie

Gemüse und Musik – Hochkultur auf Rhein-Pfalz-Kreis-Art.
Gemüse und Musik – Hochkultur auf Rhein-Pfalz-Kreis-Art. Fotos: Lenz

Runde Geburtstage können schlimm sein. Wenn sich eine Rede an die andere reiht. Die Redner nicht müde werden, der Rest im Saal aber wegdämmert. 50 Jahre Rhein-Pfalz-Kreis feiern hat nicht wehgetan. Der Festakt war schnell vorbei. Und stand doch jemand kurz vor dem Einschlafen, wurde er spätestens munter, als von der Bühne die Aufforderung kam, man möge sich doch bitte streiten.

Schifferstadt. Ganz vorne sitzen drei auf ihren Ehrenplätzen, der Vierte steigt auf die Bühne und tritt ans Mikrofon. Vier Landräte hat der 50 Jahre alte Rhein-Pfalz-Kreis. „Ich bin quasi Clemens der Vierte“, witzelt Clemens Körner (CDU), als er seine drei Vorgänger vorstellt: Paul Schädler (CDU), Ernst Bartholomé (CDU) und Werner Schröter (SPD). Der Abend beginnt mit einem Scherz. Das Publikum lacht. Und alles scheint friedlich. Wie immer halt. Ein Herbstempfang wie jeder andere.

Der Landrat hält auch im 50. Jahr des Kreisbestehens am Format fest. Er schaut im Herbst auf das vergangene Jahr zurück. In Szenen, die über eine Leinwand laufen: Neujahrsempfang in Mutterstadt, Fasnachtsprinzessinen im Kreishaus, Kreissportschau, Besuch aus Costa Rica, Airbrushmesse, Körners 60. Geburtstag, Einbürgerungsfeier, Politiker vor der Mechtersheimer Jugendfreizeitstätte, die umgebaut werden soll. Ein vom Sturm zerstörtes Dach des Schifferstadter Gymnasiums. Ein Jahr im Schnelldurchlauf, gut sieben Minuten. Dann Musik von der Kreismusikschule. Eröffnungsrede, Kernaussage: Der Rhein-Pfalz-Kreis rockt, bald sind es 160.000 Menschen, die hier leben. Vor 50 Jahren waren es 117.000. Musik von der Kreismusikschule.

Innenminister versteht Umzugspläne

Halt. Stopp. Vor „Moon River“ ist Roger Lewentz (SPD) an der Reihe. Der Innenminister überbringt die Glückwünsche des Landes. Und jetzt könnte man meinen, dass ein Reigen langer Reden beginnt. Aber nichts da. Roger Lewentz hält eine knappe und knackige Rede. Hat für jeden der vier Landräte ein nettes Wort. Und erinnert daran, dass er selbst im Geburtsjahr des Landkreises eingeschult wurde, 1969 also. Lewentz lobt die Kreisentwicklung. Das Ehrenamt. Und lässt sich sogar dazu hinreißen, etwas zum Kreishaus zu sagen. Also zum geplanten, noch nicht vorhandenen. Das einmal weit weg von der Hochstraße stehen soll. Anders als das alte am Europaplatz. Er habe sehr viel Verständnis dafür, sagt er, dass die Kreisverwaltung angesichts des bevorstehenden Hochstraßenabrisses umziehen möchte und stellt einen Termin in seinem Mainzer Büro in Aussicht: „Und dann schauen wir, wie es weitergeht.“ Lewentz wünscht allen Anwesenden noch einen schönen Nachmittag. Da ist es 18.55 Uhr.

Dann „Moon River“ also. Die Filmmusik aus dem Klassiker „Breakfast at Tiffany's“. Frühstück am Nachmittag. Zwiebelkuchen am Abend. Aber bevor der verteilt wird, gibt es noch eine Rede. Und jetzt nimmt der friedliche Abend plötzlich eine Wende. Andrea Römmele will, dass andere sich streiten. Sie fordert alle dazu auf. Das ist ja ein Ding, denkt man erst. Was will die Frau? Wir sind doch auf einem Geburtstag. Da prostet man sich zu. Sagt nette Sache. Der Innenminister hat es doch so schön vorgemacht. Und nun also Zoff? Weil es der Demokratie und der Gesellschaft ganz allgemein guttun soll.

Clemens Körner hat es aber so gewollt. Schließlich hat er Andrea Römmele eingeladen – und erhofft sich wohl einen Weckruf durch die Politikwissenschaftlerin. „Sprache verroht“, sagt Körner, „und manche benutzen diese Verrohung zur Gewalt.“ Und wer Römmele vielleicht aus dem Fernsehen kennt, der weiß, dass Streit genau ihr Thema ist. Jüngst hat sie ein Buch darüber geschrieben, das sie sogleich in der Aula des Schifferstadter Gymnasiums zum Kauf anbietet. „Es wird nicht immer honoriert“, sagt sie, wenn man ein Buch schreibe, das nicht nur für die Wissenschaft, sondern für eine breite Leserschaft gedacht sei.

Grokos von Berlin bis zur Vorderpfalz

Dabei geht Streit uns alle an, sagt Römmele, doch es gebe immer weniger davon. „Das liegt auch an uns. Wir wiegen uns in Sicherheit, dass immer alles gut wird“, sagt sie. „Wir nehmen Demokratie als selbstverständlich wahr.“ Auch in der Politik: Gerade in Zeiten einer großen Koalition sei die Opposition kleiner, es gebe wenig inhaltliche Auseinandersetzungen. Und so trifft Berlin die Vorderpfalz – denn Römmele hat sicher noch keine der hiesigen Harmonie-Sitzungen des Groko-geführten Kreistags besucht.

Diskussionen bringen Kompromisse. Und diese enttäuschten den Menschen allzu oft, findet Römmele. „Aber warum?“, fragt sie, „darum geht es doch in einer Demokratie.“ Ein Patentrezept für eine ordentliche Streitkultur hat auch die Wissenschaftlerin nicht. „Streit muss ohne Regeln funktionieren“, sagt sie, „sonst wäre er nicht authentisch.“ Er muss auf Fakten basieren und dürfe nicht verletzend sein. Noch eine Warnung: „Demokratie kann durch Demokratie abgeschafft werden.“ Applaus im Saal, Blumen für die Festrednerin.

„Das Büfett ist eröffnet“, sagt Landrat Körner dann und meint nicht etwa den Zwiebelkuchen, der schon bereit steht. Sondern das Gemüse, das zur Deko auf der Bühne liegt. Die Geburtstagsfeier endet, wie sie begonnen hat – mit einem Gag. Rhein-Pfalz-Kreis, Gemüsekreis. Streit gibt es beim Kampf um Radieschen und Rettich aber nicht.

Die Kreismusikschule beeindruckt auch die Hauptrednerin des Festakts: „Solche Harmonien“, sagt Andrea Römmele. Ihr Thema: Streit
Die Kreismusikschule beeindruckt auch die Hauptrednerin des Festakts: »Solche Harmonien«, sagt Andrea Römmele. Ihr Thema: Streit.
Landrat Clemens Körner bei der Geburtstagsrede für den Kreis.
Landrat Clemens Körner bei der Geburtstagsrede für den Kreis.
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