Rhein-Pfalz Kreis Heißhunger auf Heimchen

«Bobenheim-Roxheim.»Zartes Piepsen ertönt aus dem Schuhkarton, den eine Frau aus ihrem Auto mit Ladenburger Kennzeichen hebt. Darin hockt ein nacktes Spatzenjunges. Es wiegt vielleicht 15 Gramm und zieht um nach Bobenheim-Roxheim zur Spatzenmama vom Nonnenhof. Sarah Tretter-Steffan ist Leiterin der dortigen Wildvogel-Auffangstation und päppelt in diesem Hitzesommer bis zu 35 Spatzen gleichzeitig auf. Sie ist eine von zehn Päpplern des Vereins. Neun Volieren stehen auf dem Nonnenhof bereit, darin werden meist Tauben, Rabenvögel und Spatzen auf ihre Rückkehr in die freie Wildbahn vorbereitet. Doch zuvor erhalten die geschwächten oder verletzten Patienten eine Privatbehandlung in den Wohnungen der Päppler. Sarah Tretter-Steffan hat sich auf Spatzenküken spezialisiert. „Vor sieben Jahren bin ich über einen hilflosen Spatz gestolpert, seitdem haben es mir die kleinen Burschen angetan.“ Die Stationsleiterin legt den Ladenburger Neuankömmling mit zarter Hand in die „Bird Bag“, eine Art tragbares Minizelt mit Wärmelampe von der Größe einer Handtasche, das sie samt seinen Bewohnern von daheim in die Auffangstation mitgebracht hat. Schnell krabbelt der Neue unter das tschilpende Knäuel aus acht Küken. „Ein Überlebensinstinkt“, sagt die 30-jährige Zahnarzthelferin. „Wer unten liegt, wird nicht von Mardern, Katzen oder Greifvögeln gefressen.“ Die „Bird Bag“ hat die Stationsleiterin immer bei sich, selbst beim Einkaufen. Denn die fünf bis 13 Tage alten Sperlingsvögel brauchen alle 45 Minuten Futter – der Dienst beginnt morgens halb 6 und endet abends um 21 Uhr. Als es vor drei Wochen 35 Vögel auf einen Schlag waren, war die Spatzenmama pausenlos am Füttern. „War ich mit dem Letzten fertig, hatte der Erste schon wieder Hunger!“ „Was haben Sie ihm gegeben?“, fragt sie die Besucherin aus Ladenburg. Helen Wasser sagt, sie habe den Kleinen mit Bananenbrei gefüttert, „das habe ich im Internet gelesen.“ „Da steht so viel Mist“, schimpft Tretter-Steffan. Junge Spatzen seien reine Insektenfresser. Dass die Frau den Jungvogel vom Bürgersteig aufgesammelt hat, lobt Tretter-Steffan ausdrücklich. „Das war richtig. Dieser Spatz ist noch ein Nestling. Verlassen Nestlinge ihr Nest, werden sie von ihren Eltern schlagartig aufgegeben.“ Nach rund zwei Wochen spricht man von einem Ästling. Die mobilen Jungvögel verlassen zeitweise ihr Nest und lernen selbstständig zu werden. „Ästlinge werden oft für verwaiste Jungtiere gehalten“, sagt die Spatzenmama. „Sie müssen vom Menschen nicht gerettet werden und finden wieder zurück zu ihrem Nest.“ Bevor Helen Wasser nach Hause fährt, füllt Tretter-Steffan ein Formular aus: Neben den Daten des Finders enthält es einen Steckbrief des Neuzugangs: Vogelart, Alter, Gesundheitszustand. Der Neue erhält die Nummer 400. „In den vergangenen Jahren hatten wir von Januar bis Ende Juli etwa 200 Neuzugänge. Jetzt sind es schon doppelt so viele“, sagt die Stationsleiterin. Grund sei die extrem lange Hitzewelle, unter der Höhlenbrüter wie der Spatz am meisten zu leiden hätten. „Diese Vögel brüten oft unter Dächern. Da kann es bis zu 70 Grad heiß werden.“ Um der Hitze zu entkommen, springen die Kleinen aus dem Nest und oft in den Tod. Aufgeregtes Tschilpen aus der Vogeltasche signalisiert ihr: Essenszeit. Higgins, die Dogge von Tretter-Steffan, hat ihr Futter schon bekommen. Gemächlich knabbert der 45-Kilo-Rüde an seinem Knochen, der so groß ist wie die Ringeltaube, die eine gesonderte Vogeltasche bewohnt. „Der tut den Vögeln nix, außer sie sitzen vor seiner Nase“, sagt Tretter-Steffan und erklärt, warum die 14 Tage alte Taube mit dem Schnabel zwischen Ring- und Mittelfinger drängelt: „Das ist ein Reflex. Der Vogel hält meine Finger für den Schnabel eines Altvogels und will ihn öffnen.“ In der Natur stecken die Jungen ihren Schnabel in den Hals der Eltern, in dem sich ein Kropf mit fettigem Sekret befindet – quasi ihr Babybrei. „Ich habe nicht so einen Kropf“, meint sie lachend und flößt dem Taubenjungen mit einer Pipette einen weißlichen Brei ein. Nutribird heißt das Handaufzuchtmittel mit Vitaminen, Eiweiß und Ballaststoffen. Die Spatzen hingegen bekommen per Pinzette tote Heimchen verabreicht – winzige Grillen, von denen die Vogelschützer pro Jahr 20 Kilogramm im Zoohandel kaufen. Nach einer halben Stunde sind alle Piepmätze satt, und Tretter-Steffan macht mit Higgins einen Spaziergang zu den Volieren. Dort flattern die Wildvögel herum, die vorher in den Wohnungen aufgepäppelt wurden. Knapp die Hälfte überlebt diese Zeit nicht. In den Gehegen werden die Tiere vom Menschen entwöhnt und auf die Rückkehr in die Natur vorbereitet. Bevor sie zu neuen Revieren aufbrechen, bleiben die Patienten nach ihrer Freilassung dem Nonnenhof noch eine Weile treu – dafür wurden auf dem 2000 Quadratmeter großen Gelände der Auffangstation Futterplätze eingerichtet. „Hallo Meister, alles gut?“, ruft die Spatzenmama einer Goldammer zu, die auf einer Fensterbank hockt und das Geschehen mit schief gelegtem Kopf beäugt. Sie winkt ihrem ehemaligen Schützling zu und eilt zurück zur Vogeltasche, in der die kleinen Spatzen schon wieder lautstark nach Heimchen verlangen.