Rhein-Pfalz Kreis Geschichte um Geschichte

. Heute ist der 73-Jährige Leiter des Heimatmuseums, verwaltet mit Johann Benedom das Gedächtnis von Schifferstadt – das Stadtarchiv. Und er organisiert darüber hinaus den Hungermarsch. Das Interesse für die „Zeit seiner Vorväter“ habe sich entwickelt, erzählt er. Auslöser war die Ausstellung des Heimatpflegevereins in den 60er Jahren – damals noch im Obergeschoss des Alten Ratshauses, der Start unseres Spaziergangs. Mit jedem Besuch wuchs das Interesse an der Geschichte seines Heimatorts. Als 23-Jähriger trat er dann dem Verein bei, der heute rund 300 Mitglieder hat. Bis dahin hatte er wenig mit Geschichte am Hut. „Ich bin studierter Isolier-Techniker“, erzählt er. Dann wechselte er in den Bereich Marketing, Werbung und Ausstellungstechnik. Später machte er sich selbstständig. Es geht Richtung Adler-Gebäude, wo sich seit 1984 das Heimatmuseum befindet. „Der älteste Gebäudeteil ist über 300 Jahre alt“, weiß Sellinger; bis etwa 1900 war dort eine Brauerei. In den 70ern wurde es von der Stadt gekauft, „die wollte es abreißen, zum Glück hatte der Denkmalschutz etwas dagegen“. Innen riecht es nach altem Gemäuer, die Treppe knarzt, alles ist aufwendig restauriert. Jeder der zehn Räume ist einem Thema gewidmet – sie tragen Sellingers Handschrift. „Ich hatte bei der Einrichtung weitgehend freie Hand“, erzählt er. Er wollte weg vom Heimatmuseums-Image, „wo jeder alte Krempel ausgestellt wurde“. Sellinger setzte Schwerpunkte und ordnete die Fundstücke aus 12.000 Jahren Stadt-Besiedlung. So finden die Besucher das Duplikat des Goldenen Huts im Raum für Vor- und Frühgeschichte, alte Handwerks-Utensilien wie einen Pflug auf einem Stück Acker in einem anderen und ein paar Zimmer weiter ein komplett eingerichtetes Wohnzimmer und eine Küche aus dem 19. Jahrhundert. In einer Ecke steht ein alter Bauernschrank samt Aussteuer – jede Regalfront mit bestickten Bändchen verziert: „Willst du ganz richtig verwalten, gilt es Neues schaffen und Altes erhalten“, ist darauf zu lesen – wie bezeichnend. Sellinger zeigt auf kleine rote Bruchstücke in der Vitrine: Es ist Putz einer alten Römervilla, gefunden am Dannstadter Weg. „Sehen Sie den schwarzen und roten Strich? Das hat 1800 Jahre in der Erde gelegen – und die Farbe ist erhalten. Das fasziniert mich einfach.“ Ihm blutet das Herz bei dem Gedanken, wie viele Relikte noch unter der Erde der Stadt liegen. Etwa auf dem Urnengrabfeld, das vor zehn Jahren auf dem Acker bei der Firma Schlosser entdeckt wurde und vermutlich 4000 Jahre alt ist. Noch ist es nicht ganz erforscht, „doch schon bald sollen da Hallen drauf gebaut werden, dann ist es mit Graben vorbei“, sagt Sellinger. Wir stehen vor einer Zeittafel für Schifferstadt: In welchem Jahrhundert er wohl gern gelebt hätte? Sellinger kann sich nicht so recht entscheiden. Vom Mittelalter bis zur Zeit Napoleons „lieber nicht“, sagt er. Eine Missernte, schon herrschte Hungersnot. „Interessant war die Zeit der Firmengründungen.“ Die begann mit dem Ausbau der Bahnstrecke um 1845, etwa 20 Jahre später haben sich die ersten Fabriken in der Stadt angesiedelt. „Von da an ging es mit Schifferstadt aufwärts.“ Wohlstand brachte den Schifferstadtern ab dieser Zeit auch der Anbau von Sonderkulturen – „und das bis in die heutige Zeit“. Eine der ersten Sonderkulturen war die Krapppflanze, aus der in Speyer dann rote Farbe gewonnen wurde, erzählt Sellinger: „Speyer war damals für diese intensive rote Farbe in ganz Deutschland bekannt.“ Ab 1860/70 konnte die BASF das Rot auch chemisch herstellen – die Krapppflanze war passé. Es folgten der Tabak und das Sauerkraut. Letzteres hat den Schifferstadtern nicht nur den Spitznamen „Krautköpp“, sondern auch gutes Geld eingebracht. „Es wurde bis zum Ersten Weltkrieg bis in die Schweiz und ins Elsass exportiert.“ Nach dem Krieg kam der Aufstieg des Rettichs. „Damals war Schifferstadt ein typisches Arbeiter-Wohn-Dorf, die meisten Leute haben in der BASF gearbeitet und daheim im Garten Rettich angebaut. Und damit teilweise mehr Geld verdient, als in ihrem Beruf“, weiß der Museumsleiter. Unzählige solcher Anekdoten kennt Sellinger, dabei ist er kein lauter Geschichtenerzähler. Über die Jahre hat er sich das Wissen angeeignet, hat Broschüren und historische Bücher über Schifferstadt veröffentlicht und war im Stadtrat für die CDU aktiv. Man kann sich den stillen Mann nur allzu gut in seinem Kämmerchen vorstellen, umgeben von Büchern. Umso überraschender ist es, als er von seinen Reisen erzählt. Als Teenager packte Sellinger das Fernweh – „ich wollte einfach raus, was erleben“. Mit blutjungen 15 Jahren radelte er durch Deutschland – allein. Mit Zwanzig erkundete er mit dem Motorroller Frankreich und Spanien, fuhr bis nach Afrika, Gibraltar und durch die Wüste Sahara. „400 Kilometer Nichts: kein Mensch, kein Baum, nur Sand und ein paar Kamele“, erinnert er sich – und muss lächeln. Später „quälte“ er seinen VW-Bus durch Süd- und Osteuropa, durch die Balkanländer bis nach Syrien und den Libanon. Der Drang in die Ferne sei aber nie so übermächtig gewesen, dass er Schifferstadt verlassen wollte. Raus in die Sonne treibt uns unser nächstes Ziel, in die Burgstraße 40 zu einem so genannten „Dreiseitenbauernhof“ – ein Anwesen mit Wohn- und Wirtschaftshaus sowie Ställen, erbaut um 1700. Auf dem Weg dorthin erinnert sich Sellinger an die Zeit, als sich in Schifferstadt noch ein Fachwerkhaus ans andere reihte. Nach dem Krieg verschwand eines nach dem anderem. Sensibilität für Historisches konnte man sich zu dieser Zeit nicht leisten. „Doch einige sind geblieben und wurden teilweise aufwendig restauriert, wie jenes eben.“ Neue und alte Baustoffe harmonieren perfekt, es scheint, als ob die Zeit stehengeblieben ist. Die Goldschmiede, die dort heute ist, hätte auch schon vor 300 Jahren dort sein können. Über Schleichwege geht es über die enge Bäckergasse zurück Richtung Marktplatz, Sellingers Lieblingsplatz in Schifferstadt. Altes Rathaus, Adlergebäude und das Tillmann-Haus, der Endpunkt unseres Wegs, in Sichtweite. „Das großzügige, zweigeschossige Fachwerkhaus wurde von Gabriel Tillmann aus Flandern gebaut, der wahrscheinlich mit dem Tuch-Handel zu Reichtum gekommen ist“, erzählt er. Für ihn eines der schönsten Fachwerkhäuser in Schifferstadt – auch wegen des gut erhaltenen Torbogens, in dessen Mitte ein Neidkopf Ankömmlingen frech die Zunge rausstreckt. Wahrscheinlich sollte er böse Geister vom Anwesen, das im 18. Jahrhundert gebaut wurde, fern halten. Nicht immer ist das gelungen. Zwar stellten die Nachkommen Tillmanns dreimal den Bürgermeister der Stadt, „doch der letzte hat krumme Sachen gedreht, wurde verhaftet und hat das Anwesen verkauft“. Sellinger mag solche Geschichten.