Dannstadt-Schauernheim RHEINPFALZ Plus Artikel Geschenkaktion für Fernfahrer: Nomaden der Autobahn

Trucker zu sein bedeutet, ein Leben auf der Straße zu führen – und auf Raststätten. Da tut ein bisschen Wertschätzung für die wi
Trucker zu sein bedeutet, ein Leben auf der Straße zu führen – und auf Raststätten. Da tut ein bisschen Wertschätzung für die wichtige Arbeit gut.

Schlechte Löhne und Arbeitsbedingungen, duschen als Luxus und lange weg von daheim. So sieht das Leben derer aus, die tagein, tagaus am Steuer ihrer Trucks sitzen, immer unterwegs. Fernfahrerseelsorger Thomas Braun sieht darin Sklaverei im 21. Jahrhundert – und möchte ein Zeichen dagegen setzen.

Olexander ist von Holland nach Polen unterwegs und macht Station. Jetzt steht er mit seinem Lkw auf der Raststätte Dannstadt-West an der A 61. Seit 1985 schon lenkt der 55-Jährige einen Truck und mag diese Arbeit sehr. Seine Familie lebt in Stettin, alle zwei Wochen kommt er dorthin. 9,50 Euro bekommt er pro Stunde, sagt er. Eine Aussage, die der ehrenamtliche Fernfahrerseelsorger Thomas Braun und Verdi-Vertreter Mike Kirsch zweifeln lässt. Daran nämlich, ob Olexander Angst hat, die Wahrheit zu sagen.

An den Landeskennzeichen ihrer Zugmaschinen kann man es erkennen. Wie Olexander kommt die Mehrheit der Fernfahrer, die an diesem Samstagmorgen an der Raststätte anzutreffen sind, aus Osteuropa – zumindest „sitzt“ ihr Arbeitgeber dort. „Das ist auch genau das Problem“, sagt Braun (63). Oft seien Subunternehmen im Spiel oder gar Briefkastenfirmen, um die gesetzliche Mindestlohnregelung zu umgehen. Zahlen hat Mitstreiter Mike Kirsch, Gewerkschaftssekretär für die Fachbereiche Postdienste, Speditionen und Logistik, parat: „Ein deutscher Fernfahrer verdient je nach Tarifvertrag und Bundesland um die 2300 Euro brutto, sein Kollege aus Polen 850 Euro, der aus Litauen oder Bulgarien dagegen nur etwa 280 Euro.“

Dazu kämen noch die Spesen, die aber oft dafür draufgingen, dass Unterkünfte aus eigener Tasche bezahlt werden müssten. Im neuen EU-Mobilitätspaket 1 sei zwar geregelt, dass Fernfahrer die reguläre Wochenruhezeit nicht im Fahrzeug verbringen dürften, sondern in Unterkünften, für die der Arbeitgeber aufzukommen habe. Doch die Praxis sähe oft anders aus. „Wer sich beschwert, fliegt raus“, sagt Kirsch über die gängige Politik, eine mögliche Strafe aufgrund des Verstoßes sei einkalkuliert. Wer darunter leide? „Die Menschen, die am untersten Glied der Kette stehen“, so sein trauriges Fazit.

Duschen ist Luxus

Einige Trucker haben Wäsche unter der aufgeklappten Frontklappe hängen, andere kochen auf der Ladefläche. Die Rumänen Iulian und Mihai kochen auf dem Gaskocher Bortsch. Der Eintopf, Vorrat für eine Woche, köchelt langsam vor sich hin. Sie haben Zeit, sie warten darauf, irgendwann vom Frankenthaler Amazon-Logistikzentrum den nächsten Auftrag zu erhalten. Da einmal duschen drei Euro kostet, leisten sie sich diesen Luxus nur ein bis zweimal pro Woche.

Tagein, tagaus sitzen Fernfahrer in ihren Trucks, dazu niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen – Braun sieht darin so etwas wie Sklaverei im 21. Jahrhundert. Um ein kleines Zeichen dagegen zu setzen, möchten er und Kirsch den Fernfahrern heute eine Wertschätzung ihrer Arbeit entgegenbringen. Schließlich halten sie Güterverkehr und Lieferketten auf den Straßen aufrecht. Braun hat Truckerkekse gebacken und zusammen mit einer FFP2-Maske, einem Kugelschreiber, einer Dankeskarte in 14 Sprachen und Infomaterial von Verdi, das Fahrer auf ihre Rechte aufmerksam macht und Hilfestellung anbietet, in eine „Lenkpausen-Tüte“ gepackt. Er verteilt sie mit Unterstützung von Muttersprachlern aus der Initiative „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds besonders für Lkw-Fahrer aus dem osteuropäischen Raum. Die Bosnierin Selja Vojic und die Polin Alexandra Grobelna sowie der Bulgare Christian Dorev und die Ungarin Claudia Szemmelroth sind extra für die Aktion zur A 61 gekommen und helfen beim Übersetzen. „Damit sich die Fahrer ein bisschen wie zu Hause fühlen“, sagt Braun.

Fernfahrer Vitali beugt sich mit nacktem Oberkörper aus seiner aufgeheizten Führerkabine, draußen sind es um die 28 Grad. Strahlend nimmt er von Alexandra die Tüte entgegen, die sie ihm corona-konform an einer Stange mit Haken nach oben reicht. Er weiß, dass die deutschen Fahrer mehr als das Doppelte verdienen, aber angeblich reiche ihm sein Verdienst aus. „Nice“ findet der ansonsten russisch sprechende Belarusse das Geschenk.

Genug für ein normales Leben verdienen

Manche Kollegen ziehen hingegen schnell den Vorhang zu, als das Helferteam sich nähert. Nicht so jedoch der Rumäne Vacareanu Radu. In fließendem Englisch erzählt er, er mache diesen Job erst seit der Geburt seines ersten Kindes vor fünf Jahren. Bis dahin habe er als Schweißfachingenieur mit Masterabschluss gearbeitet, dabei aber nicht genug verdient. Der 31-Jährige will nicht reich sein, aber genug Geld haben für ein normales Leben und Zeit für seine Familie in Brasow. Obwohl der Inhalt der Tüte nur eine Kleinigkeit sei, freue er sich über die Geste. Er sei immer zwischen einem und drei Monaten am Stück unterwegs, dann zwei Wochen zu Hause.

Der Bad Dürkheimer Diplom-Theologe Braun hat die Raststätte Dannstadt bewusst gewählt, da hier viele Fahrer pausieren oder Zeit überbrücken. Der Pfalzmarkt ist nicht weit weg, Amazon und das DHL-Paketzentrum in Mainz ebenso wenig. Für Braun ist es wichtig, andere Orte der Kirche aufzusuchen, dort hinzugehen, wo die Sorgen und Nöte sind. Obwohl er der Meinung ist, Kirche könne nur in einem Netz aus Gewerkschaft und Politik mit entsprechenden Vertretern bestehen, scheut er sich auch nicht davor, Aktionen im Alleingang umzusetzen. Dann ist er allerdings froh, wenn er sein Handy dabeihat. Er verrät auch, warum: „Ich habe ein Übersetzungsprogramm.“

Im Netz

Weitere Infos zur Kirche für Fernfahrer unter www.ontour-online.de.

Viele Fernfahrer freuen sich über die nette Geste.
Viele Fernfahrer freuen sich über die nette Geste.
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