Bobenheim-Roxheim
Gemarkungsputz: Gemeinsam gegen Müll
Handschuhe, leuchtend gelbe Warnwesten und blaue Müllsäcke – dieses Bild zeigt sich den neugierigen Joggern und Radfahrern, die am Altrhein am Samstagmorgen ihre Runden drehen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die 70 Personen, die sich am Silberseeparkplatz versammeln, zum Müllsammeln gekommen sind. Doch nicht nur im Gebiet am Silbersee wird aufgeräumt, erklärt Klimamanager Yann Pfeifer. Auch vom Feuerwehrgerätehaus starten einige Gruppen, um die Gemeinde von achtlos in die Natur geworfenen Gegenständen zu befreien. Egal ob politische Vereinigungen, Sportvereine oder die Jäger – an diesem Vormittag sind alle auf den Beinen, um gemeinsam ihren Ort von Müll zu befreien.
Am Silbersee sind der BUND-Heimatverein, der Anglerclub (AC) Roxheim, der Kanuclub, die SPD und einige Geocacher vertreten. Für Rolf Burkardt ist es eine Selbstverständlichkeit, diese Aktion zu unterstützen. Da er in seiner Freizeit gemeinsam mit seiner Frau Geocaches sucht, „gehört es für uns dazu, unser Spielfeld, die Natur, zu erhalten und ihr etwas zurückzugeben“. Mehrmals im Jahr beteiligen sich die beiden an solchen Veranstaltungen, unter anderem auch bei Baumpflanzaktionen. Bei sogenannten Cito-Events (Cache in Trash out) wird nicht nur Gutes für die Natur getan, sondern sich auch vernetzt, erklärt Marco Kaiser. Er hebt hervor, dass „manche Teilnehmer aus Hessen und Baden-Württemberg angereist sind“.
Kanister mit Wasserstoffperoxid
Einen Sammeltrupp bilden Werner Bigott, der sich in der SPD als Fraktionsvorsitzender engagiert, und Jochen Kapper vom Heimatverein. Die beiden sind für den Abschnitt des Radwegs Richtung Mörsch entlang der Isenach zuständig. Kapper war schon bei der ersten Auflage des Gemarkungsputzes vor 25 Jahren dabei. Auf dem Weg zum Startpunkt erinnert er sich an kuriose Funde wie etwa eine Autobatterie und hofft, dass dies heute nicht der Fall sein wird.
Als Erstes landen zwei Bierflaschen in den Müllsäcken der beiden. Neben einem Trafohäuschen wurden diese stehen gelassen – „ein Unding“ meinen Kapper und Bigott. Entlang des Weges finden sich dann immer wieder Snackverpackungen und Taschentücher. Mit vollem Einsatz gehen sie voran, und auch das dichte Gestrüpp stellt kein Hindernis dar. Gemeinsam bahnen sie sich den Weg, um eine Kühltasche aus den Sträuchern hervorzuholen. Der Inhalt: kaputte Bierflaschen. „Das ärgert mich“, schimpft Bigott, und auch Kapper kann sich „das Verhalten mancher Menschen, die ihre Abfälle in der Natur entsorgen, nicht erklären“.
Auf ihrer weiteren Strecke zeigen sie sich zufrieden. Nur kleine Verpackungsreste sind am Wegesrand zu finden. Auf dem Rückweg schlägt Kapper vor, auf einem Parkplatz nach Müll Ausschau zu halten. Dort zeigt sich den Männern ein ganz anderes Bild: Mitten auf der Wiese liegen etliche Verpackungen, Pappbecher, Plastikgefäße und Papiertüten. Das aufgedruckte Logo lässt darauf schließen, dass einige Personen ihre Essensverpackungen von einem Fast-Food-Restaurant entsorgt haben. „Hier haben wir eine ordentliche Ausbeute gemacht, das war ein ganzes Menü für mehrere Personen“, meint Kapper schmunzelnd.
Eine Eigenschaft, die sich an diesem Vormittag als wichtig erweist: Den Humor behalten und Spaß bei der Arbeit haben – trotz der Fassungslosigkeit über herumliegenden Müll. Nur wenige Schritte weiter erlebt Bigott einen solchen, fassungslos machenden Moment. Hinter einem Baum hat er einen dunkelgrünen Müllsack entdeckt, der dort abgestellt wurde. Als er den Sack öffnet, findet er darin einen großen blauen Kanister. Das Etikett gibt Aufschluss über den teilweise noch vorhandenen Inhalt – Wasserstoffperoxid. Als eine „bodenlose Frechheit“ bezeichnet es Bigott, und sein Sammelkollege kann nur zustimmen. Und wieder treibt die beiden die Frage um, wieso Menschen diesen Müll in der „schönen Landschaft am Altrhein“ entsorgen.
Bewusstsein für Problematik schaffen
An der Ecke zur Landstraße treffen sie auf eine andere Gruppe. Ein kurzer Austausch zeigt ähnliche Ergebnisse. Die Geocacher, die entlang der Industriestraße Müll sammeln, haben „viele kleine Plastik- und Papierteile“ gefunden, aber auch eine Gasflasche, erklärt Marco Kaiser. Besonders an Parkplätzen komme es zu Anhäufungen von Müll. Oft würden Menschen dort ihren Hausrat abstellen, um Entsorgungskosten zu sparen, meint die Gruppe. Einig sind sich hier alle: „Das darf nicht sein, und es ist wichtig, dass es Aktionen wie diese gibt.“
Dessen ist sich auch die Gemeinde bewusst, die den Gemarkungsputz dieses Jahr in Zusammenarbeit mit Klimamanager Pfeifer organisiert hat. 90 Anmeldungen seien vorab eingegangen, und „spontan haben sich rund 30 Bürger der Sammelaktion angeschlossen“, berichtet Beigeordneter Jens Becker (SPD). Damit bewege sich die Teilnehmerzahl im jährlichen Mittel und sei „sehr zufriedenstellend“.
Feuerwehr verköstigt Teilnehmer
Besonders die „Ablagerungen in Nähe der B9“ seien der Gemeinde ein Dorn im Auge, erklärt Becker. „Die Gründe hierfür sind vielfältig“, meint Pfeifer. So seien „neben Bequemlichkeit und Ignoranz auch das fehlende Grundwissen der Bürger über Mülltrennung und -entsorgung“ ausschlaggebende Faktoren, weshalb sich manche dazu verleiten lassen, den Abfall in der Natur zu entsorgen. Dieser Tag soll diesem Problem entgegenwirken, ein Bewusstsein für die Problematik schaffen und die „Gesellschaft zusammenschweißen“.
Belohnt werden die Helfer im Anschluss mit Würstchen und Getränken. Dafür sorgen zwölf Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Sie stellen ihr Gerätehaus zur Verfügung und haben dort neben einer Essensausgabe auch etliche Bierzeltgarnituren aufgestellt, an denen die Helfer Platz nehmen können. Als rund 70 Freiwillige nach drei Stunden Müllsammeln im Feuerwehrhaus eintreffen, drehen sich die Gespräche um die kuriosesten Funde, wie etwa eine Stoßstange. Mit dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, verabschieden sich die Teilnehmer – viele von ihnen wollen auch nächstes Jahr wieder dabei sein.