Rhein-Pfalz Kreis Gemüse ist sein Fleisch

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Mutterstadt

. Womit Johannes Eiken nicht gerechnet hat: Gemüse ist jetzt sein Fleisch. Damit ist nicht gemeint, dass der neue Verwaltungsvorstand überrascht war, es im Pfalzmarkt mit Radieschen und Karotten zu tun zu haben. Erstaunt hat ihn aber, dass die Gemüsebranche genauso sensibel ist wie der Fleischmarkt. Johannes Eiken hat, bevor er im November zu der Mutterstadter Erzeugergemeinschaft wechselte, acht Jahre lang bei Heidemark in Norddeutschland gearbeitet, einem Großerzeuger für Putenfleisch. „Tierwohl war da immer ein großes Thema. Das fällt jetzt weg, klar.“ Doch Hygiene, Frische und ausgeklügelte Kühlkettensysteme spielen auch in der großen Gemüsewelt eine wichtige Rolle. Seit einem halben Jahr versucht er, sie kennen und verstehen zu lernen. Ebenso den Pfälzer Dialekt. Das Baure Bauern sind – geschenkt. Aber was zum Kuckuck soll dieses „alla hopp?“. Ja, die Pfalz. Eine schöne Region. Keine jedoch, die Johannes Eiken auf dem Radar hatte. Eigentlich. Aber dann ist seiner Frau seine Misslaunigkeit auf die Nerven gegangen: „Dass du lange arbeitest, ist eine Sache, aber wenn du danach nicht nur erschöpft, sondern auch noch genervt neben mir auf dem Sofa sitzt, musst du etwas ändern.“ Diese Ansage seiner Angetrauten hat sich der 52-Jährige zu Herzen genommen und sich informiert, wo ein Diplom-Betriebswirt, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater wohl neue Herausforderungen finden könnte, die ihm in seinem alten Job inzwischen fehlten. „Meine südliche Grenze war Frankfurt und dann fiel der Name Pfalzmarkt. Ich habe hektisch gegoogelt und erkannt: Das ist südliches Rheinland-Pfalz. Das ist die Pfalz.“ Dreidreiviertel Stunden von seinem Zuhause Dötlingen entfernt liegt der Gemüseumschlagplatz, der genossenschaftlich geführte Betrieb, den Eiken nun mit in die Zukunft führen soll. Während sich Johannes Trauth, der zweite im Vorstandsteam, weiter vor allem um den Verkauf an sich kümmert, wird es die Aufgabe des Norddeutschen sein, die Abläufe zu organisieren, sprich: die Strukturen zu optimieren und die Abteilungen besser zu vernetzen. „Als Vorstand hat man alles richtig gemacht, wenn es im Unternehmen rund läuft, die Rädchen wie in einem Uhrwerk ineinandergreifen. Dann hat man auch Zeit, seinen Blick in die Zukunft zu richten.“ Die Gemüsewelt wird sich verändern. So viel ist dem Neuling bereits bewusst. Eine neue Generation Landwirte wird neue Anforderungen an den Pfalzmarkt stellen. „Diese jungen Leute haben bei ihren Eltern mitgearbeitet, dabei eigene Ideen entwickelt, vielleicht noch studiert, es wird spannend sein, wie sie die Betriebe zukunftsfähig machen wollen.“ Johannes Eiken bedauert, dass er bislang erst 20 Pfalzmarkterzeuger vor Ort besucht hat. Noch sei er zu sehr damit beschäftigt, sich mit internen Abläufen vertraut zu machen, um öfter für Besuche raus zu kommen. Er will das aber bald ändern. Eine Anforderung, die Bauern, Lebensmittelhändler und Kunden gleichermaßen haben: Das Gemüse soll knackfrisch aussehen. Deshalb investiert der Pfalzmarkt 20 bis 30 Millionen Euro in neue Gebäude mit besserer Kühltechnik. Bis 2019 sollen sie stehen, das Kerngeschäft der Vermarktung dorthin verlagert werden. Ein Prozess, den Eiken begleitet. „Der wichtig ist für den Pfalzmarkt, dessen Logistik noch darauf ausgerichtet ist, dass Gemüse versteigert wird. So war das auch noch vor ein paar Jahren üblich. Und die Gebäude wurden vor 25 Jahren entsprechend gebaut“, sagt Eiken. Heute werden Radieschen, Karotten und Co. am Telefon verkauft. Allerdings nicht mehr unbedingt das Gemüse, das gerade da ist, sondern das Gemüse, das die Kunden – meist Supermarktketten – wollen. Die Landwirte hier sagen zwar „alla hopp“, sie wirkten aber oft gestresst, sagt Eiken. Gemüseanbau ist arbeitsintensiv, sehr wetterabhängig und konzentriert sich auf die warmen Monate. Und dann kommt dazu, dass die Erzeuger montags noch nicht wissen, was sie in der jeweiligen Woche schneiden werden. Der Lebensmittelhandel überlegt reiflich, was es sein darf, bis telefoniert wird. „Im Norden ist Landwirtschaft gemischter. Ein büschen Vieh, ein büschen Ackerbau, ein büschen Biogas. Die Arbeit verteilt sich besser. Das Wetterrisiko ist nicht so hoch. Die Abhängigkeiten sind geringer“, meint Eiken einen Unterschied zu seiner Heimat ausgemacht zu haben. Eikens Vater hatte selbst Landwirtschaft, allerdings nur im Nebenerwerb. In Aschendorf, einem Stadtteil von Papenburg, ganz im Nordwesten der Republik. Von ungefähr kommt sein Faible für das Agrarwesen also nicht. Dabei hat der Diplom-Betriebswirt nach seinem Studium in Berlin schon mehr ausprobiert. Er hat als Steuerberater in einer Kanzlei gearbeitet und als Wirtschaftsprüfer bei großen amerikanischen Prüfgesellschaften. „Aber mir gefällt das hemdsärmelige in der Agrar- und Ernährungswirtschaft irgendwie besser als immer akkurat sitzende dunkelblaue Anzüge.“ Dickköpfig – dieses Adjektiv fällt ebenfalls im Gespräch mit dem neuen Vorstandsmitglied. Und zwar in Bezug auf die Pfälzer. Aber Eiken gefällt es, verbindet er diese Eigenschaft doch auch mit den Menschen aus seiner Heimatregion, in die er vorerst noch jedes Wochenende zurückfährt. Dreidreiviertel Stunden. Ein Weg. Aber ganz hierher ziehen? Vielleicht wenn Eikens ältester Sohn auf die weiterführende Schule wechselt, das wäre in etwa 15 Monaten. Der Jüngere könnte dann hier Anschluss im Kindergarten finden. „Aber das ist etwas, das meine Frau und ich uns gut überlegen müssen. Und der Pfalzmarkt und ich – auch wir beide müssen wissen, ob wir zusammenpassen, bevor ich mein ganzes Leben umkrempele.“ Eiken ist ein offener Typ. Wieder ein Adjektiv. Wieder eines, dass er auch mit den Pfälzern in Verbindung bringt. „Oder sagen wir direkt ...? “ Direkt mit zu einem Mundartabend hat ihn jedenfalls sein Vermieter in Gimmeldingen geschleppt und ihn direkt zu anderen an den Tisch gesetzt, die direkt ein Gespräch mit ihm anfingen. „Eine Frau mir gegenüber hat netterweise über die Vorzüge des Nordens geschwärmt – nur eines habe sie nicht verstanden: warum in norddeutschen Kneipen einer alleine am Tresen steht und einer alleine am Tisch sitzt ...“ Auf gepflegte norddeutsche Art in der Pfalz ausgehen, alleine in sein Bier starren, das gehe in Gimmeldingen eigentlich nur am Dienstag. „Dann haben nämlich alle Lokale Ruhetag, müsste mich nur ein Wirt in den Gastraum lassen.“ Obwohl: Bier? Ist das überhaupt noch sein Getränk? Seitdem ihm sein Nachbar direkt mal eine Flasche Grauburgunder geschenkt hat, hat Johannes Eiken direkt Geschmack am Pfälzer Weißwein gefunden.

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