Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Gefahr für die Pfälzer Grumbeere? Kartoffelexperten zur Glasflügelzikade und Lebensmittelverschwendung

Pfälzer Grumbeere ohne Ende? Noch läuft es gut bei den Landwirten. Die Glasflügelzikade allerdings könnte künftige Ernten stark
Pfälzer Grumbeere ohne Ende? Noch läuft es gut bei den Landwirten. Die Glasflügelzikade allerdings könnte künftige Ernten stark einschränken. Lösungen werden gesucht.

Die Kartoffelsaison neigt sich dem Ende entgegen. Der Mutterstadter Landwirt Hartmut Magin und Klaus Amberger von der Erzeugergemeinschaft Pfälzer Grumbeere ziehen Bilanz. Sie sprechen im Interview mit Britta Enzenauer über Ernteziele, Sortentrends und richtig mehlige Knollen. Zwei Themen treiben die beiden jedoch besonders um: Lebensmittelverschwendung, weil Knollen mit Punkten weg müssen. Und die Glasflügelzikade, die existenzbedrohend werden könnte.

Herr Magin, wissen Sie, wie viele Zentner Kartoffeln Sie dieses Jahr geerntet haben?
Hartmut Magin: In meinem Betrieb so zirka 4500 Tonnen. Von der Erzeugergemeinschaft Pfälzer Grumbeere führen wir jedes Jahr aber auch eine Gesamtstatistik, bei der wir vor allem unsere magische Grenze – 100.000 Tonnen bis zum 10. August – im Blick behalten. Dieses Jahr haben wir dieses Ziel nicht ganz erreicht. Vor allem wetterbedingt sind wir nur auf 85.000 Tonnen gekommen. Der Mai war noch mal richtig kalt. Wir sind dadurch etwas später an den Start gegangen. Sagen wir es mal so, es war ein durchschnittliches Kartoffeljahr.

Aber am 10. August endet doch noch nicht die Kartoffelsaison?
Magin: Nein natürlich nicht. Danach wird weitergeerntet. Aber die Frühkartoffelsaison endet.

Dann ist eine Grumbeere nur bis zu diesem Stichtag eine Frühkartoffel?
Magin: Richtig. Was danach geerntet wird, heißt dann in Deutschland einfach nicht mehr Speisefrühkartoffel, sondern nur noch Speisekartoffel.

Das heißt, das Ziel, 100.000 Tonnen Kartoffeln zu ernten, gilt nur für Frühkartoffeln?
Klaus Amberger: Richtig, das gilt nur für Frühkartoffeln. Aber wir führen selbstverständlich weiterhin eine Erntestatistik. Für uns ist das Erfassen von Sorten und Erntemengen wichtig, um einen gewissen Marktüberblick zu bekommen und gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel zu wissen, welche Mengen an festkochenden, vorwiegend festkochenden und mehligen Kartoffeln im Anbau sind.

Ist die Kartoffelsaison jetzt komplett vorbei?
Amberger: Sie ist in den letzten Zügen. Aber das gilt nur für uns in der Pfalz. In Norddeutschland, wo man nicht wie hier den besonderen Frühkartoffelanbau betreibt und generell später dran ist, ist man mittendrin.

Was ist für die Pfälzer Kartoffelbauern wichtiger: Die Frühkartoffeln oder spätere Sorten? Oder gilt die Gesamtbilanz?
Amberger: Das Hauptaugenmerk liegt bei uns auf der Frühkartoffel.

Magin: Wir sind ja mit gut einem Dreiviertel der Flächen im Frühbereich. Klar, dass der uns besonders wichtig ist.

Wenn ich jetzt in Ihrem Hofladen einkaufe, bekomme ich eine Speisekartoffel?
Magin: Richtig. Frühkartoffeln werden geerntet und verkauft. Sie kann man nicht lagern. Sie sind zu unruhig. Sie würden keimen. Außerdem ist ihre Schale zu dünn. Was man jetzt bei uns Kartoffelerzeugern bekommt, ist Herbstware. Diese Kartoffeln, die robuster sind, können wir auch lagern. Interessanter Fakt in diesem Zusammenhang ist vielleicht: Frisch vom Acker gibt es Kartoffeln nur gut vier Monate lang. Alles andere ist Lagerware.

Welche Sorten sind derzeit in der Pfalz vorwiegend im Anbau?
Magin: Im festkochenden Bereich ist bei der Spätware die Allianz eine Kartoffel, die stark auf dem Markt vorhanden ist. Oder die Belana. Auch die La Vie geht gut. Sie hat zwar einen französischen Namen, ist aber auch hierzulande beliebt. Es ist eine besonders aromatische Sorte. Im vorwiegend festkochenden Bereich ist eine Madeira dabei. Oder eben die Gala. Auch eine Olivia. Im mehligen Bereich gehören zu den gängigen Sorten die Melody und die Lilly. Richtig mehlig ist auch die Afra. Sie und die Melody sind verlässlich mehlig. Es gibt Sorten, da variiert der Stärkegehalt je nach Wetter. Bei weniger gutem Wetter lagern sie weniger Stärke ein. Erwischt man solch eine Charge, kann es sein, dass die Knödel beim Kochen auseinanderfallen. Bei der Afra oder der Melody passiert das nicht. (lacht)

Nach was fragt der Lebensmitteleinzelhandel?
Magin: Immer nach allen drei Kocheigenschaften. Festkochend. Vorwiegend festkochend. Mehlig. Was die Sorten anbelangt, ist es eine Frage der Jahreszeit. Im Frühbereich ist auf jeden Fall die Annabelle beliebt. Aber Sorten ändern sich ja auch. Es gibt Sorten, die fallen aus dem Anbauprogramm, weil sie schwierig werden. Nicht gut wachsen. Krankheitsanfällig sind. Dafür werden neue Sorten entwickelt. Viele Verbraucher gucken gar nicht nach dem Namen, habe ich gemerkt. Denen geht es um die Kocheigenschaft. Die Supermarktketten steigen im Übrigen deshalb meist erst in die Saison ein – also was heimische Ware anbelangt –, wenn alle drei Kochtypen vorhanden sind. Das dauert ein bisschen, weil mehlige Sorten länger brauchen, bis sie reif sind. Im Hofladen oder auf dem Markt gibt es früher frische Ware. Festkochende Sorten eben, die zum Beispiel gut zu Spargel passen.

Aber generell kann ich mit gutem Gewissen auch Kartoffeln im Supermarkt kaufen.
Magin: Auf jeden Fall. Supermärkte werden immer wohlsortierter. Man achtet allerdings darauf, dass die Kartoffeln optisch etwas hermachen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Geschmack zu tun. Alte Sorten, die von Form und Schale nicht unbedingt Schönheiten sind, dafür aber wunderbar schmecken, wird man im Supermarkt nicht finden. Man kauft im Supermarkt einfach über die Optik. Man kann die Kartoffel ja nicht probieren, wenn man vor dem Regal steht.

Hmm. Das mag wohl sein. Ich schaue vor allem, dass nicht so viele grüne Knollen dabei sein.
Magin: Da sprechen Sie einen empfindlichen Punkt an. Die Regalpflege im Supermarkt sollte pingelig gemacht werden. Wir Bauern gucken auf die höchste Qualität bis zur Ladekante. Und dann liegen die Kartoffeln im Laden im Licht. Natürlich auch, damit sie gut präsentiert sind. Aber nach zwei Tagen sind sie leicht grün, und wenn sie noch länger liegen grasgrün.

Gab oder gibt es in diesem Jahr Probleme mit der Konkurrenz aus dem Ausland?
Amberger: Das Ausland war im Frühjahr da. Das ist eigentlich immer so. Unsere Lager sind in der Regel ziemlich leer. Die neue Ernte ist noch nicht da. Wichtig ist, dass die Kartoffeln aus Ägypten oder anderen Ländern nicht zu lange in den Regalen bleiben. Dieses Jahr hat das sehr gut geklappt. Als wir mit heimischer Ware bereit waren, war in den Regalen Platz dafür. Wir konnten direkt in den Markt einsteigen. Die Wechsel haben gut geklappt.

Magin: Das klappt tatsächlich nicht immer so gut, weil seitens des Lebensmitteleinzelhandels mit großen Überlappungen geplant wird. Die Kartoffeln sollen ja nicht ausgehen. Aber doch, dieses Jahr hat es gut funktioniert.

Wie zufrieden waren Sie mit der Qualität der Knollen?
Magin: Also im Frühbereich war die Qualität sehr gut. Es hat dann im Sommer irgendwann angefangen mit Schädlingsbefall oder mit Krankheiten an den Blättern. Einzelne Felder waren nicht mehr so ertragreich. Da kommen wir noch mal zu dem Aspekt, dass eine Ware eine bestimmte Optik haben muss. Gerade im Supermarktbereich. Da ist es dann schon problematisch, wenn eine Kartoffel einen schwarzen Fleck hat. Stellt sich die Frage, wie viele Mängel sind seitens der Verbraucher tolerierbar? Stichwort: Lebensmittelverschwendung. Ein paar Schäden an der Haut und eine Kartoffel wird sofort aussortiert. Ich jedoch sage: Eine Kartoffel wird geschält. Oder gepellt. Ich schneide den schwarzen Fleck weg. Die Kartoffel selbst ist ja essbar. Aber da wird hierzulande ordentlich Lebensmittelverschwendung betrieben, weil jeder Punkt aussortiert wird. Eine Kartoffel ist ein Naturprodukt. Wie perfekt soll Natur heutzutage sein? Wie perfekt eine Kartoffel? Ich zeige Ihnen hier mal ein paar Bilder. Sehen Sie die Punkte auf der Schale? Diese Kartoffeln fliegen alle weg. Traurig. Ist aber wohl so gewollt.

Sie sagten eben, im Frühbereich war es top. Dann kamen Probleme auf. In diesem Zusammenhang folgende Frage: Am Kraut der Kartoffelpflanze ist es zuerst zu erkennen. Die Blätter rollen sich ein und verfärben sich. Dann werden irgendwann die Kartoffeln weich und schrumpelig – sogenannte Gummiknollen. Das passende Stichwort dazu lautet: Glasflügelzikade. Wie groß ist das Problem?
Magin: Im Frühbereich wenig, bis nicht vorhanden. Weil die Zikade dann noch nicht entwickelt ist und noch keine Probleme machen kann. Doch bereits ab Ende Juni kann es in gewissen Regionen sehr schwierig werden. Es gibt Landwirte, die deshalb keine Kartoffeln mehr anbauen.

Das ist schon so? Ich dachte, das sei so ein Zukunftshorrorszenario.
Magin: Nee, das ist teils schon so. Deshalb ist der Trend hier, verstärkt auf den Frühbereich zu setzen. Es gilt, so früh wie möglich Kartoffeln zu ernten. Bevor sich eben die Zikade entwickelt hat und Schäden anrichten kann.

Aber das kann nicht die einzige Lösung sein. Wenn es immer wärmer wird, könnte die Zikade weiter nach Norden wandern und auch dort den Kartoffelbauern Ärger machen.
Magin: Absolut. Das ist möglich. Und auch wir hier im Süden brauchen Perspektiven. Deshalb brauchen wir weitere Strategien. Eine ist, detailliert auf die Fruchtfolge zu achten. Ein Feld mit Zikadenvorkommen eignet sich nicht gut für Kartoffeln. Die Hoffnung ist, durch Brache den Zikadennachwuchs im Boden auszuhungern. Eine andere Strategie ist, verstärkt auf die Sortenauswahl zu achten. Nicht jede Sorte reagiert gleichermaßen auf die Zikade. Manchen Sorten macht es weniger aus, wenn sie angepikst werden. Dazu werden gerade erste Analysen gemacht. Der Zuckerrübenverband ist da ebenfalls sehr stark engagiert. Denn die Rübenbauern sind auch von der Zikade betroffen. Wie groß der Schaden ist, den die Zikaden hinterlassen, hängt zudem von einem Bakterium ab. Nicht alle Zikaden übertragen dieses Bakterium. Das ist ähnlich wie mit Stechmücken und Malaria. Nicht jede Mücke überträgt den Erreger.

Und nur, wenn sie das Bakterium übertragen, ist es ein Problem für die Knolle?
Amberger: Genau. Nur dann.

Wie groß kann das Problem noch werden? Es gibt bereits Stimmen, die sagen, es wird irgendwann keine Pfälzer Grumbeere mehr geben.
Magin: Nein, so wird es hoffentlich nicht werden. Der späte Anbau kann wie gesagt ein Problem werden. Aber genau dafür suchen wir Sorten, die unempfindlich sind. Außerdem ist die Zikade nicht jedes Jahr ein großes Problem. Dieses Jahr zum Beispiel war kein Zikadenjahr. Die feuchte Witterung hat die Ausbreitung der Tiere anscheinend gebremst. Auch das ist eine interessante Beobachtung. Dafür hat der Drahtwurm dieses Jahr seine Spuren hinterlassen. Irgendetwas ist halt immer. Vor allem seit es verboten ist, Beizmittel zu verwenden. Damit haben wir früher das Saatgut beziehungsweise Pflanzgut behandelt. Schädlinge wurden quasi im Boden und zu einem frühen Stadium bekämpft. Vielleicht sogar bereits die Zikade. Solche Insekten tauchen ja nicht von jetzt auf gleich auf. Fakt ist, je mehr Wirkstoffe vom Markt genommen werden, desto mehr neue Probleme tauchen auf. Leider.

Es gibt bislang also kein zulässiges Mittel gegen das Insekt, das aus Südeuropa eingewandert ist. Ist denn eines in der Entwicklung?
Wir haben selbst Versuche am Laufen. Die Forschung ist ebenfalls tätig. Vorrangig ist, den Lebenszyklus der Zikade besser kennenzulernen, um zu erkennen, wann und wo man das Tier packen kann.

Die Kartoffelernte neigt sich dem Ende. Die Zikade ihrem Lebenszyklus. Zeit durchzuatmen? Hat man als Landwirt auch mal frei?
Im Moment ist tatsächlich eine entspanntere Phase. Aber bald werden wir die ersten Felder vorbereiten. Der Pflug wird angeschnallt. Die Weizenaussaat beginnt, wenn es das Wetter zulässt. Irgendwann im November treffen die ersten Pflanzkartoffeln ein. Dann gibt es noch mal rund drei Wochen Arbeit, bis die Beleuchtung aufgebaut ist und die Knollen in ihrem Kartoffelsolarium vorkeimen können. Ja, und dann ist schon fast Weihnachten (lacht).

Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Pfälzer Grumbeere: Hartmut Magin.
Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Pfälzer Grumbeere: Hartmut Magin.
Klaus Amberger ist Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Pfälzer Grumbeere.
Klaus Amberger ist Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Pfälzer Grumbeere.
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