Rhein-Pfalz Kreis Gefühl wie nach einer gelungenen Operation
«Beindersheim.» Motoren sind seine Berufung – ob als gefragter Bastler oder begeisterter Motorradfahrer. Sein Lebensziel hat Siegfried Richter aus Beindersheim erreicht: die höchste Auszeichnung im Motorsport, das goldene Sportabzeichen mit Brillanten des ADAC und das silberne Lorbeerblatt. Doch auch mit 74 Jahren ist er seines Hobbys noch lange nicht überdrüssig.
Wer Siegfried Richter in seiner Werkstatt besucht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Unzählige Handwerksutensilien und Maschinen sowie spezielle Teile, die es auf dem Markt schon gar nicht mehr gibt, lagern dort. Kleinteile fertigt er selbst, Getrieberäder etwa bezieht er von einem Schweizer Fachunternehmen. Eng ist es, teilweise wirkt es sogar chaotisch. Doch der Motorfan weiß, was er alles hat und wo er es hat. Richter überholt und repariert Getriebe. Im Moment baut er eine zweizylindrische BMW-Boxer-Rennmaschine neu auf. Seine Kunstfertigkeit als Motorbastler ist gefragt. „Nicht gewerblich, nur für Freunde mache ich das“, betont er. Das sind meist Rennfahrerkollegen aus Deutschland, Europa, Australien oder den USA. Tätig wird er nur aufgrund persönlicher Kontakte, denn Richter ist weder per E-Mail zu erreichen, noch kann er auf eine Homepage verweisen. Auch Werbung macht er nicht. Dass er für Motorräder und Getriebe ein Händchen hat, hat sich einfach herumgesprochen. Für die Mechanik hat sich Richter schon immer interessiert. Als Junge schraubte er an Fahrrädern, half den Bauern bei Problemen mit Traktoren oder Erntemaschinen. Zunächst hatte der 15-Jährige das Segelfliegen als Hobby auserkoren. Doch der Sport sei vor rund 60 Jahren teuer gewesen, habe mehr verschluckt, als er mit zusätzlichem Arbeiten auf dem Bau habe verdienen können, blickt Richter zurück. Sein erstes Rennrad habe er sich aus zwei Adi-Motorrädern zusammengebaut. Woher er das Wissen hatte? „Ich habe geguckt, gefragt, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Sehr viel hat mir mein Beruf geholfen“, sagt er. Man müsse sich vorstellen können, was im Innern der Maschine abläuft, wie eins ins andere greift. Einfach Module oder Aggregate austauschen, das gab’s damals nicht. „Eine Reparatur hat einen richtig gefordert, man musste den Kopf anstrengen, aber hatte dann auch ein Erfolgserlebnis wie nach einer gelungenen Operation.“ Geboren ist Siegfried Richter in Kusel. 1958 ließ sich der Vater nach Frankenthal versetzen in der Hoffnung, der Sohn fände dort eher eine Lehrstelle. „Ich bin zu jedem gegangen“, erinnert sich Richter. Auch zu Hans-Gerd und Karlheinz Wedig. Die beiden betrieben eine Kohlenhandlung und eine Rheinpreußen-Tankstelle mit Waschhalle. Auch kleinere Autoreparaturen wurden in der NSU-Prinz-Vertretung erledigt. „Wenn Sie eine Werkstatt haben, brauchen Sie auch einen Lehrling“, habe er gesagt – und wurde im April 1959 der erste Autoschlosserlehrling der Firma Wedig. 30 Mark Erziehungsbeihilfe habe er monatlich bekommen, fünf Mark gab’s als Tankhilfe obendrauf, und am Wochenende habe er geholfen, Lkw und Eisenbahnwaggons zu beladen. Nach viereinhalb Jahren als Geselle wechselte er zur ebenfalls in Frankenthal ansässigen Firma Sutter, zuletzt als Werkstattleiter. Aus dem Beruf resultierte sein Hobby, das erste Rennen fuhr Richter Anfang der 60er-Jahre bei der Wormser Motorsportjugendgruppe des ADAC. Auf einem Übungsgelände für amerikanische Panzer durften die jungen Motorsportfans üben. Noch heute ist er fast jedes Wochenende unterwegs. Richter fährt Veteranenrennen als Gespann (Motorradbeiwagen) auf der Straße und im Gelände. 18 Motorräder zählt seine Sammlung. Bei kleinen Rennen oder mehrtägigen Touren in Wales, Schottland oder der Schweiz ist Richter schon angetreten. Zuletzt war er im Gespann 2017 in Lorsch und Waldmichelbach siegreich. In diesem Jahr steht für Richter jedoch erst einmal eine Auszeit vom Rennsport an. Geschuldet ist dies dem Umzug in den rheinhessischen Ort Ludwigshöhe. In dem Dorf zwischen Guntersblum und Oppenheim hat er ein neues Domizil für die derzeit noch in Beindersheim angesiedelte Werkstatt. „Erster Wohnsitz bleibt aber Frankenthal“, betont der Kraftfahrzeugmechaniker.