Rhein-Pfalz Kreis Ganz bio, ganz Blaul

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Kleinniedesheim. Ein halbes Jahr Marokko hat Fred Blaul bio denken lassen. Ein halbes Jahr, in dem er als Student Pflanzenschutzmittelversuche für die BASF anlegte. „Mich hat das abgeschreckt“, sagt er. Erste Kontakte in die Bio-Szene hat der Kleinniedesheimer Anfang der 80er-Jahre geknüpft, bei einem Kongress in Göttingen. Viele Leute von dieser Hochschulwoche hat er später in der Entwicklungshilfe wieder getroffen. Blaul hat Internationale Agrarwirtschaft in Kassel studiert und lange im Ausland gearbeitet. Das hat ihn außerdem nachhaltig denken lassen. Nachhaltig im Sinne von: Wie gehe ich mit meiner Umwelt um? „Regionale Versorgung – Selbstversorgung – ist ebenfalls ein Thema in der Entwicklungshilfe, deshalb ist mir Vielfalt persönlich auch so wichtig.“ Vielfalt in Form von Sellerie, Kohlrabi, Minispitzkohl, Rotkohl, Chinakohl, Blattsalaten und Koriander breitet der Landwirt jetzt im Hof vor seiner Lagerhalle aus. Jungpflanzen, die gerade eingetroffen sind und möglichst bald auf den Feldern verteilt werden sollen. „So gestapelt dürfen die Kisten höchstens einen Tag lang stehen, die unteren Pflanzen bekommen ja gar kein Licht. Sehen Sie hier – das Blatt ist schon ganz blass.“ Ganz schön schwer, so ein Kasten voller Grünzeugs. 140 Jungpflanzen passen da in etwa hinein. Rund 5000 Kisten bewegen Blaul und seine Leute in einem Jahr, etwa 700.000 Setzlinge stecken sie in die Erde. Der Wareneinsatz: circa 70.000 Euro. Da kann jeder nachvollziehen, dass dem Biobauern etwas an seinem Junggemüse und den zarten Kräutern liegt, dass er sich für sie Wohlfühlwetter wünscht – nicht zu heiß, nicht zu trocken und nicht zu windig. Dass er sie mit Bedacht aussetzt, mit Vlies schützt, wo es notwendig ist. Und dass er auch mal nervös wird, wenn er einen Satz seiner Zöglinge vermisst. „Ja, wo ist er denn, der Dill?“ Das Kraut mit den feinen Blättern und dem aromatischen Geschmack findet sich zwischen den Kisten. Blaul hält ein Pflänzchen, das in einem Würfel aus gepresster Erde sitzt, ins Sonnenlicht. „So filigran, so schön“, schwärmt er. Aufgegangen ist es aus einem Samen in den geschützten Hallen eines Bioland-Produzenten bei Stuttgart. Bevor es in die Pfalz gefahren wurde, musste es sich akklimatisieren – robust sollte es schon sein, um im Freien überleben zu können. Blaul arbeitet vorwiegend mit Jungpflanzen. Säen ist zwar billiger, jedoch auch arbeitsintensiver. Klar wird das draußen auf dem Feld, als der Landwirt eine Plane lüftet, unter der Petersilie wächst. Sie wurde gesät. Die ersten zarten Blätter lugen bereits aus dem Boden, Unkraut ist ebenfalls aufgegangen. Für ungeübte Augen ist das Grün auf dem Feld kaum zu unterscheiden. Doch: Was nicht wachsen soll, muss raus. Und genau das ist das Problem. Mit einer Hackmaschine kann zwar das unerwünschte Kraut links und rechts neben den Saatreihen entfernt werden. Was aber zwischen den Petersilienpflänzchen zum Vorschein kommt, muss mit der Hand gezupft werden. „Ein äußerst unbeliebter Job.“ Biobauern, die kein Unkrautvernichtungsmittel spritzen dürfen, bleibt nur, es abzuflammen, damit es nicht allzu sehr wuchert. Das muss allerdings geschehen, bevor das erste Petersiliengrün aus der Erde kommt. Oder bevor sich Radieschen- und Möhrenblätter zeigen. Wenn der Hackaufwand auch groß ist – manches Gemüse muss gesät werden. Außer den genannten Sorten verteilt Blaul die Samen von Rettich, Spinat, Pastinaken, Wurzelpetersilie, Eiszapfen, Roter Bete und Speiserübchen. Sellerie dagegen wird gepflanzt. Und deshalb ist jetzt das Tuckern der Maschine zu hören, die hilft, die Setzlinge zu vergraben. Am Steuer sitzt Stanislav Majewski. Dann kommen ganz viele Kisten mit ganz viel Grün. Und hinten hocken Leszek Przekop und Pawel Wijas auf zwei Sitzen. Ihre Aufgabe: Eine Scheibe mit Jungpflanzen zu bestücken, die durch Löcher in Richtung Boden geschossen und dort eingebuddelt werden. Theoretisch. Praktisch wird der Sellerie heute lieblos abgeworfen. „Halt“, brüllt Blaul. Stanislav Majewski stoppt die Maschine. Dann krabbeln alle unter den Traktor. Mit einem großen Schraubenschlüssel wird nachjustiert. Motor an. Tuckern. Jetzt läuft’s. Der Sellerie sitzt perfekt in der Erde. Der Biobauer zuckt mit den Schultern: „Vorführeffekt.“ Gesetzt und gesät wird nicht nur im Frühling, das geht bis Anfang Oktober. Gestartet wird damit – und da stimmt das alte Volkslied noch immer – „im Märzen“. Blaul und seine Leute spannen dafür allerdings – Bio hin, Bio her – kein Rösslein mehr an. Es gibt ja Traktor und Schraubenschlüssel. Nach vier bis zwölf Wochen, abhängig von den Kulturen, wird geerntet. „Radieschen haben wir schon gepflückt, ganz zart schmecken sie.“ Petersilie und der erste Rucola sind bereits geschnitten. Frühlingszwiebeln kommen jetzt auf den Markt. „Riechen Sie’s? Ihr Geruch zieht vom Nachbarfeld herüber.“ Demnächst werden, der Name verrät es, die Mairübchen reif. Weißkohl und Rote Bete gibt es ab Juni. „In der Hochsaison können wir einem Marktbeschicker den Wagen mit ganz unterschiedlichen Gemüsesorten vollladen“, sagt Blaul. Ein Vorteil seiner Vielfalt. Der Nachteil: „Wenn man viel macht, geht auch eher mal was schief. Es ist schwieriger als nur ein Viertel der Sorten anzubauen und mit diesen hohe Erträge einzufahren.“ Aber Fred Blaul mag es bunt. Nicht nur im Hofladen, den seine Frau führt, sondern auch auf dem Teller: weiße Rübchen, Rote Bete, violette Kartoffeln. Oder Spinat – „dieser grüne Brei nach Oma-Art, abgeschmeckt mit viel Muskat, lecker!“. Ein bisschen verrückt ist, dass der 60-Jährige ausgerechnet eines seiner Lieblingsgemüse nicht selbst anbaut. Blaul ist ein ausgemachter Spargelfan. Zum Glück haben Kollegen die feinen Stangen im Angebot – in Bio-Qualität. Und der Silvaner dazu muss aus unbehandelten und ungespritzten Trauben hergestellt sein? „Ach, ich bin da nicht radikal. Wenn ich Lust auf einen Wein habe, trinke ich ihn.“ Blaul lebt trotzdem sehr bewusst. Bio-Eier aus Bad-Dürkheim, Bio-Fleisch aus Landau, Bio-Brot aus Mannheim, Bio-Hundefutter aus Vaihingen. Letzteres ist – um Missverständnissen vorzubeugen – für Luna, den Hofhund. Der Biobauer schwärmt eher für Korianderpesto. „Das ist so gut, das könnte ich zu allem essen – Fisch, Nudeln oder einfach Kartoffeln. Allein wie das riecht ...“ Blaul zupft ein Blatt ab und zerreibt es. Der letzte Portugal-Urlaub kommt in den Sinn. Muscheln in Koriandersud. Ein Leuchtturm, das Meer am Horizont. Augenblinzeln. Ach, das ist der Großniedesheimer Wasserturm – und Folien, die im Sonnenlicht blitzen. Aber der Duft ist echt. Und Blauls Lachen, als er das Korianderpflänzchen herüberreicht und sagt: „Probieren Sie mal, es großzuziehen, aber Vorsicht vor dem Nachtfrost.“

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