BEDROHTE NATURPARADIESE (7)
Fließgewässer: Lebensräume aus Menschenhand
Christiane Brell, die Vorsitzende des Natur- und Vogelschutzvereins Dudenhofen, sieht die Veränderungen an Fließgewässern als Ergebnis eines menschlichen Bedürfnisses: „Sie alle fielen unserer Eroberungshaltung zum Opfer: Getrieben vom Wunsch nach der Bezähmung der wilden Natur, nach Raumgewinnung, Beschleunigung, Nutzung als Transportmittel, Energiegewinnung und sonstiger wirtschaftlicher Nutzung wurden Fließgewässer schon früh begradigt, eingedämmt und bezwungen“, sagt sie. Ob Kropsbach, Speyerbach, Woogbach, Altwiesenbach/-graben, Modenbach oder Hainbach: An den meisten Gewässerabschnitten ist ihre Struktur vollständig oder sehr stark verändert worden.
„Ein gravierendes Beispiel ist der Speyerbach“, unterstreicht Reinhard Steiger, der Vorsitzende des Natur- und Vogelschutzvereins Harthausen. Ab der Hanhofer Wasserscheide, der Aufspaltung von Speyerbach und Kropsbach in Woogbach und Speyerbach, ist er ein von Menschenhand geschaffener Wasserlauf. „Mit dem Bau des Kaiserdoms zu Speyer wurde vor über 1000 Jahren dieses Wasserbett errichtet. Es hatte mehrere Funktionen: als Floßbach für Holz und Sandsteine zum Bau der Bischofskirche, als Umgehungsgewässer für die Mühlen in Hanhofen und Dudenhofen und zudem – seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit innerhalb der Reichsstadt – als Entsorgungskanal fließend am Altpörtel vorbei entlang der Maximilianstraße bis zum Rhein“, informiert der Harthausener.
„Unbeschreiblicher Verlust“
Mit der Kanalisierung, Begradigung und abschnittsweisen Neuanlage von Fließgewässern verbunden war ein „in seiner Dimension unbeschreiblicher Verlust von Feuchtgebieten, Sümpfen, Niedermooren, Bruch- und Auwäldern, Stromtalwiesen, Röhrichten und Großseggenriedern, Tümpeln, Schluten, Sand- und Kiesbänken, Steil- und Flachufern und längsdurchgängigen naturnahen Fließgewässern“, teilt Christiane Brell mit. Dieser Prozess sei eine Ursache für den Verlust an Biodiversität, also biologischer Vielfalt. Natürliche Gewässerabschnitte gebe es in der Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen keine mehr. Gleichwohl seien alle Fließgewässer außerhalb der Ortslagen Teil eines EU-Vogelschutzgebiets. Der Modenbach bis zum Zusammenfluss mit dem Speyerbach und der Kropsbach bis zur K 26 sowie der Speyerbach westlich der K 26 zählen außerdem zu einem Fauna-Flora-Habitat-Gebiet).
Wäre die Forderung der EU-Wasserrahmenrichtlinie erfüllt worden, bis zum Jahr 2020 alle Gewässer in den Mitgliedstaaten in einen ökologisch guten Zustand zu überführen, dann gäbe es auch in der Verbandsgemeinde wieder größere Überflutungsflächen und damit naturnähere Lebensräume, gibt die Biologin zu bedenken. Doch das werde in der Regel – etwa bei Baugebietsausweisungen – zu wenig berücksichtigt. Immerhin sei an vielen Stellen noch naturnaher Uferbewuchs mit Erlen, Weiden und Röhrichten vorhanden. Davon profitiere der Eisvogel, der Äste über dem Wasser als Ansitz für die Fischjagd braucht. Er ist eine Zielart des EU-Vogelschutzgebiets, die noch an den hiesigen Fließgewässern brütet. Inzwischen steht der Eisvogel auf der Vorwarnliste der Roten Liste in Rheinland-Pfalz.
Der Eisvogel reagiert ebenso empfindlich auf Störungen durch Menschen bei der Brut wie der Drosselrohrsänger, eine im Land bereits vom Aussterben bedrohte Art. Dieter Hoffmann vom Harthausener Verein erinnert sich, dass in den Schilfflächen am Modenbach über Jahre ein Paar Drosselrohrsänger brütete; den Gesang des Männchens konnte er frühmorgens bis in sein Haus am Ortsrand von Harthausen hören. Während Schilfbestände am Modenbach weitgehend verschwanden, gibt es solche Flächen noch am Hainbach im Naturschutzgebiet Woogwiesen. Teichrohrsänger brüten dort nach wie vor, weiß Hoffmann.
Zahlreiche Gefahren
Seit Beginn der Corona-Pandemie nehmen die Störungen von Vögeln durch Menschen an den Bächen und Gräben jedoch zu, wie neben Brell, Steiger und Hoffmann auch Thomas und Otfried Dolich vom Verein der Vogelfreunde Hanhofen bemerkten. Ob die „Entsorgung“ von Hundekottüten, das Ablagern von Pferdemist und von Gartenabfällen, wodurch Samen fremdländischer Pflanzenarten verbreitet werden können, illegale Wasserentnahmen mittels Pumpen, das Aussetzen von nicht heimischen Fischen und Krebsen, das illegale Angeln und das Vordringen von Spaziergängern mit und ohne Hund in weitgehend unberührte Bereiche – die Gefährdungen selten gewordener Arten seien überaus zahlreich. Schwer zu überleben haben es damit neben dem Eisvogel, der Wappenvogel des Harthausener Vereins, weitere Brutvögel wie Stockente, Teichhuhn und die in der Rheinebene besonders seltene Gebirgsstelze.
Die Serie
Die Gemarkungen der Gemeinden Dudenhofen, Hanhofen und Harthausen werden seit Anfang der 1950er-Jahre intensiv vogelkundlich von Mitgliedern der drei Natur- und Vogelschutzvereine betreut. Dazu zähl(t)en Willi Aures (Dudenhofen), Georg, Otfried und Thomas Dolich (Hanhofen) sowie Richard, Dieter und Ute Hoffmann (Harthausen). Mit Sorge sehen sie zunehmende Schädigungen von Schutzgebieten durch rücksichtslose Freizeitaktivitäten. In einer Serie stellt die RHEINPFALZ diese Flächen vor.