Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Fensterln“ im Seniorenheim: Neue Besuchsideen während der Corona-Krise

Zu Corona-Zeiten genügt ein geöffnetes Fenster für die Konzertatmosphäre.
Zu Corona-Zeiten genügt ein geöffnetes Fenster für die Konzertatmosphäre.

Besuchsverbote treffen Senioren besonders hart. Soziale Kontakte, die es nun zu minimieren gilt, sind doch für viele sehr wichtig. Das Team der Mutterstadter Pro Seniore Residenz kämpft recht pfiffig gegen die nun drohende Einsamkeit ihrer Bewohner an. Da wird das klassische Briefeschreiben wiederbelebt und sogar ein bayerischer Brauch kreativ abgewandelt.

„Stell Dir vor, keiner darf Dich besuchen! Deine Kinder nicht, Deine Enkel, Partner, Freunde und andere Verwandte nicht. Und wie sehr würdest Du Dich dann freuen, wenn ein Kind Dir ein Bild malen würde.“ Die Augen der sechsjährige Marlene werden ganz groß, als sie das hört. Keine Sekunde zögert sie, holt sich ein Blatt Papier, ihre Stifte und die große Schachtel mit den bunten Aufklebern und legt sofort los.

Ihr Bild ist eines von gut 50 Bastelarbeiten, die die Kinder der Grundschulen in Mutterstadt und Rödersheim-Gronau an die Residenz Pro Seniore in Mutterstadt schicken. Der Kontakt kam über die Mitarbeiter zustande. „Wir sind überwältigt von den vielen schönen Bildern und den etwa 40, ganz lieben Briefen“, sagt Residenz-Leiterin Alexandra Ries. Alle Zusendungen werden für jeden Bewohner farbkopiert, sie können sie dann lesen oder sie werden ihnen vorgelesen. „Da sind schon einige Tränchen vor Rührung geflossen“, erzählt Alexandra Ries. Viele der Bilder schmücken nun Wände und Fenster im Haus, die Originale sollen später zu einem großen Bild zusammengestellt werden. „Die erste Post haben wir noch beantwortet, dann war es so viel, das schaffen wir leider nicht mehr“, meint die Leiterin, denn die Umstände fordern sie an anderen Stellen mehr denn je.

Kein gemeinsames Essen mehr

Mittlerweile gilt bei Pro Seniore ein Besuchsverbot. Der Grund ist klar: Corona. „Zunächst hatte wir nur Einschränkungen, zum Beispiel durfte nur eine Person für eine Stunde pro Tag aufs Zimmer, es mussten Listen geführt werden – das war aufwendig und doch riskant“, erklärt die Leiterin. Sie weiß, das Besuchsverbot trifft die Senioren hart. „Aber dennoch stecken die meisten es besser weg, als gedacht. Viele haben den Krieg und die schwere Zeit danach noch erlebt“, sagt Alexandra Ries. Vielleicht sei das ein Grund. Und: Hier in der Residenz haben sie ja immer noch Kontakt – zu ihren Mitbewohnern in den Zimmern und zum Personal, wenn auch zurzeit ungewohnt eingeschränkt.

„Ich glaube, für die vielen Älteren, die jetzt allein zu Hause sind, ist diese Zeit noch schwerer“, sagt Alexandra Ries und erzählt, was ihr Team und sie schon alles unternommen haben, damit möglichst kein Gefühl der Einsamkeit und des Alleinseins aufkommt. Denn alle gemeinsamen Aktivitäten wie Cafés, Singen, Spielen oder Kochen – ja sogar das gemeinsame Essen seien ja zurückgefahren worden. „Das mussten wir kreativ sein“, sagt sie. Denn: Für alle neuen Aktionen gelten verstärkte Hygienerichtlinien, die ständig angepasst werden müssen, und immer müsse der Mindestabstand von 1,5 bis zwei Metern eingehalten werden. „Das Gute ist, alle im Team ziehen mit. So haben wir zum Beispiel unser erstes Balkonkonzert innerhalb von nicht ganz einer Stunde spontan auf die Beine gestellt“, erzählt sie.

Die kleinen Momente zählen

Die Idee ist simpel und die Gegebenheiten am Haus hätten gepasst. Die Bewohner mit Zimmern zum Innenhof wurden ans Fenster oder auf die Balkone gebracht, andere an die Fenster im Speisesaal. Dann wurden von draußen deutsche Volkslieder angestimmt, die die Senioren alle mitsingen konnten. „Das kam sehr gut an, auch bei den Menschen im Ort, die das mitbekamen. Wir wurden sogar dabei gefilmt und haben es schon wiederholt“, erzählt die Leiterin. Weitere Balkonkonzerte sind geplant. Auch wird auf den Fluren musiziert, zum Beispiel von Mitarbeitern, die spontan zu Gitarre greifen. Dann stehen oder sitzen die Bewohner in den Türrahmen, so dass der Mindestabstand immer eingehalten werden kann.

„Es sind die kleinen Momente, die gerade in diesen Zeiten so wertvoll und schön sind“, sagt Alexandra Ries – und so habe diese schwere Zeit eben auch was Positives. „Es bringt bei vielen, ob bei Mitarbeitern, Angehörigen oder den Menschen von außerhalb, das Gute hervor.“ So habe eine Pflegekraft neulich spontan den Eismann gespielt und ist mit dem Eiswagen von Zimmer zu Zimmer gegangen. „Und dann gab es auch schon mal einen Eierlikör übers Eis.“ Bingo wird auf dem Flur mit Tisch und Stuhl im Türrahmen gespielt. Wurden sonst die selbst gebackenen Waffeln, Donuts oder Crêpes gemeinsam im Speisesaal geschlemmt, werden Donut-Maker, Waffel- oder Crêpes-Eisen im Flur aufgebaut und jeder im Zimmer oder an der Tür bedient. „Der Duft zieht so auch durch Haus.“ Kurz: Mit kreativem Improvisieren und viel Teamgeist geht es eben auch mal so.

Neue Technik ist ein Segen

Doch eines bleibt – der fehlende Kontakt zu den Lieben. „Wenn ich Angehöriger wäre, wäre ich jetzt sehr nervös“, gibt Alexandra Ries zu. Manche Bewohner, die es auch sonst eher ruhig haben möchten, steckten das besser weg. Andere, die eher gesellig sind und mehr Kontakt zu den Angehörigen haben, die leiden nun mehr. Dafür wurde das „Fensterln“ eingeführt. Es hat nur im Ansatz etwas mit dem bayerischen Brauch aus früheren Zeiten zu tun. Im Erdgeschoss wird eine Balkontür geöffnet, zu der der Angehörige gelangt, ohne durch das Haus zu müssen. In die Tür wird ein Tisch gestellt, hinter dem der oder die Besuchte sitzt – mit gebührendem Abstand könne ein Schwätzchen gehalten werden. Andere haben die Möglichkeit, per Videochat mit ihren Angehörigen zu reden und sie so auch zu sehen. „Wir haben dafür extra ein Tablet besorgt und achten dabei auf Privatsphäre.“

So gesehen sind die heutigen technischen Möglichkeiten ein Segen. So mancher verflucht sie doch hin und wieder und erinnert sich wehmütig an die alte Zeit, in der Briefe und Postkarten verschickt wurden. Nun – man will nicht sagen, dank Corona sei das wieder ein Trend. „Aber es ist schön, dass wir im Moment wieder mehr Post bekommen“, sagt Alexandra Ries und ist guter Dinge.

Das „Fensterln“ mit den Angehörigen ermöglicht ein wenig Kontakt.
Das »Fensterln« mit den Angehörigen ermöglicht ein wenig Kontakt.
Gut 40 Briefe und etwa 50 Bastelarbeiten erreichten schon die Senioren.
Gut 40 Briefe und etwa 50 Bastelarbeiten erreichten schon die Senioren.
Im Videochat können die Bewohner auch mit ihren Angehörigen sprechen.
Im Videochat können die Bewohner auch mit ihren Angehörigen sprechen.
Bingo wird nun auf dem Flur mit viel Abstand gespielt.
Bingo wird nun auf dem Flur mit viel Abstand gespielt.
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