Bobenheim-Roxheim
Fasnacht in der Kirche: Volle Hütte
Die hölzernen Kirchenbänke sind mit Luftschlangen dekoriert. Die kleine Prinzessin sitzt neben dem mächtigen Huhn, der Eisbär neben Installateuren, die Squaw neben dem Clown. Vollkostüme sind selten, die Mehrheit der Gottesdienstbesucher trägt Kopfschmuck, Haarreifen mit Schleifen oder Hasenohren, Zylinder mit Zottelhaaren oder ist fasnachtlich geschminkt mit Herzchen auf den Wangen – ein buntes Bild.
Die Vertreter des Roxheimer Carneval-Vereins (RCV) Die Altrhoischnooke und des Bobenheimer Carneval-Vereins (BCV) Die Zellerieköpp, ziehen in Uniform gemeinsam mit Pfarrer und Prinzessin Frauke I. vom BCV ein. Die Hoheit nimmt – vom Kirchenschiff aus gesehen – links Platz. Rechts steht der Ambo, das Lesepult, dahinter die blaue Fahne des BCV. Die Roxheimer hatten ihre nach dem Frankenthaler Fasnachtsumzug auf dem Hänger vergessen, heißt es auf Nachfrage.
Maffay und Mey
Mehr als eine Stunde währt dieser Gottesdienst der besonderen Art am Sonntag, aber die Zeit scheint zu fliegen. Der evangelische Pfarrer Ralf Hettmannsperger ist ständig in Aktion, redet, klatscht, singt – frei nach Peter Maffay („Sie war 18, ich 65, und sie ließ mich fühlen, ich war ein Rindvieh“) oder gehaucht „Je t’aime“. Er schunkelt mit erhobenem bunten Schal, einem Geschenk aus der ghanaischen Partnergemeinde, das er bei besonderen Gottesdiensten trägt. Oder er dirigiert einen Geburtstagskanon für Gisela Eisenhauer, die er als „Bücherei auf zwei schönen Beinen“ vorstellt. Sie rezitiert eine Geschichte aus dem klösterlichen Leben rund um einen Klosterwein. Der Organist spielt Lieder „wie bei Hochzeiten“, so Hettmannsperger, und Musiker sowie BCV-Mitglied Julian Schlosser gibt zwei musikalische Einlagen zu Beginn des Gottesdienstes, zum Beispiel „Über den Wolken“ von Reinhard Mey.
Der Ablauf einer normalen Liturgie lässt sich erahnen. Im Vorfeld sagte Hettmannsperger, dass die Vorbereitung wesentlich mehr Arbeit mache als für einen normalen Sonntagsgottesdienst: „Ich muss viel schreiben, um keine schlechten Witze zu treffen.“ Nun, es hat sich gelohnt. Seine Späße sind originell – vom Beistand, der für die Schlange vor der Ausgabe der „Tafel“ keine Zeit hat, weil er „in der Betstunde zum Mittagessen eingeladen“ ist, bis zur Predigt über seine pfälzische Version der Schöpfungsgeschichte: vom Urknall – „am Ofang war nix“ – über die Erschaffung der Welt und der Menschen, mit der Erkenntnis, am vierten Tag muss das Saarland entstanden sein („do war’s noch duschter“). Die „pubertäre Empfindlichkeit“ des Menschen führt zur Vertreibung aus dem Paradies, berichtet Hettmannsperger. „Im Paradies lewe un sich beschwere, so sinn mir Mensche.“
Immer wieder fließen christliche Botschaften ein, dass Gott alle Menschen mit Würde ausgestattet hat, dass der Schöpfer sich trotz der „Regelverstöße“ um uns kümmert, uns die Freiheit schenkt, auf unsere Welt aufpasst. Und wir uns selbst mit unseren unterschiedlichen Begabungen gegenseitig annehmen sollten. Die Kirche ist voll – geschätzt sind es mehr als 150 Menschen.
Für Petra Lahner ist die Fasnachtskerch ein Muss wie Weihnachten oder Ostern, zudem sei ihr Mann aktiver Fasnachter, sagt sie. Nach zehn Jahren im baden-württembergischen Ausland lebt Monika Wackershauser wieder in Bobenheim-Roxheim. Die Katholikin geht öfter auch in evangelische Kirchen. Die Fasnachtskerch erlebe sie zum ersten Mal, sagt sie und schmunzelt fröhlich. Das ist es, was Ralf Hettmannsperger erreichen will. Dass die Besucher fröhlich gestimmt die Kirche verlassen. Er ist überzeugt, dass Humor eine Grundhaltung Gottes ist. „Wenn er keinen Humor hätte, wie könnte er es mit uns aushalten?“
Veranstaltung mit Tradition
Die volle Kirche freut den Pfarrer natürlich. Mit der Fasnachtskerch wolle er Brücken bauen zu jenen, die nicht in den Gottesdienst kommen. Der Illusion, dass daraus Wiederholungstäter werden, gibt er sich trotzdem nicht hin. Fasnachtskerch oder Weihnachtsgottesdienst bezeichnet er aber als Bindemittel, „damit sich niemand so ganz entfernt“.
Die Fasnachtskerch hat in Bobenheim-Roxheim Tradition. Hettmannsperger hat sie, als er vor 30 Jahren in die Altrheingemeinde kam, übernommen und fortgeführt. „Damals hat es die schon zwei, drei Jahre gegeben“, initiiert vom damaligen Pfarrer und RCV-Präsidenten Bruno Schmitt, erklärt Hettmannsperger. Und diese Traditionsveranstaltung hat bis heute nicht ihren Charme und ihre Anziehungskraft verloren, auch über Bobenheim-Roxheimer Grenzen hinaus, bestätigt er. Denn, so der Pfarrer: „Humor im Gottesdienst ist wichtig. Wenn nicht wir Christen was zu lachen haben, wer denn sonst?“