Bobenheim-Roxheim
Für benachteiligte Familien: Kreis führt Kita-Sozialarbeit ein
Sozialpädagogen und Sozialarbeiter kannte man lange Zeit vorwiegend in der Jugend- und Erziehungshilfe. Dann wurden sie an weiterführenden, bald auch an Grundschulen eingesetzt, und nun greifen Städte, Landkreise und Gemeinden schon in Kindergärten auf das Wissen und die Fähigkeiten dieser Fachleute zurück. Das mag etwas mit den gestiegenen Anforderungen an die Erziehungsarbeit in Kitas zu tun haben, möglicherweise auch an einer Zunahme von Auffälligkeiten bei Kindern oder von sozialen Problemen in Familien liegen. Im Konzept des Rhein-Pfalz-Kreises wird die Kita-Sozialarbeit als Mittel zur präventiven Stärkung von Familien bezeichnet, besonders von Familien, die von Armut betroffen oder bedroht sind.
Diplom-Sozialarbeiterin Manuela Hüter aus Ludwigshafen betont deshalb den vorsorglichen, niedrigschwelligen und alltagszentrierten Ansatz ihrer Arbeit, die sie auf einer vollen Stelle mindestens einmal pro Woche in jede der sieben Bobenheim-Roxheimer Kindergärten führt. Weil der Bedarf der Einrichtungen unterschiedlich sei, habe sie keinen festen Stundenplan, und das habe sich bewährt. Wenn sie nicht in einer Kita ist, steht sie in einem kleinen Büro im gemeindlichen Beratungs- und Begegnungszentrum im Pfalzring 35 für Gespräche zur Verfügung.
Blick von außen
„Das Angebot hat sich schon ganz gut herumgesprochen“, meint die 58-Jährige, die mit einer Erzieherausbildung ihren Berufsweg begonnen hat. Die Erzieherteams schätzten ihren „Blick von außen“, und die Eltern kämen freiwillig, sagt sie. „Manches Problem ist nach ein oder zwei Gesprächen gelöst, andere wirken länger und schwerer, sodass ich zu einer Fachberatung vermitteln muss.“ An Spezialisten für Probleme nach Trennung oder Scheidung etwa oder an eine Einrichtung für Frühförderung und Diagnostik, wenn Sprache, Bewegungsfähigkeit, Spiel- oder Sozialverhalten des Kindes nicht altersgemäß sind.
„Es fehlt überall an Integrationshelfern“, sagt Hüter, „das ist ein großes Thema.“ Als weitere strukturelle Probleme sieht sie die verringerten Betreuungszeiten in den Kitas aufgrund von Personalmangel und krankheitsbedingten Engpässen. Gleichzeitig werde den Mitarbeitern heute viel mehr abverlangt, schon allein, weil die Kinder viel früher in die Kita kämen und der pflegerische Aufwand höher sei. „Sobald ein Kind gewickelt werden muss, fehlt in der Gruppe die zweite Kraft.“ Auch das Essen und die Schlafzeiten seien ein ziemlicher Aufwand, weil immer wieder geräumt und gereinigt werden müsse. Und für die Kleinen sei so ein Kindergartentag oft länger als ein Arbeitstag für einen Erwachsenen. Hüter beobachtet allgemein viel Frust und kann den gut verstehen, „denn an dem Punkt, wo es heißt ,Wir brauchen kleinere Gruppen’ sind wir nach vielen Jahren immer noch.“
Unterschiedliche Lebensverhältnisse
Wie kommt es, dass von zweieinhalb Kita-Sozialarbeiterstellen im Rhein-Pfalz-Kreis – das Angebot gibt es auch in Schifferstadt – eine ganze Stelle auf Bobenheim-Roxheim entfällt? Diese Frage führt zurück zum Begriff der Chancengleichheit. Denn es gibt Kommunen oder Wohnviertel, die sich in ihrer Zusammensetzung oder Struktur nachteilig auf die kindliche Entwicklung auswirken können. Familien brauchen dort mehr Unterstützung als beispielsweise in einem überschaubaren 900-Seelen-Dorf, in dem fast jeder deutscher Abstammung ist und in einem Einfamilienhaus wohnt. „Relevanz zum Nachteilsausgleich“ heißt es in der Fachsprache, und diese Relevanz ist laut Kreisverwaltung in Bobenheim-Roxheim „sehr hoch“. In diese Bedarfskategorie fällt im Kreisgebiet nur noch Fußgönheim. Eine „hohe Relevanz“ liegt in acht Kommunen vor, und „keine bis geringe Relevanz“ trifft nur auf Heßheim, Heuchelheim, Groß- und Kleinniedesheim zu.
Budget von rund 2,5 Millionen Euro
Zum Ausgleich der Unterschiede in den Lebensbedingungen und damit auch in der Betreuung sieht das neue rheinland-pfälzische Kita-Gesetz das Sozialraumbudget vor. Mit dem Geld können örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe zusätzliches Personal bezahlen. Der Rhein-Pfalz-Kreis hat in diesem Jahr laut Verwaltung ein Budget von fast 2,56 Millionen Euro. 60 Prozent sind Landesmittel, 40 Prozent bringt der Kreis auf. Ein knappes Drittel des Geldes ist für die Kita-Sozialarbeit eingeplant. Sie soll in diesem Jahr auch in anderen Orten eingeführt werden, „in Abhängigkeit von derzeit laufenden Stellenausschreibungen“, wie die Kreisverwaltung auf Anfrage mitteilt. Darüber hinaus sieht das Konzept Sozialraumbudget noch die Bausteine „Kinder- und Elternzentrum“ sowie „Kita-Kiste“ vor. Bei Letzterem geht es um ein multiprofessionelles Fachkräfteteam, das bedarfsgerecht in ausgewählten Kitas zum Einsatz kommt.
Gerade für die Kindergärten mit sehr hohem Migrationsanteil sei das Engagement von Sozialarbeiterin Manuela Hüter ein großer Gewinn, sagt Mike Lemke von der Bobenheim-Roxheimer Gemeindeverwaltung. „Es gibt eigentlich nur positive Rückmeldungen“, berichtet er aus Elternabenden und Kita-Beiratssitzungen. Entsprechend froh ist Lemke, dass die Gemeinde beim Angebot der Kita-Sozialarbeit im Kreis „ganz schnell den Finger gehoben“ hat.
Kontakt
Kita-Sozialarbeiterin Manuela Hüter ist wegen der Folgen des Hackerangriffs auf die Kreisverwaltung nicht per E-Mail oder Festnetz zu erreichen, sondern nur unter der Mobilfunknummer 0151 25082213.