Bobenheim-Roxheim
Erzählcafé: Damit kein Wissen übers Dorf verloren geht
Mit ihrem Konzept ist Petra Frank auf eine Goldader historischer Anekdoten gestoßen: Im Februar hatte die für das Heimatmuseum zuständige Bankangestellte das Erzählcafé unter dem Motto „Wäschd noch?“ ins Leben gerufen. Am Sonntag war beim dritten Treffen die Bude voll, und die 20 Besucher steuerten spannende und skurrile Erinnerungen für die Sammlung der Heimatforscherin bei. Die hatte zunächst die eigene Roxheimer Familiengeschichte mütterlicherseits bis zurück ins 17. Jahrhundert verfolgt. Jetzt weitet sie ihre Recherchen aus und sammelt mithilfe der Cafégäste Material über das ganze Dorf. „Es gibt so viele alte Geschichten, die keiner mehr kennt“, sagt sie. „Mit jeder Generation, die stirbt, gehen mehr davon verloren.“ Frank möchte die Geschichten bewahren und aufschreiben.
Ein neues Gesicht ist in der Runde. Eine Zugezogene aus dem Ruhrpott möchte mehr über die Vergangenheit ihrer neuen Heimat erfahren. Sogleich wird die junge Frau eingeweiht in die Animositäten, die zwischen Roxheimern und Bobenheimern herrschten. Und die es teils immer noch gibt, auch wenn die Dörfer seit über 50 Jahren eine Gemeinde bilden. Eine Beerdigung in Roxem sei lustiger als eine Hochzeit in Bowerum, frotzeln die Besucher. Oder: In Bowerum sei ein Kneipentisch mit einer Person schon voll besetzt, in Roxem sei auf einer vollen Bank immer noch Platz.
Bobenheimer dürfen mitmachen
Klaus Graber vom Verein für Naturschutz und Heimatpflege, der das Museum betreibt, liefert eine Begründung für solche Witze: Früher hätten die Roxheimer von Korbmacherei und Fischerei gelebt. „Sie mussten ihre Produkte verkaufen, dazu gehörte Offenheit und Kommunikationsfähigkeit. Die Bobenheimer waren Bauern und mussten ihren Besitz zusammenhalten.“ Frank bemerkt, dass die Bowerumer Wind vom Erzählcafé im Ortsteil Roxheim bekommen hätten und auch kommen wollten. Man nickt, sie dürfen auch ihre Lokalgeschichten beisteuern.
Frank eröffnet das Treffen mit einer Fotoschau. 69.000 historische Bilder hat die 61-Jährige bisher archiviert. Heute will sie Fotos der Theodor-Heuss-Straße zeigen, die früher Frankenthaler Straße und davor Obergasse hieß. Sie beginnt im Ortskern. An der Ecke zur Marktstraße stand das Haus der Wiesebettsche. Den älteren Roxheimern ist klar, es ist Elisabeth Wiese. Sie verkaufte Milchwaren. Mit den Namen war man schon immer kreativ, womit selbst die Postboten rechneten. Heiko Gauer erzählt, dass sein Vater nur Vattl genannt wurde: „Er bekam mal eine Postkarte aus Österreich. Als Adresse stand bloß: Vattl, Roxheim. Die Karte kam an.“
Blick in die Straßenschlucht. Links ein Konsum, vorher war er eine Metzgerei. Und bis vor Kurzem war hier ein Bestattungsunternehmen ansässig. Dahinter verkaufte der Bertsche Zeitungen. Und Zigarren, die in der örtlichen Zigarrenfabrik von Roxheimerinnen in Handarbeit gedreht wurden, und die die Kinder für ein paar Pfennige für ihre Väter einkauften.
Früher gab’s viel mehr Gaststätten
Auch in die Kneipe wurde der Nachwuchs mit Maßkrügen geschickt, um Bier zu holen. Früher gab es in Roxheim viele Wirtschaften, erinnert man sich. Eine wurde im Volksmund „Zum blutigen Knochen“ genannt, weil das Lokal beliebt bei Randalierern war. Neben dem Zeitungsgeschäft fertigte der Sattler Moritz Büffor für die Schulanfänger die Ranzen an. Graber bekam hier 1965 ein handgefertigtes Unikat, sagt er.
Hinter der Sattlerei residierte eine lokale Berühmtheit, Klein-Germany genannt. Herrmann Klein betrieb eine Schmiede und warb mit dem Spruch: Ein Unmöglich gibt es nie, alles macht Klein-Germany. Der Spruch wurde sogar verewigt in einem Gedicht, weiß Dagmar Emig. „Klein-Germany hat alles repariert, ob Waschmaschine oder Fußball. Aber wehe, man hat ihn nicht gegrüßt, da war er sauer“, steuert ihre Nachbarin bei. Wolfram Renter ergänzt: „Und er hat Türen geknackt.“ Graber erinnert sich, wie Klein seiner Schwiegermutter die Tür geöffnet hat, weil sie den Schlüssel in der Wohnung hatte liegen lassen. Zum Dank verlangte der Schmied lediglich einen Kuss. Die Runde lacht – und bedauert, dass es heutzutage Werkstätten wie die von Klein-Germany nicht mehr gibt. Man konnte dort sogar eigenhändig seine Sachen reparieren – die Schmiede war quasi Vorreiter heutiger Reparatur-Cafés.
Menschliche Knochen gefunden
Petra Frank wohnt ebenfalls in der heutigen Theodor-Heuss-Straße und zeigt ein Bild, auf dem ihr Vater Hans vor der Fassade stolz mit dem Rappen Max posiert. Töchterchen Petra musste auf dem großen Tier reiten, obwohl sie das nicht mochte. Im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden ist ihr Elternhaus noch erhalten. Selbst der geschmiedete Zaun hat die Jahrzehnte überdauert, wobei nun vor dem Gebäude eine Bushaltestelle ist – genau da, wo Hans und Max posierten. Auf dem Foto ist die Straße vor dem Haus noch gepflastert. Und Frank erzählt, dass bei Bauarbeiten unter den Pflastersteinen ein menschliches Skelett gefunden wurde. Sie zeigt auch Bilder von Aufmärschen der Hitlerjugend, die mit Hakenkreuzfahne in der Straße marschierte und ihre Maikundgebung abhielt – auf dem Adolf-Hitler-Platz, der heute ein Parkplatz ist.
Initiatorin Frank schließt den Nachmittag mit der Bitte um historische Bilder vom Dorfleben: „Bevor ihr sie wegschmeißt, bringt sie uns. Wir scannen sie ein und geben sie euch zurück.“ Das nächste Erzählcafé im Heimatmuseum in der Friedrich-Ebert-Straße 43 wird voraussichtlich im Frühjahr stattfinden. Der Termin wird auf der Homepage www.namu-borox.de bekanntgegeben oder kann im Museum erfragt werden.