Rhein-Pfalz Kreis Eine ganz heiße Kiste

Brandschutz ist ein Reizwort im Rhein-Pfalz-Kreis. Bürgermeister rollen mit den Augen, Verwaltungsangestellte, aber auch Pfarrer stöhnen, wenn sie es hören. Und in Gemeinderatssitzungen wird heftig darüber debattiert. Dabei ist es eigentlich ganz nüchtern zu betrachten: Es gibt gesetzliche Vorgaben, die eingehalten werden müssen.
Martin Füssel ist in den Kreisgemeinden nicht so gern gesehen. Zumindest nicht, wenn er auf Gefahrenverhütungsschau ist. So heißt das im gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst, in dem der ehemalige Berufsfeuerwehrmann heute bei der Kreisverwaltung arbeitet. Zu seinen Aufgaben gehört es, öffentliche Gebäude wie Kindergärten, Schulen, Veranstaltungshäuser und Seniorenheime daraufhin zu untersuchen, ob bei einem Feuer Rettungswege geöffnet und Brandschutztüren geschlossen werden können – ganz vereinfacht ausgedrückt. Oft kostet das die Kirchen und Gemeinden als Träger der Häuser Geld. Und zwar nicht, weil Füssel kommt, sondern weil er feststellt, dass Komponenten für ein schlüssiges Rettungswegesystem fehlen und nachgebessert werden muss. „Jetzt auf einmal ...“, hört Füssel dann oft. Zum Beispiel in Bobenheim-Roxheim. Dort hatte die protestantische Kirchengemeinde 2015 erfahren, dass in ihrer Kita Löwenzahn etwas getan werden muss. Der gravierendste Mangel: Für die beiden Gruppenräume und den Turnraum fehlten Notausgänge. Wände durchbrechen, Fenster versetzen, neue Heizungen kaufen – warum? Hatten Gemeindevertreter und Kindergartenpersonal bislang gedacht, dass es im Brandfall reiche, die Kinder über die Fensterbrüstung ins Freie zu heben. Inzwischen ist Stand der Dinge, dass die Kita ganz abgerissen und neu gebaut wird, was aber vor allem mit gestiegenem Platzbedarf zu tun hat. Trotzdem ist es für Füssel nach wie vor ein gutes Beispiel, warum er seit gut eineinhalb Jahren durch die Kreisgemeinden zieht: „Wenn es brennt, ist das Zeitfenster knapp, das Gebäude muss schnell evakuiert werden. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wie viele Kinder es sind, die wenige Erzieherinnen nach draußen heben müssen. Und dann sind heutzutage Kleinkinder dabei, die erst wenige Monate alt sind und noch nicht alleine stehen können“, verdeutlicht Füssel, wie problematisch es im Notfall werden kann. Sicher und zügig müsse ein Gebäude geräumt werden. Und deshalb geht nach neuesten Brandschutzbestimmungen auch das nicht: die Leiter der Feuerwehr als zweiten Rettungsweg anzuerkennen. „Früher war das so, heute ist das unmöglich. Es gibt dazu Untersuchungen von Berufsfeuerwehren, die sagen: Mehr als zehn Personen lassen sich im Ernstfall nicht in angemessener Zeit über eine Drehleiter ins Freie schaffen.“ Auch aus diesem Grund muss beispielsweise in der Albertine-Scherer-Grundschule in Birkenheide umgeplant werden, damit die Räume im oberen Stockwerk endlich wieder genutzt werden können. Eine Möglichkeit wäre der Anbau einer Feuertreppe gewesen. Eine bessere, weil günstigere Lösung: die zwei leerstehenden Wohnungen im Obergeschoss in den Schulbereich zu integrieren. „Die haben einen eigenen Zugang, und mit Verbindungen zu den anderen oberen Räumen kann ein zweiter durchgehender Fluchtweg entstehen“, erklärt Martin Füssel. Generell muss es in einem mehrgeschossigen öffentlichen Gebäude vertikale (Treppenraum) und horizontale Fluchtwege (Flur) geben. Gemäß den Bestimmungen sollten sie durch Brand- beziehungsweise Rauchschutztüren gesichert sein. „Die Menschen in einem Gebäude sollten ohne Rauch einatmen zu müssen ins Freie gelangen können“, erklärt der Experte. Jeder Fluchtweg muss daher eine Tür nach draußen haben. Die Rettungswege in einem Gebäude müssen breit genug und freigeräumt sein. „Auch so ein Knackpunkt“, sagt Füssel. Oft würden die Gänge in den Kindertagesstätten als Spielflure genutzt. Dort stehe also wesentlich mehr rum als nur ein paar Schuhe oder Rucksäcke. „Da müssen wir gemeinsam mit den Verantwortlichen schauen, wo der Rettungsweg entlangführen soll, und sicherstellen, dass er brandlastfrei ist“, sagt Füssel. „Manchmal bin ich dann der Spielverderber, beispielsweise wenn ich zur Weihnachtszeit den Tannenbaum im Kita- oder Schulflur verbieten muss.“ Als solcher hat ihn vielleicht auch mancher Mechtersheimer empfunden. In dem Dorf im südlichen Teil des Kreises musste die Turnhalle der Grundschule nachgerüstet werden, weil sie nicht als Versammlungsort für mehr als 200 Leute zugelassen war. Zur Prunksitzung des Karnevalvereins waren bislang aber um die 300 gekommen. „Jetzt auf einmal ...“ Da war er wieder, der Satz, mit dem Füssels Arbeit so oft in Frage gestellt wird. „Wir können die Augen nicht verschließen“, sagt Hans Schwitzgebel. Er leitet den Fachbereich Bauen bei der Kreisverwaltung, an den Füssels Bereich angedockt ist. „Wir haben die Stelle vor eineinhalb Jahren von einer Teil- auf eine Vollzeitstelle aufgestockt, weil wir die Kontrollen intensivieren mussten. Und weil wir jemanden in der Verwaltung brauchen, der dauerhaft in diesen Fragen ansprechbar ist.“ Alle fünf Jahre muss Füssel in der Regel die 339 Gebäude in seinem Zuständigkeitsbereich sehen. Wer mit „ jetzt auf einmal“ komme, habe bislang einfach Glück gehabt, meint Schwitzgebel. Denn wenn brandschutztechnisch nachzubessern sei, müsse eben nachgebessert werden. Füssel reise ja nicht durch den Kreis, um die Leute zu ärgern. „Was er macht, ist sehr wichtig, und er kann dafür zur Verantwortung gezogen werden, er unterschreibt nach jeder Begehung mit seinem Namen.“ Dass sich Menschen im Brandfall nach draußen retten können, ist Martin Füssel aber nicht nur von Gesetzes wegen wichtig, sondern auch ein ganz persönliches Anliegen. Zehn Jahre hat er als Berufsfeuerwehrmann gearbeitet. „Ich habe dabei viel gesehen und erlebt. Glauben Sie mir, Sicherheitsvorkehrungen können Leben retten.“