Hochdorf-Assenheim
Eine Familie und die Schifffahrt
Dass der Rheinfall von Schaffhausen als großes Graffiti an der Hauswand prangt, ein Boot und andere Schifffahrtsutensilien zur Dekoration im Vorgarten zu finden sind, ist schon ein Hinweis. Zum Rhein und zur Flusslandschaft überhaupt haben die Mnichs schon eine sehr besondere Beziehung, alle miteinander. Das bedeutet in diesem Fall: die Eltern und neun erwachsene Kinder, fünf Töchter und vier Söhne. Sie sind auf und mit dem Schiff aufgewachsen. Im Haus in Hochdorf-Assenheim – ein gutes Stück weg vom Rhein –, wohnen die Eltern und haben die Firmen der Familie ihren Geschäftssitz.
Was schon besonders ist: Alle neun Kinder haben das Große Rheinpatent, das heißt, sie sind berechtigt, alle Fahrzeuge auf dem Strom zu führen. Auch wenn nicht alle tatsächlich die Schifffahrt zum Beruf gewählt haben, der größere Teil aber schon. „Dass wir alle zusammenkommen, kommt eher selten vor“, sagt denn auch Stephen Mnich; bei runden Geburtstagen, Hochzeiten, Taufen oder zwischen Weihnachten und Neujahr etwa. Denn die Schiffer sind sonst ständig unterwegs – „von Basel bis Stettin, von Rotterdam bis Wien“, wie der 33-Jährige zitiert. Auf den Großmotorschiffen Kallisto, Gebr. Mnich und Salisso, dazu gibt es noch das „Schwesterschiff“ Forever (im Wortsinne, die Mnich-Schwester Rebecca betreibt es mit ihrer Familie).
Salisso als „Familienschiff“
Stephen Mnich selbst sitzt beim Gespräch auch auf einem Schiff, das aber nicht mehr fährt: Es ist die „Station“ an der Friesenheimer Insel in Mannheim, die schwimmende Verkaufsstation Bosche Schiffsbedarf in einem ausrangierten Binnenschiff, die die Firma Salisso-Schiffsausrüstung der vier Mnich-Brüder Torsten, Stephen, Patrick und Dominik 2022 übernommen hat. Stephen Mnich, der mittlere der neun Kinder, leitet die Station. Der Begriff Salisso im Firmennamen verweist auf die Familiengeschichte. Denn die MS Salisso ist das angestammte „Familienschiff“. Die weiteren Schiffe haben die „Kinder“ in den vergangenen Jahren dazu gekauft.
Bei Stephen in der „Station“ sitzen seine Eltern Hans-Werner und Gudrun Mnich, „sie sind ja schuld dran“, sagt er mit Verweis auf die Schiffer-Geschichte und lacht. Am Computer arbeitet Melissa Eisenmann, die Jüngste der neun Geschwister im Alter von 26 bis 45 Jahren, die mit ihrem Bruder bei Bosche/Salisso arbeitet. Und während draußen ein Frachtschiff ablegt, dessen Führer zum Einkaufen an der Bosche-Station bei Rheinkilometer 429 angelegt hatte, und der Boden dadurch leicht schwankt, erzählen die Eltern lebhaft die Familiengeschichte. Und es ist klar – die Schifffahrt und das Leben auf dem Fluss gehören dazu.
Hans-Werner Mnich, Jahrgang 1948, stammt aus einer Schifferfamilie, schon Vater und Großvater waren auf den Flüssen unterwegs, allerdings im Osten, auf Oder und Elbe. Die Familie zog in den Westen. Gudrun Mnich dagegen stammt aus einer Beamtenfamilie, doch als sie Hans-Werner kennen lernte, gab es kein langes Überlegen: „Schon ein dreiviertel Jahr später war ich auf dem Schiff“, erzählt die 66-Jährige. Das junge Ehepaar machte sich selbstständig, mit der Salisso. „Und ich wollte schon immer eine große Familie“, ergänzt Gudrun Mnich. 1979 kam Tochter Manuela zur Welt, das erste „Schifferkind“ der Mnichs. Die Familie wuchs schnell.
Und die Kinder wurden älter, die Schule rief. Schwierig, wenn man heute hier, morgen dort ist auf den Flüssen des Landes. Auf Dauer ins Schifferkinderheim sollten sie nicht, waren sich die Eltern einig. Untergekommen sind sie dann nacheinander im Luisen-Stephanien-Haus in Mannheim – alle jungen Mnichs wohnten dort unter der Woche in der Schifferkinder-Gruppe und als Ältere in einzelnen Zimmern, bis zur Auflösung des Heims vor zwölf Jahren.
Aber: Am Wochenende und in den Ferien ging es grundsätzlich aufs Schiff zu den Eltern, zu Kapitän Hans-Werner und Steuerfrau Gudrun. Allesamt wurden teils stundenlang dorthin gebracht, wo die Salisso gerade fuhr.
„Die Kinder waren also immer die Hälfte des Jahres bei uns und auf dem Schiff“, betont Hans-Werner. Das war wichtig, die Familie sollte zusammensein und nicht wochenlang getrennt. Da wurde es zwar eng in der kleinen Schiffswohnung, aber das störte nicht. „Die Salisso ist 67 Meter lang, es gab Platz und immer was zu tun. Wir haben gerne geholfen, das war für uns keine Arbeit, sondern ein riesiger Abenteuerspielplatz“, berichtet Stephen Mnich. Dass es den Kindern gefallen hat, zeigt sich auch dadurch, dass bis auf die drei ältesten Schwestern Manuela, Susanne und Kerstin alle im Schifffahrtsbereich geblieben sind. „Und dass aus allen Kindern was geworden ist“, sagt Gudrun Mnich stolz – die in allen von ihren Kindern besuchten Schulen in der Elternvertretung engagiert war und auch mal von weit her gefahren kam zu Sitzungen.
Spontan für Haus entschieden
Und wie kam die Familie dann in den Rhein-Pfalz-Kreis? Hans-Werner Mnichs Eltern wohnten in Gronau. Dort war auch die Familie gemeldet. Als Gudrun Mnich eines Tages Behördendinge in der Gemeindeverwaltung zu erledigen hatte, sei sie angesprochen worden, dass in Hochdorf gerade ein Bauträger schlüsselfertig baue, ob sie Interesse habe. „Dann ging es ganz schnell“, sagt die Familienmutter, deren Ehemann und Sohn Stephen ihr lachend bescheinigen, immer sehr rasch entschlossen zu sein. Das Haus sei dann zwar 1997 fertig gewesen, aber richtig eingezogen sind Hans-Werner und Gudrun Mnich erst vor acht Jahren. Kurz bevor sie „von Bord gingen“, aus gesundheitlichen Gründen. Ein Schritt, der vor allem dem Kapitän sehr schwer gefallen ist.
„Wir sind immer überall herumgekommen, haben ganz Deutschland gesehen und darüber hinaus“, beschreibt es Hans-Werner Mnich. Die Kinder haben fast alle verschiedene Geburtsorte im Ausweis stehen. Die Kehrseite: Harte Arbeit sei es immer gewesen, ohne Urlaub und regelmäßigen Feierabend, ergänzt seine Frau. Aber ein gutes Leben.
Während sie erzählen – von finanziellen Risiken, der Zusammenarbeit mit Werften, den immer strenger werdenden Sicherheitsauflagen, der komplizierten Routenplanung und mehr – ist Sohn Patrick mit der MS Kallisto gerade zwischen Basel und Weil unterwegs. Der jüngste Sohn Dominik fährt mit seiner frisch angetrauten Frau Christine auf der MS Gebr. Mnich. Bruder Torsten arbeitet mit, wo Not am Mann ist. Und Hans-Werner Mnich springt ab und zu ein, lässt dafür regelmäßig sein Großes Rheinpatent verlängern.
Stephen wiederum ist jetzt bei Rheinkilometer 429,8 „sesshaft“. Bosche Schiffsfarben sind in der Branche seit Jahrzehnten ein Begriff, sagen die Mnichs. Das ist auch die Station, Fachbetrieb für die Berufsschifffahrt und Schiffsausrüstung, die bis vor 16 Jahren noch auf dem Festland in Mannheim war, „wir haben da immer eingekauft“. Der vorige Inhaber habe ihn schon vor Jahren gefragt, ob er sich vorstellen könne, die Handelsstation zu übernehmen, sagt der 33-Jährige. Das konnte er damals noch nicht. Doch dann sei schon der Gedanke gekommen, sich breiter aufzustellen. Im August 2022 schließlich wurde die Salisso-Schiffsausrüstung GmbH gegründet mit ihm als Geschäftsführer, und die Schiffsbedarfsstation übernommen. Schiffsfarben und Taue, Werkzeug und alles mögliche an Schiffsbedarf sind hier auf zwei Etagen im Schiffsbauch zu finden.
Sechs Enkel gehören inzwischen zur Familie, einer davon lebt auf dem Schiff wie einst seine Mama, Tanten und Onkel – und die Großeltern natürlich. „Das Herumkommen und immer etwas anderes sehen – das vermissen wir schon“, sagt Gudrun Mnich.