Land und Leute
Die Wochenendkolumne: Von Sirenen und Uhrmachern
Handbetrieb I: Zum Kurbeln
Wie Sie hören, hören Sie nichts. Nahezu mucksmäuschenstill ist es am bundesweiten Warntag im September 2020 geblieben, als die Sirenen für den Katastrophenfall in der breiten Fläche getestet werden sollten. Eine technische Panne war schuld. Irgendwie passend, war damals, nach diesen Corona-Monaten, doch schon alles wirklich nur noch zum Heulen. Und besser geworden ist es bekanntlich nicht. Seit diesem stillen Nicht-Alarm hoffte jedermann, dass es, Gott bewahre, nicht zum Ernstfall kommen würde. Kam es mit der Flutkatastrophe im Ahrtal aber, und die Sirenen-Diskussion nahm Fahrt auf. Wie wichtig es ist, dass man über die Infrastruktur der Warnanlagen in den Dörfern spricht, zeigt ein Blick nach Fußgönheim. Dort gibt es genau eine Sirene. Die wurde in der Vergangenheit auch regelmäßig gewartet. Allerdings wäre ein Ausfall wohl auch eher unwahrscheinlich, jene eine Sirene im Ort muss mit einer Handkurbel betrieben werden, viel analoger geht es wahrlich nicht. Wenn die ganze Republik beim Probealarm verstummt, heult es aus Fußgönheim. Und bei der Frage, wer im Dorf den Notfall-Handbetrieb übernehmen könnte, bleibt eigentlich nur einer – der rührige Ortsbeigeordnete Klaus Weiler. Der hütet nicht nur die Schlüssel von Mehrzweckhalle und Bürgerhaus, sondern hat auch sonst den vollen Überblick. Der CDU-Mann verzeiht es einem sogar, wenn man ihn versehentlich zu den Sozialdemokraten steckt. Und er hat bereits als Beigeordneter unter einer „roten“ Ortsbürgermeisterin gedient, ist also stressresistent wie krisenerprobt. Dann schafft er diese Aufgabe ebenfalls mit Leichtigkeit. Also: Klaus Weiler warnt mit der Handkurbel-Sirene vor allerlei Gefahren im Ort. Vor dem nächsten Schnakenüberfall etwa. Oder dem nächsten Streit im Ortsgemeinderat. Wobei dieser Ernstfall ziemlich häufig vorkommt. Und das kann man nun wirklich niemandem zumuten.
Handbetrieb II: Zum Aufziehen
Böhl-Iggelheim stellt seine Sirenenanlagen auf modernste Technik um. So hat es die Gemeinde zumindest der Kreisverwaltung und dem Brand- und Katastrophenschutzinspekteur gemeldet, die dabei sind, ein neues Warnsystem für den Rhein-Pfalz-Kreis aufzustellen. Das ist auch gut so. Böhl-Iggelheim kann nicht im Mittelalter stecken bleiben – alte Fachwerk- und Rathäuser hin oder her. Irgendetwas muss hier auch mal von alleine laufen. Es ist ja allein schon eine Aufgabe, die Rathausuhr in Iggelheim aufzuziehen. Jeden Tag passiert das. Das macht kein Beigeordneter. Bürgermeister Peter Christ macht das aber auch nicht selbst. Er zieht vielleicht Leute gerne auf. Aber Uhren? Diese Aufgabe überlässt er einem Fachmann. Ein Uhrmacher macht das. Peter Christ ist auch nicht mehr in der ersten Amtszeit, muss niemandem beweisen, wie tatkräftig er ist. Peter Christ hat die Coolness eines Ortssheriffs mit Erfahrung. Wie bitte? Nein, er reitet nicht auf einem Pferd durch seinen mittelalterlichen Ort. Er fährt auch nicht Kutsche. Obwohl ... Christ ist jedenfalls motorisiert. Und wer’s nicht glaubt: Er hat Zentralverriegelung, sein alter Benz. Peter Christ zieht vielleicht Leute gerne auf. Aber er zieht nicht an Autoknöpfchen.
Ein schönes Wochenende wünschen Britta Enzenauer & Sven Wenzel