Land und Leute RHEINPFALZ Plus Artikel Die Wochenendkolumne: Vom Rettichraspeln und Zurückhalten

Historisch.
Historisch.

Was den Rhein-Pfalz-Kreis in dieser Woche bewegt hat. Abseitiges, Skurriles und nicht ganz ernst Gemeintes aus den Dörfern.

Bahnübergang: Unten rum

„Ich glaub' das erst, wenn ich es sehe“, sagen erfahrene Schifferstadter zum geplanten Baubeginn der Unterführung Iggelheimer Straße. Der letzte Bahnübergang in Schifferstadt soll weg. Die Pläne dafür reichen zurück in die Zeit, als auf der Iggelheimer Straße noch römische Legionen marschierten. Die Unterführung war über Jahrhunderte nur noch ein Mythos, den alte Schifferstadter beim Rettichraspeln ihren Enkeln erzählten. Der Planfeststellungsbeschluss, den Kaiser Konrad II. kurz nach Baubeginn des Speyerer Domes unterschrieben hat, gilt unbegrenzt bis heute. Ursprünglich wollte Konrad im kaiserlichen Edikt die Laufzeit auf 1000 Jahre begrenzen, dann erklärte ihm aber einer seiner Hofastrologen, dass die Deutsche Bahn da federführend sein wird. Worauf der weise Kaiser die Umsetzung zeitlich lieber unbefristet ließ. Der Baubeginn wurde auch in dieser Zeitung schon mehrfach angekündigt, die Aufzählung entfällt aus Platzgründen. Dass es eine Bürgerversammlung zum Thema gab, ist nicht nur Legende, die RHEINPFALZ war dabei. Und sie überlieferte den Satz des grad gekrönten Kreis-Kurfürsten Clemens I. der damals schon kommentierte: „Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.“ Die Bahn kommt – das war der Werbespruch der Bahn, der nicht ohne Grund keine nähere zeitliche Bestimmung enthält. Und jetzt kommt auch die Unterführung. Wirklich. Ganz sicher. Versprochen! Doch während wir dies schreiben, sehen wir vor dem geistigen Auge einen alten Schifferstadter beim Rettichraspeln, der im Jahr 2099 seinem Enkel erklärt, was an der Iggelheimer Straße demnächst ganz sicher gebaut wird. Und vielleicht antwortet der Enkel: „Ich glaub' das erst, wenn ich es sehe.“

Impfzentrum: Oben drüber

Was ist der Unterschied zwischen dem Rhein-Pfalz-Kreis und der Stadt Ludwigshafen? Nun, dem Kreis unter seinem Regenten Kurfürst Clemens I. geht es gut. Finanziell und überhaupt. Im Hoheitsgebiet zwischen Kleinniedesheim und Römerberg, für das ja immer mal wieder Expansionsideen kursieren, ließe sich nicht nur kleckern, sondern auch klotzen. Und was machen die Verantwortlichen im Herrschaftssitz, der bald zum schmucken Anwesen auf dem Land werden soll? Sie üben sich stets in Bescheidenheit und Understatement. Manchmal wünscht man sich, dass sie einfach mal einen raushauen. Stattdessen sind sie Profis der Zurückhaltung. Und in der Stadt? Na ja, da ist es oft eher umgekehrt. Halli, Hallo, Holterdiepolter! Jüngstes Beispiel: Fazit des Corona-Impfzentrums in der Ludwigshafener Walzmühle. Rund 95.000 Dosen des schützenden Vakzins wurden hier zwischen Januar und September verabreicht. Und was sagen die Impfkoordinatoren, jetzt wo das Zentrum in einem ohnehin nahezu leerstehenden Einkaufszentrum dicht ist und die Kampagne zu Ende? Es sind große Worte: „Wir haben Historisches geleistet.“ Etwa 20 Kilometer entfernt war ein weiteres Impfzentrum beheimatet. In Schifferstadt wurde rund 80.000 Mal gepikst. Es war eine Aufgabe, die stressig war, aber bestmöglich erledigt wurde, weil sie bestmöglich erledigt werden musste. Stolz sind die Menschen im Kreishaus auf das, was sie geleistet haben – zu Recht! Trotzdem klingt das Fazit, das der Impfkoordinator nun zieht, irgendwie anders: „Wir haben einige Bürger glücklich gemacht, die Sorge hatten.“

Ein schönes Wochenende wünschen Gereon Hoffmann und Sven Wenzel

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