Rhein-Pfalz Kreis Die Schätze vom Silbersee

Für Kioskbetreiber Reiner Wagner bedeutet dieser Sommer ein Rekordgeschäft. Sieben bis zehn Mitarbeiter beschäftigt er derzeit t
Für Kioskbetreiber Reiner Wagner bedeutet dieser Sommer ein Rekordgeschäft. Sieben bis zehn Mitarbeiter beschäftigt er derzeit täglich.

«Bobenheim-Roxheim.» Eine Reportage über das Treiben am Silbersee? Einen besseren Auftrag kann es derzeit eigentlich nicht geben. 36 Grad zeigt das Thermometer an diesem Nachmittag wieder einmal an, doch die Laune in der Autoschlange an der Schranke ist gut. Auch wenn von den rund 700 Parkplätzen am Silbersee kein einziger frei ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit quetschen wir unser Gefährt dann doch in eine kleine Lücke und treffen dort auf Steffen Ledetzki. Der 450-Euro-Jobber hat auf dem Parkplatz soeben den dritten Müllsack gefüllt. „Das ist normal“, sagt der junge Mann achselzuckend. „Die Leute schmeißen die Reste einfach neben ihr Auto. Das meiste lassen sie aber am Ufer liegen.“ Doch uns zieht es schnell weiter. Gespannt machen wir uns auf den Weg zum zweitgrößten See in Rheinland-Pfalz. 400 Meter Fußmarsch trennen uns noch vom kühlen Nass. Die Straße ist an diesem Nachmittag stärker bevölkert als die Frankenthaler Innenstadt. In der Prozession der Badegäste schaukeln Luftmatratzen und Kleinkinder in Buggys wild durcheinander, die vorbeifahrenden Autos hüllen uns in eine Staubwolke. Doch da kommt endlich der Strand in Sicht, an dem vor lauter Handtüchern kaum der Sand zu sehen ist. Dahinter erstreckt sich auf einer Fläche von 1,2 Quadratkilometern und einer Länge von zweieinhalb Kilometern der Silbersee. Woher der Name kommt, fragen wir den Pächter des Kiosks. „Oh, dazu gibt es viele Geschichten“, sagt Reiner Wagner und lässt den Blick über die Wellen schweifen. „Manche meinen, weil das Wasser silbern glänzt. Andere glauben, hier liegt ein Schatz – so wie in Karl Mays Indianerbuch.“ Für den Kioskpächter ist der Silbersee der eigentliche Schatz. „Wir als Einheimische schätzen das Paradies vor der Haustür viel zu wenig. Gäste, die von weiter her kommen, tun das mehr“, meint der 63-Jährige und erzählt von Stammgästen aus Frankfurt und Kaiserslautern. „Manche fragen mich, wo sie Eintritt zahlen müssen und sind erstaunt, dass sie hier kostenlos baden können.“ Besonders gern berichtet Wagner von einer Familie aus Heidelberg. Als im Vorjahr Unbekannte zwei Strohschirme der Sitzgarnituren abgefackelt hatten, zahlten ihm die Heidelberger spontan 300 Euro für einen neuen Sonnenschutz. Inzwischen hat Wagner Schirme aus Eisen angeschafft – weniger idyllisch, dafür feuerfest. „Der Vandalismus hier ist echt hardcore“, sagt er ein wenig verbittert. Seit einem Jahrzehnt betreibt er den Kiosk und hat nach eigenen Angaben in dieser Zeit Schäden in Gesamthöhe von 42.000 Euro zu verzeichnen. Die größten Posten: Ein Feuer im hinteren Kioskbereich und ein gestohlener Rasentraktor. Pro Badesaison müsse die Feuerwehr rund viermal anrücken. „Die Leute grillen ohne Grillschale, zünden manchmal Bäume an“, sagt er und erinnert sich an den 8. Mai, als 70 Quadratmeter Grünfläche brannten. Die wenigsten Besucher seien dabei einsichtig. „Ich bin hier der Böse“, meint der Pächter mit Blick auf den von ihm aufgestellten kleinen Schilderwald mit Bitten um mehr Sauberkeit im WC und am Strand. Daneben weist Wagner darauf hin, dass Hunde nur angeleint auf dem Weg laufen sollen, man nicht grillen darf und an den Biertischen keine mitgebrachten Speisen verzehrt werden sollen. „Aber wenn’s nicht ordentlich ist, beschweren sich die Leute auch wieder bei mir.“ Doch meckern mag der 63-Jährige eigentlich nicht. Zumindest nicht über die Hitze. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“, sang Rudi Carrell einst in den 1970ern. Sonnenschein gibt es in diesem Jahr genug, und er heizt die Wassertemperatur ordentlich an: Neben dem Kiosk steht eine Tafel – über 25 Grad hat das Wasser seit Mitte Juni. Wagner genießt den Sommer, denn der lässt die Kasse bei ihm ordentlich klingeln. Täglich kommen 2000 Badegäste, schätzt er, für den Kioskpächter ein Rekordgeschäft. Was das in Euro, Litern und Pommes ausmache, sei jedoch Geschäftsgeheimnis. „Aber ich brauche auch ein Polster für magere Zeiten“, betont Wagner. Im Vorjahr sei der Sommer so schlecht gewesen, dass er kaum die Familie ernähren konnte. Jetzt muss auch die ganze Familie ran. Ehefrau Cornelia schwitzt an der Fritteuse, während Tochter Sarah zwischen den Bierbänken umher flitzt. Nur mit sieben bis zehn Mitarbeitern sei der Andrang derzeit zu bewältigen, berichtet der Bobenheimer und brät auf dem Grill die Würstchen so braun wie die Haut mancher Strandbesucher. Nach den hitzigen Gesprächen ist es Zeit für eine Abkühlung. Im Zickzack-Kurs manövrieren wir um Luftmatratzen, eine davon eine schwimmende Insel mit Sonnendach. Zwölf Quadratmeter sei sie groß, informieren uns die jungen Passagiere aus dem Zellertal. Sie verbringen ihre Freizeit als schwimmende Dauercamper auf dem See – mit wasserdichter Musikanlage und einer kleinen Bar. Daneben schwimmt ein sportlicher Mittfünfziger, der eine Rettungsboje an einer Leine hinter sich herzieht. Die habe er im Wasser immer mit dabei, erzählt der Frankenthaler Triathlet und erinnert sich an sein Training am 11. Juni. Damals war im See ein 18-Jähriger ertrunken. Zurück am Ufer treffen wir auf einen querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer. Wie er ins Wasser kommt, fragen wir ihn. Er könne sich schon ins Wasser robben, antwortet der Frankenthaler. Eine behindertengerechte Rampe wäre dabei jedoch hilfreich. „Noch wichtiger wäre jedoch, wenn auf den Parkplätzen an der Industriestraße Hinweisschilder ständen, die über die fünf Behindertenparkplätze direkt am See informieren würden“, meint er. Dass auf diesen Plätzen nur Behinderte parken, bezweifelt er jedoch. Inzwischen ist es Abend geworden am Badeparadies. Die untergehende Sonne taucht den Silbersee in ein bronzenes Licht. Auf dem Rückweg treffen wir Steffen Ledetzki wieder. Rund 20 prall gefüllte Müllsäcke, die jeweils 80 Liter fassen, hat er an diesem Tag gesammelt. Umgerechnet sind das rund 1600 Liter Müll: Die Schattenseiten eines sonst so sonnigen Tages.

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