Rhein-Pfalz Kreis „Die Filiale vor Ort ist unsere DNA“

„Der Standort Mutterstadt ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt Wolfgang Thomasberger. Bald wird er sich verändern. Die VR Bank Rhei
»Der Standort Mutterstadt ist eine Erfolgsgeschichte«, sagt Wolfgang Thomasberger. Bald wird er sich verändern. Die VR Bank Rhein-Neckar wird direkt nebenan eine moderne Filiale bauen. Kostenpunkt: etwa acht Millionen Euro. Das alte Gebäude soll zum Nahversorger entwickelt werden.
Herr Thomasberger, nach einer aktuellen Forsa-Umfrage verbinden nur 16 Prozent der Deutschen „Raiffeisen“ mit Banken, 23 Prozent haben Agrargenossenschaften im Kopf.

Ich hätte höhere Zahlen erwartet und erhofft. Schließlich sind über 22 Millionen Bürger in Deutschland Mitglied einer Genossenschaft. Vielleicht ist es über eine gewisse Zeit ein wenig vergessen worden. Aber ich finde schon, dass die Genossenschaften aktuell eine Renaissance erleben. Nicht zuletzt, weil 2018 das Raiffeisen-Jahr ist. Vor 200 Jahren wurde Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren. Was waren seine Ideen? Der Grundsatz, der uns alle eint, lautet: Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele. Es geht weniger um das Wohl des Einzelnen, sondern um das Wohl der Gemeinschaft. Das ist der Gedanke, den wir in uns tragen, auch verbunden mit der Tatsache, dass wir nicht darauf gepolt sind, maximalen Ertrag zu generieren. Das kommt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Loyalität, Solidarität oder Zusammenarbeit sind Punkte, die prägend sind. 75 Jahre später erreichte die Genossenschaftsbewegung Mutterstadt. Was ging da vor sich? Lassen Sie uns ein wenig in die Geschichte blicken. Interessanterweise gibt es in Mutterstadt eine Genossenschaft, die zehn Jahre älter ist – eine landwirtschaftliche Genossenschaft. Bei der Gründung der Bank hat man gesehen, dass man neben dem Warengeschäft auch eine Möglichkeit braucht, die Gelder zu sparen. Das wurde dann in einem Gasthaus, das „Zum Adler“ hieß, beschlossen. Waren die Mutterstadter begeistert von dieser Idee? Schließlich ging es um „unbeschränkte Haftung“. Haftung ist immer ein Punkt, bei dem viele aufhorchen. Es heißt, dass ich mit meinem Vermögen einstehe. Aber die Idee der Gemeinsamkeit hat sich durchgesetzt. Sie ist auch in dem damals kleinen Ort schnell zu einem großen Gedanken geworden. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Na ja, einige Zuhörer zogen von dannen – aus „Scheu und Furcht vor diesem Zukunftsgespenst“, wie es in den Annalen heißt. Es war etwas ganz Neues, die Menschen kannten eine Genossenschaft noch nicht. Natürlich ist man da skeptisch. 29 sind geblieben und haben die Erklärung zur Gründung einer Genossenschaft unterschrieben. Wie ging es weiter mit der Bank in den folgenden 125 Jahren? Bis zu den 1970er-Jahren wurden die ganzen Banken außenherum, Hochdorf-Assenheim etwa oder Fußgönheim, zu einer Bank zusammengefasst. 2000 haben die Verantwortlichen erkannt, dass sie in ihrer Größe und der Leistungskraft mit einer Fusion besser fahren. So kam es zur VR Bank Ludwigshafen-Mutterstadt. Das war eine zukunftsweisende Entscheidung. Auch bei der VR Bank Rhein-Neckar gibt es den Regionalmarkt Mutterstadt noch. Welche Rolle spielt er? Für uns ist es eine ganz wichtige Einheit. Eine Einheit, bei der wir sehr große Marktanteile haben, mit der wir uns sehr wohlfühlen. Wir haben ganz enge Beziehungen zu der Landwirtschaft und unseren Kunden. Eine Einheit, für Sie unantastbar? Die Mutterstadter geben uns ein gutes Gefühl, weil sie so viele Geschäfte mit uns machen. Wenn es der Region gut geht, dann geht es uns auch gut. Ich wäre mit dem Klammersack gepudert, wenn ich den Standort infrage stellen würde. Im Gegenteil: Wir werden dort investieren. 29 Mitglieder waren es am Anfang, wie viele sind es heute? Die ganze VR Bank Rhein-Neckar hat knapp 88.000 Mitglieder. Der Regionalmarkt Mutterstadt hat rund 13.500 Mitglieder. Friedrich Wilhelm Raiffeisen konkurriert in diesem Jahr mit Karl Marx um Aufmerksamkeit, der ebenfalls 200 Jahre alt würde. Beide sind keine 200 Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen. Beide veränderten die Welt, beide wollten das Wohl der Gesellschaft. Wie lässt sich ihr Verhältnis beschreiben? Beide haben analysiert, dass der Status quo der Gesellschaft mit großen Problemen behaftet ist – und dass es Veränderungen bedarf, um den Menschen, die nicht privilegiert sind, eine bessere Grundlage zu schaffen. Beide haben verschiedene Schlüsse gezogen. Raiffeisen sagte, dass sich alle gemeinsam unterstützen und ein Gegengewicht zu den bisher vorherrschenden Strukturen bilden müssen. So weit ist Karl Marx davon in seiner Grundidee nicht entfernt. Er war auch für eine Verteilung der Produktions- und Kapitalgüter. Marx wurde nur sehr viel radikaler in seinen Schriften. Wobei er später radikaler dargestellt wurde, als er es eigentlich war. Gibt es etwas an den Ideen und Gedanken Raiffeisens, das Sie aus heutiger Sicht kritisieren? (Überlegt sehr lange) Wenn eine Idee über 200 Jahre so erfolgreich ist, dann sind die Kritikpunkte relativ gering. Aus heutiger Sicht sticht eher eine Idee Raiffeisens positiv heraus: Egal, wie viele Anteile die Mitglieder bei uns haben, jeder hat nur eine Stimme. Diese Art von Basisdemokratie ist heute vielleicht interessanter denn je. Wir als Genossenschaftsbank können nicht einfach übernommen werden durch irgendwelche Kapitalgesellschaften. Und diese Sicherheit gegen Einflüsse von außen ist etwas sehr Positives. Wie aktuell sind die Grundzüge des Genossenschaftswesens – Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung – heute? Ich finde sie nach wie vor prägend. Es ist das, was uns unterscheidet von rein kapitalgetriebenen Banken und Privatbanken. Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Mitarbeiter diesen Unterschied kennen und leben. Wir sind verbunden mit der Region und es ist unsere Aufgabe, unsere Mitglieder zu unterstützen. Wenn die Jahre 2007 und 2008, die große Finanzkrise, etwas Gutes hatten, dann, dass die Volksbanken Raiffeisenbanken wieder an Reputation gewonnen haben. Wir sind die einzige Bankengruppe, die damals keinen einzigen Euro vom Staat gebraucht hat. Trotzdem ist der Gedanke an Genossenschaften etwas verstaubt. Gerade Raiffeisen und Landwirtschaft, das ist ja nicht unbedingt ein Thema, das zukunftsorientiert daherkommt. Es war eine Zeit lang einfach hipper und angesagter, bei einer Großbank zu sein, international zu sein, Investmentbänker in London zu sein. Die Bank vor Ort war einfach die Bank vor Ort, bei der viele ihr erstes Sparbuch bekommen haben. 64 Prozent der Deutschen trauen Genossenschaften laut der Forsa-Umfrage auch heute noch zu, für Gerechtigkeit zu sorgen. Wie kann eine Bank das schaffen? Wenn ich in meiner Grundaussage als Ziel habe, mit meinem Kunden in der Region eine lange Geschäftsbeziehung zu haben, am liebsten von der Geburt bis zum Tod, dann heißt es, das wir über diesen ganzen Zeitraum eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit brauchen. Für mich ist das eine Art von Gerechtigkeit. Aber eine Bank ist kein Wohltätigkeitsverein. Sie will Geld verdienen! Wir haben den großen Vorteil, dass wir nicht auf Gewinnmaximierung aus sind. Und wenn ich mich an das Genossenschaftsgesetz halte, heißt es, dass wir unsere Mitglieder fördern sollen. Aber nicht altruistisch, da bin ich ganz ehrlich. Auch für uns muss ein Ertrag herauskommen, der es mir erlaubt, meine 600 Mitarbeiter zu bezahlen. 27 Prozent der Deutschen meinen, dass Genossenschaften heute nur noch wenigen zugutekommen, weil es schwer sei, als Mitglied aufgenommen zu werden. Wie ist das bei der VR Bank Rhein-Neckar? Wenn Sie wollen, hole ich Ihnen jetzt sofort den Aufnahmeantrag. Dann können Sie direkt Mitglied werden. Sie können 50, 100 oder 150 Euro zeichnen. Mit dem Geld haften Sie, wenn uns etwas passieren würde. Sie können allerdings als Mitglied keine 50.000 Euro bei uns anlegen. Diese Mitgliedschaft stellt eher eine Verbindung dar. Mitglieder sind mehr als Kunden. Sie sind die Eigentümer. 22 Millionen Deutsche sind Mitglied einer Genossenschaft. Gerade mal fünf Millionen sind Aktionäre. Ist das Ausdruck des Wunsches nach Sicherheit? Die Einstiegshürde bei einer Genossenschaft ist niedriger, das Risiko ganz minimal. Bei Aktien sind die Angst und die Gefahr größer. Aber ich bedaure es sehr, dass die Anzahl so niedrig ist. Insbesondere für junge Menschen, die Vermögen aufbauen, ist es einfach sinnvoll, einen Teil davon auch in Aktien zu investieren. Ich würde mir wünschen, dass die Mitgliederzahlen der Genossenschaften weiter steigen, aber die der Aktionäre vielleicht noch ein bisschen mehr. Mehr Risiko statt deutschem Spießertum? Das Sicherheitsgefühl, das wir Deutsche in uns tragen, ist sehr viel größer als anderswo. Es gibt wohl kein Land, in dem mehr Lebensversicherungen existieren. Ein Risiko ist immer dann okay, wenn man weiß, worauf man sich einlässt. Jemandem, der absolut kein Risiko eingehen will, würde ich nie eine Aktie verkaufen. Wie kann man diesen Spagat, Sicherheit und doch ein kleines Risiko, jüngeren Menschen vermitteln? Wir müssen wissen: Ist der Kunde jemand, der auch bereit ist zu akzeptieren, dass 100 eingesetzte Euro an einem Tag auch einmal nur 90, 80, 60 oder 50 Euro wert sind? Oder sollen 100 Euro immer 100 Euro wert sein? Erkennen Sie die Bereitschaft bei Jüngeren, sich mit dieser Thematik überhaupt auseinander zu setzen? Ich würde mir mehr Wissen von jungen Menschen in finanziellen Angelegenheiten wünschen. Auch völlig alltägliche Dinge wie Überweisungen und Lastschriften sind nicht so bekannt wie sie es sein sollten. Das Wissens-Gefälle bei Aktien ist unheimlich groß. Aber es muss unsere Aufgabe sein, unsere jungen Kunden da heranzuführen. Vielleicht wäre es auch gut, das Thema häufiger in der Schule zu haben. Das gibt es Nachholbedarf. Auch bei den Volksbanken Raiffeisenbanken gibt es eine Marktkonzentration durch große Fusionen. Ist das im Sinne Raiffeisens? In einer Region wie Mannheim und Ludwigshafen wird man als kleine Bank nie alle Kunden bedienen können. Da braucht man eine gewisse Größe, eine gewisse Risikotragfähigkeit und Know-how, um Firmen- und Privatkunden zu begleiten. Das ist der entscheidende Faktor – und der ist in einer Metropolregion sicher anders zu beurteilen als in strukturschwachen Regionen. Selbstverantwortung, Selbstverwaltung – heißt das auch, SB-Bereiche auszuweiten und Schalterfilialen zu reduzieren? Nicht ausgeschlossen. Wir stellen eine Veränderung im Kundenverhalten fest. Die Filialen sind oft nicht mehr Anlaufpunkt Nummer eins. Sie werden nur noch benutzt, um Geld abzuheben. Da hat sich viel verändert, für viele Dinge reicht heute ja schon das Handy. Es wird die Zeit kommen, in der man Überweisungen abfotografiert und wegschickt. Ob wir in zehn Jahren 45 oder 40 Filialen haben, weiß ich nicht. Aber ich versichere Ihnen: Wir sind keine Direktbank. An jeder Stelle, wo ein Geldautomat oder eine Filiale intensiv genutzt wird, werde ich nie auf die Idee kommen, sie in irgendeiner Weise zu verändern. Da wäre ich ja verrückt. Die Filiale vor Ort ist unsere DNA. Wie wird die Filiale in Mutterstadt in 15 Jahren aussehen? Das Gebäude dort war eine alte Hauptstelle mit Tausenden von Quadratmetern. Das brauchen wir sicher nicht mehr. Im Zuge des Umbaus der Dorfmitte werden wir ein Gebäude kaufen und dort eine unserer ganz großen Filialen mit modernsten Ansprüchen hinbauen. Wie ist bei diesem Projekt der aktuelle Stand? Die Planungen sind fertig, der Kauf wird in den nächsten Monaten erfolgen. Wir erwarten jederzeit die Genehmigungen und arbeiten gut mit der Gemeinde zusammen. Die Filiale wollen wir Ende 2019 eröffnen. Grob geschätzt investieren wir etwa acht Millionen Euro.

x