Speyerer Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Der schleichende Tod des Vereinslebens

Singen: Beim Gospelchor Lingenfeld versucht man sich mit digitalen Proben zu behelfen.
Singen: Beim Gospelchor Lingenfeld versucht man sich mit digitalen Proben zu behelfen.

Keine gemeinsamen Wanderungen beim Pfälzerwald-Verein, kein gemeinsames Singen im Chor, keine Theaterproben bei den Laienschauspielern – die Corona-Pandemie macht dem Vereinsleben seit mehr als einem Jahr schwer zu schaffen. Die RHEINPFALZ hat Vereinsvorsitzende gefragt, ob es ihnen trotzdem gelingt, ein solches aufrecht zu erhalten. Wie gut das klappt, hat auch mit der Altersstruktur der Mitglieder zu tun.

Silke Aschbacher, Vorsitzende, und Roland Streng, Pressesprecher der Theatergruppe Hanhofen:
„Dass wir von der Theatergruppe Hanhofen im Jahr 2020 nicht wie sonst üblich am zweiten Weihnachtsfeiertag die Bühne öffnen können, war uns recht schnell klar. Keine Überlegungen, welches Stück wir spielen und wer am besten zur jeweiligen Rolle passt, keine lustigen Proben, kein Bühnenaufbau und noch nicht einmal Lampenfieber erlebten wir im vergangenen Jahr. Statt auf der Bühne zu stehen, haben wir dann die Gelegenheit genutzt, um eine Best-of-DVD all unserer Stücke der vergangenen zehn Jahre zusammenzustellen, von der tatsächlich noch einige Exemplare unter der E-Mail-Adresse tg-hanhofen@gmx.de oder telefonisch unter 0171 7883183 erhältlich sind. Natürlich hat Corona auch für uns alles verändert. Dass wir aber trotz Social Distancing stark miteinander verbunden sind, hat sich am zweiten Weihnachtsfeiertag noch einmal mehr bestätigt, als eine Nachricht in unserer gemeinsamen Whatsapp-Theatergruppe eintrudelte: „Wer hot’n eigentlisch den Halleschlüssel“, erkundigte sich ein Vereinsmitglied in breitestem Pfälzisch und verlagerte somit die sonst jährlich stattfindende Konversation kurz vor einem Auftritt prompt in den virtuellen Raum. Von „Isch find mei Textheft net“ bis hin zu „Wann gibt’s de erschte Schnaps?“ tauschten wir uns am 26. Dezember fast so aus, als stünden wir tatsächlich kurz vor unserer Aufführung. Weil es aber eben nur fast so war, können wir für uns alle sprechen, wenn wir sagen, dass wir es nicht mehr abwarten können, endlich wieder vor Publikum zu spielen und gemeinsam auf der Bühne stehen zu können. Wir vermissen euch und setzen große Hoffnung darauf, dass es Weihnachten 2021 in Hanhofen wieder heißt: ,Vorhang auf und Bühne frei!’“

Hartmut Lardon, Vorsitzender des Pfälzerwald-Vereins Dudenhofen:
„Unser Verein hat viele ältere Mitglieder, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind. Als Vorsitzender halte ich es seit einem Jahr für schlicht nicht verantwortbar, dass wir uns in der Gruppe treffen, auch wenn diese Treffen teilweise im Freien stattfinden könnten. Aus demselben Grund ist es auch schwierig, in Kontakt zu bleiben und Vereinstreffen etwa online abzuhalten. Es gibt einige Mitglieder, die das Equipment für eine Videokonferenz nicht zu Hause haben. Unsere Fixkosten sind zum Glück relativ gering und ich bin sehr dankbar dafür, dass unsere Mitglieder uns auch in dieser schweren Zeit die Treue halten. Bis jetzt mussten wir keine Austritte aufgrund von Corona verzeichnen. Trotz allem blicke ich optimistisch in die Zukunft und vertraue darauf, dass wir durch das Impfen vielleicht schon in der zweiten Jahreshälfte wieder Touren durch den Pfälzerwald unternehmen können. Damit das möglich ist, appelliere ich an die Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein aller Menschen.“

Claudia Klein, Vorsitzende des CDU-Ortsvereins Waldsee:
„Am meisten fehlt seit einem Jahr der Kontakt zu den Menschen, ganz klar. Normalerweise feiern wir langjährige Mitgliedsjubilare, Weihnachtsfeste, den jährlichen Frühschoppen und vieles mehr. Wenn im vergangenen Jahr jemand sein Jubiläum im Ortsverband gefeiert hat, ging das nur im engsten Kreis und an der Haustür. Die Fraktionssitzungen finden online statt. Eigentlich hätten wir in diesem Jahr auch als Ortsverein einen runden Geburtstag gefeiert, das wollten wir sehr gerne mit dem Frühschoppen verbinden. Ob das möglich sein wird, steht momentan noch in den Sternen. Als Bürgermeisterin von Waldsee und Vorsitzende der Bürgerstiftung freut es mich aber zu sagen, dass wir durch eine Zinsausschüttung nicht-politischen Vereinen insgesamt über 30.000 Euro zukommen lassen konnten, um die entstandenen Kosten von etwa Vereinsheimmieten oder fehlender Bewirtung zumindest etwas abmildern zu können.“

Stefan Schreiner, Vorstand und Matthias Settelmeyer, Chorleiter des Gospelchors Lingenfeld:
„Im Frühjahr vergangenen Jahres haben wir bereits zwei Wochen nach Beginn des ersten Lockdowns reagiert und unsere wöchentliche Chorprobe am Freitagabend auf die Online-Plattform ,Zoom’ verlagert. Im Sommer, als die Zahlen gesunken sind, konnten wir tatsächlich einige Male gemeinsam im Freien proben, ab Herbst sind wir dann wieder auf die digitalen Treffen umgestiegen. Die Proben an sich sind auf jeden Fall anders als gewöhnlich, alleine deshalb, weil man über ,Zoom’ nur etwas zeitverzögert miteinander sprechen und singen kann. Deshalb spiele ich als Chorleiter ein Stück auf dem Klavier und singe die verschiedenen Stimmen vor, und die Chormitglieder singen dann zuhause für sich, ohne sich gegenseitig zu hören. Natürlich fehlt uns das gemeinsame Singen, und wir freuen uns wahnsinnig darauf, hoffentlich bald wieder ganz analog zusammenkommen zu können. Nichtsdestotrotz sind wir sehr dankbar für unsere tollen Mitglieder, die uns gemeinsam durch diese Zeit kommen lassen. Wir haben zum Beispiel schon mehrmals Essen ,to go’ angeboten, um unsere laufenden Fixkosten decken zu können, stets mit starker Unterstützung aus den eigenen Reihen. Unsere Weihnachtsfeier war trotz Online-Formats ein voller Erfolg und endete erst spätabends. Mittlerweile haben wir sogar einen Chorleiter aus dem 3D-Drucker eines Chormitglieds: Der ,kleine’ Matthias Settelmeyer wird wöchentlich unter den Mitgliedern weitergegeben und erlebt da so einiges, etwa den Arbeitsalltag der einzelnen Mitglieder oder kulinarische Abenteuer in den heimischen Küchen. Das wird stets fotografisch festgehalten und am Ende der Woche in der Chorprobe mit allen geteilt. Unser nächstes Projekt ist ein Video im Virtual-Choir-Format, bei dem die einzelnen Stimmen der Menschen aufgenommen werden und am Ende zu einem Gesamtstück zusammengeschnitten werden.“

Gerhard Hoffmann, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Harthausen:

„Wir haben vergangenes Jahr direkt zu Beginn der Pandemie die Reißleine gezogen und als einer der ersten Vereine alle Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt. Seit dem Aschermittwoch 2020 fand bei uns nichts mehr statt. Mit unseren Mitgliedern versuchen wir trotzdem so gut es geht in Kontakt zu bleiben, etwa per Telefon. Im vergangenen September haben wir einen Pflanzwettbewerb veranstaltet: Wir haben Kürbissamen verteilt und am Ende den prächtigsten Kürbis gekürt, das kam ziemlich gut an. Insgesamt merkt man, dass die Menschen durch Corona mehr Zeit im heimischen Garten verbringen. So war etwa eine Baumschule mit Apfelbäumen komplett ausverkauft, das habe ich bis jetzt noch nie erlebt. Von einem befreundeten Gärtner habe ich gehört, dass eine bestimmte Erdbeerjungpflanze mit dem Namen ,Koruna’, die bis dato ziemlich beliebt war, aufgrund ihres Namens so gut wie gar nicht mehr verkauft wird. Ich denke, dass all unsere Veranstaltungen wie Gärtnereibesuche, Schneidekurse und Baumschulenbegehungen nicht anlaufen können, bevor nicht der Großteil der Bevölkerung geimpft ist.“

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