Rhein-Pfalz-Kreis
Der fliegende Erntehelfer
Als sein Handy klingelt, steht Johannes Zehfuß am Airport Baden-Baden. Es ist Montagmittag und der Landwirt aus Böhl wartet auf zwei Erntehelfer, die hier mit einer Maschine aus Rumänien ankommen sollen. Und das trifft genau das Thema des Anrufs: Wie sieht es bei den Landwirten im Rhein-Pfalz-Kreis aus? Werden letztlich genug Saisonkräfte da sein, um über den Sommer 2020 zu kommen?
Vor einem Monat noch haben die Bauern in der Region händeringend nach Leuten gesucht, die auf den Feldern helfen. Zehfuß telefonierte als Vizepräsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Pfalz Süd fast täglich mit besorgten Kollegen. Wegen der Corona-Pandemie fehlten Kräfte aus Rumänien oder Polen. Panik kam auf, das Gemüsejahr nicht stemmen zu können. Anfang April kam dann die erleichternde Nachricht: Die Bundesregierung hatte entschieden, die Einreise von Erntehelfern zu erlauben – allerdings nur unter strengen Auflagen.
„Sie können sich den Aufwand gar nicht vorstellen“, sagt Johannes Zehfuß. „Das sind bis zu 19 Seiten Formulare für eine Saisonkraft. Das ist wahnsinnig umständlich. Aber wir sind froh, dass überhaupt Helfer zu uns kommen.“
Einer der Vorarbeiter hat Flugangst
Nicht immer liegt es an Einreiseverboten und geschlossenen Grenzen, dass Saisonkräfte nicht in die Pfalz kommen. Manche wollen ihre Heimat nicht verlassen, aus Angst, sich in Deutschland mit dem Coronavirus anzustecken. Manche wollen nicht fliegen. „Einer unserer Vorarbeiter etwa hat panische Flugangst. Den bekommen wir in kein Flugzeug“, sagt Zehfuß, der es sehr bedauert, dass er auf ein paar Helfer verzichten muss, die sich auf dem Böhler Betrieb gut auskennen und gut eingespielt sind. Auch die zwei Arbeiter, die er gleich in Empfang nehmen wird, sind noch nie geflogen. Die Aufregung sei entsprechend groß gewesen. „In Rumänien gibt es nicht die Infrastruktur, wie wir sie hier haben. Da setzt man sich nicht einfach in den ICE und fährt mal eben an den Flughafen. Dort ist alles noch sehr ländlich geprägt. Ah, da vorne kommen sie, glaube ich. Ich muss auflegen und melde mich später noch einmal.“
Zehfuß’ Leute sind in einer Sammelmaschine angereist. Die Saisonarbeiter aus dem Osten dürfen ausschließlich in Gruppen und mit dem Flugzeug ein- und ausreisen. Die Bundespolizei hat in Abstimmung mit den Bauernverbänden die entsprechenden Flughäfen festgelegt. Bei der Einreise ist ein Gesundheitscheck vorgesehen. Und in den ersten 14 Tagen dürfen die Helfer ihren Betrieb nicht verlassen – die Bundesregierung nennt es so schön „faktische Quarantäne bei gleichzeitiger Arbeitsmöglichkeit“.
Fieber messen, Personalien feststellen
In Quarantäne kommen die Neuankömmlinge auf dem Zehfuß’schen Betrieb an diesem Tag noch. Der Landwirt und seine Familie haben die Unterkünfte streng geteilt. Arbeiten werden die beiden Neuen erst, wenn sie sich erholt haben, es dauert bis zum Abend, ehe Zehfuß von Baden-Baden nach Böhl zurückgekehrt ist und zurückruft. Er klingt ein bisschen geschafft. „Puh, das kostet Zeit, bis man da durch alle Kontrollen ist.“ Fieber messen, Personalien feststellen, Arbeitsnachweise einsehen ...
Anträge stellen, Formulare ausfüllen und das Prozedere am Flughafen, das Zehfuß beschreibt, muss jeder Landwirt durchmachen, der Saisonkräfte aus dem Ausland beschäftigen möchte. „Wir buchen sogar die Flüge für unsere Leute“, sagt Zehfuß. „Und wir übernehmen die Mehrkosten. Berechnen faktisch nur das, was der Bustransfer gekostet hätte.“ Zehfuß ist trotzdem froh, dass Helfer da sind. Und er weiß auch, dass seine Kollegen sehr erleichtert waren, als die Einreise für Saisonkräfte endlich gestattet wurde. „Wir haben alle nicht die vollen Mannschaften beisammen, aber wir können arbeiten. Und wir werden durch die Saison kommen. Übrigens auch dank der Helfer, die wir über die Online-Plattform www.daslandhilft.de vermittelt bekommen.“
Laut Zehfuß ist das bei ihm im Betrieb eine bunte Truppe. Ob Restaurantleiter, Lehrer oder Student – alle lernen die Feldarbeit kennen. „Die Arbeit und die Erfahrungen auf dem Feld führen zu ganz neuen Erkenntnissen und gegenseitigem Verständnis zwischen Landwirt und Konsument.“
Kein Virus auf dem Gemüse
Apropos Aufwand: Hygienevorschriften und Abstandsregeln, alles eben, was in städtischen Büros gilt, ist auch auf ländlichen Betrieben umzusetzen. Kritik von außen gibt es trotzdem immer wieder: „Hocken sie auf dem Feld nicht zu nah beieinander?“ Oder: „Und warum tragen Erntehelfer keinen Mundschutz?“ Solche Fragen erreichen auch die Landkreisredaktion und entlocken dem Landwirt ein leichtes Stöhnen. „Ja, es stimmt. Unsere Saisonkräfte sind angehalten, Abstand zu wahren, was sich bei der Breite der Beete im Feld oftmals von selbst ergibt. Viele halten sich vorbildlich daran. Manche geraten im Eifer der Gefechts aber auch schon mal zu nah aneinander. Das passiert beim Arbeiten.“ Einigen Fragestellern geht es allerdings gar nicht um die Menschen und ihre Gesundheit, sondern ums Gemüse. „Und da kann ich nur sagen: Das Virus wird laut Robert-Koch-Institut nicht über eine Gemüseoberfläche übertragen.“
Zehfuß findet es schwierig, körperlich hart arbeitenden Menschen das Tragen eines Mundschutzes abzuverlangen. „Man muss ja noch schnaufen können.“ Sollten sich Menschen bei der Arbeit aber näher kommen, etwa auf Erntemaschinen, beim Putzen oder Verpacken der Ware, würde auf entsprechende Schutzvorkehrungen geachtet. „Wir Landwirte sind uns unserer Verantwortung durchaus bewusst. Dafür, dass stets frisches und qualitativ gutes Gemüse aus der Region in die Läden kommt. Und dafür, dass unsere Helfer möglichst wieder gesund in ihre Heimat zurückkehren.“ Wenn es soweit ist, fährt Johannes Zehfuß wieder nach Baden-Baden mit ein paar aufgeregten Menschen im Bus, die abheben müssen, um in Bukarest wieder den Boden unter den Füßen zu finden.