Rhein-Pfalz Kreis Der Bombendetektiv
«Dannstadt-Schauernheim.» In einem eher unscheinbaren Sprinter kommt Maximilian Becker an seinem heutigen Einsatzort an. Hier, im Dannstadter Osten, sollen Gewerbeflächen entstehen. Und hier wird Becker den Boden absuchen. Denn sein Arbeitgeber, die Consulting-Engineers-Göttig aus Worms, ist auf die Suche nach Kampfmitteln spezialisiert. Der 29-Jährige macht diesen abwechslungsreichen, teils gefährlichen Job seit sieben Jahren. Die Mission Becker soll einen ungefähr 7000 Quadratmeter großen Teil des Ackers an der Straße Am Bocke sondieren. Die Auswertung von Luftaufnahmen hat nämlich ergeben, dass hier Blindgänger oder andere Munition aus dem Zweiten Weltkrieg in der Erde liegen könnten. Dass die bei den anstehenden Bauarbeiten für das Gewerbegebiet versehentlich gezündet werden und Menschen sterben, soll der Fachmann verhindern. Die Ausrüstung Bei der Suche nach Bomben greift Becker vor allem auf einen Messwagen zurück. Der ist mit vier Sonden, einer damit verbundenen Dateneinheit, einem GPS-Empfänger samt Dateneinheit, einem Bluetooth-Gerät für die Kommunikation mit den mobilen Handgeräten und einer Batterie ausgestattet. „Das gute Stück ist 70.000 Euro wert“, sagte Becker. Der Messwagen besteht vor allem aus Aluminium und Carbon. Metalle darf er nicht enthalten, da sie die Messungen stören oder verfälschen würden. Die Methode Das Magnetfeld der Erde deutet an, wo etwas in der Erde schlummern könnte, sagt Becker. Dessen Linien verlaufen vom Süd- zum Nordpol. Metalle stören den natürlichen Verlauf, lenken die Magnetlinien ab. „Diese Abweichungen erfassen die Sonden“, erklärt der Experte, woran er eventuelle Hinterlassenschaften aus dem Krieg erkennt. Gemessen wird im Bereich von 50 bis 100 Nanotesla. Diese nach dem Physiker Nikola Tesla benannte Einheit gibt die magnetische Flussdichte an. „Archäologen messen ab null Nanotesla. Dann dürfte ich aber noch nicht einmal einen Reißverschluss an mir haben“, ordnet er die Empfindlichkeit der Instrumente ein. Anders als bei Hobby-Schatzsuchern am Strand sende sein Messwagen keine Impulse aus, weshalb die Batterie deutlich länger halte – bis zu zehn Stunden. Die passive Messmethode reiche bis zu vier oder fünf Metern Tiefe. Bei kleineren Flächen zieht Becker den Messwagen mit der Hand hinter sich her, bei größeren hängt er den Wagen an ein Quad – ein vierrädriges geländetaugliches Motorrad. „Das war zum Beispiel bei der Pfalzmarkt-Erweiterung nötig, bei der wir 120.000 Quadratmeter sondieren mussten, oder beim neuen Amazon-Logistikzentrum mit 250.000.“ Dagegen ist das Gelände in Dannstadt mit seinen 7000 Quadratmetern richtig putzig. Finden kann er Becker trotzdem immer etwas. Mit GPS-Hilfe, also einer satellitengestützte Navigation, manövriert er den Wagen zielgenau über das Feld. Eine eigens entwickelte Software legt die GPS-Daten und die Messergebnisse übereinander. Das Ganze wertet Becker hinterher am Laptop aus. Die Ausbildung Einfach mal so mit dem Messwagen durch die Gegend laufen darf selbstredend nicht jeder. Wer Feuerwerker werden möchte, muss zunächst vier Jahre in einer entsprechenden Fachfirma gearbeitet und entweder Abitur oder eine technische Berufsausbildung gemacht haben. „Ich bin eigentlich ITler und habe früher im Büro gearbeitet“, sagt Becker, der es umso mehr schätzt, täglich an der frischen Luft zu sein. Sind die Voraussetzungen erfüllt, müssen Interessierte den dreiwöchigen Sondierungslehrgang absolvieren, anschließend ein weiteres Jahr in der Branche arbeiten und schließlich den sechswöchigen Feuerwerker-Lehrgang meistern. Der wird nur an drei Orten in Deutschland angeboten: in Bad Marienberg bei der Deutschen Feuerwerker Ausbildungs- und Beratungsgesellschaft, an der Dresdner Sprengschule und in Schwerin. Die Funde Schlagen die Sonden aus, muss der jeweilige Fund freigelegt werden. Dabei kann es sich um alte Rohrteile, Eimer oder eben um eine Bombe handeln. Um herauszufinden, womit genau Becker es zu tun hat, muss der Fund freigelegt werden. Vorher rückt auch der Kampfmittelräumdienst nicht an. „Das ist jedes Mal graben ins Ungewisse“, sagt der 29-Jährige über den Teil seiner Arbeit, bei dem es gefährlich werden kann. Deswegen kommt dafür ein sprenggeschützter Bagger zum Einsatz. „Der besitzt Panzerverglasung und eine verstärkte Stahlplatte unter dem Führerhaus“, sagt er. Handelt es sich tatsächlich um eine Bombe, „dürfen wir daran nichts machen. Das übernehmen dann die Spezialisten vom Kampfmittelräumdienst.“ Fotos von seinem spektakulärsten Fund bei Heppenheim hat Becker auf dem Smartphone dabei: 3,8-Zentimeter-Granaten, auf die ein Bauer zufällig gestoßen ist – und dann gleich 850 Stück davon. Dazu ein Wehrmachtshelm, eine Handrohrbombe und ein bisschen Infanteriemunition. Der Pächter des Ackers, den Becker heute durchsucht, verfolgt das Geschehen ebenfalls kurz. „Dass hier vielleicht noch Munition aus dem Krieg im Boden liegt, ergibt Sinn. Denn dort hinten ...“, Dieter Harder zeigt auf das Gelände hinter der Baumlinie in Richtung Autobahn 61, „stand früher eine Flak.“ Ob im Boden auf dem Dannstadter Feld tatsächlich noch ein Kriegs-Nachlass wartet, muss die Analyse zeigen.