Rhein-Pfalz Kreis „Das wird negative Folgen haben“
Dannstadt-Schauernheim. Doch, sie habe gut geschlafen in der Nacht am 23. Juni. „Denn ich war nicht wirklich überrascht über das Ergebnis des Referendums“, sagt Linda Reich und schiebt ein „Leider“ hinterher. Denn diesen Ausgang habe sie sich für ihr Heimatland nicht etwa gewünscht. „Das wird negative Folgen für Großbritannien haben.“ Davon ist die 69-Jährige fest überzeugt. Klare Worte der Britin, die das Drumherum um das Referendum zwar nicht live miterlebt hat, dennoch aber nah dran war. Im Internet las Linda Reich britische Zeitungen, nutzte Nachrichtenseiten und mailte mit Verwandten und Freunden in England. Selbst wählen durfte sie trotz ihrer doppelten Staatsbürgerschaft nicht, weil sie seit über 20 Jahren nicht mehr in England wohnt. Hätte sie gekonnt, „hätte ich natürlich gegen den Austritt gestimmt.“ Vor über 45 Jahren kam sie nach Deutschland. Der Grund: die Liebe. Im Urlaub in Österreich lernte sie ihrem Mann, den Pfälzer Norbert Reich, kennen. Mit 23 zog sie in die Pfalz. „Deutschland war aber schon damals für mich nicht unbekannt“, erzählt sie. Ihr Vater ist Deutscher, und oft hat ihre Familie in den Ferien Verwandte in der Nähe von Offenbach besucht. „Aber die Pfalz ist noch mal was anderes – also die Sprache“, sagt sie und muss lachen. Hier fand sie gleich eine Anstellung – bei Knoll in Ludwigshafen. Als 1976 Tochter Maren auf die Welt kam, gab sie ihren Beruf auf. Ihre Heimat besuchte sie mit ihrer Familie regelmäßig für mehrere Wochen. „Im Gepäck hatten wir immer literweise Pfälzer Wein“, erinnert sich Linda Reich. Der war bei Freunden und Verwandten in England sehr beliebt. Aber: „Wir durften bis in die 70er und 80er Jahre zu zweit ja nur acht Liter pro Person einführen.“ Darum wurden die Flaschen mit dem guten Pfalzwein schon mal zwischen Kleidern und in Schuhkartons „geschmuggelt“. Bei der „Weinausfuhr“ haben die Reichs dann auch persönlich den Vorteil der Europäischen Gemeinschaft gespürt. Anfang der 90er fielen die Beschränkungen, dann durften sie 90 Liter pro Person „legal“ mitnehmen – sehr zur Freude der Freunde und Verwandtschaft. Aber auch die Briten selbst hätten von der EU profitiert, meint Reich. Es sei viel Geld nach Großbritannien geflossen: zum Beispiel für Forschung oder Landwirtschaft. „Doch die Briten sahen oft nur das Negative und glaubten, sie würden nur in die EU einzahlen und nichts bekommen“, sagt Linda Reich. Was aber ihren Landsleuten besonders aufgestoßen sei, war das Gefühl, aufgrund diverser EU-Richtlinien von Brüssel vieles vorgeschrieben zu bekommen. „Ich sage nur: Fish and Chips. Das Nationalgericht durfte aufgrund einer EU-Hygienevorschrift nicht mehr in Zeitungspapier eingewickelt werden, wie es Tradition war – für die Briten die Einmischung schlechthin“, sagt Linda Reich. Es sei aber lächerlich, dass das zum Symbol für die vermeintliche Fremdbestimmung durch Brüssel geworden ist. Diese „Anti-Brüssel-Haltung“, die in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden sei, habe aber noch weitere Gründe: „Die Engländer leben auf einer Insel, sie haben eine ausgeprägte Inselmentalität“, sagt Linda Reich. Auch die Medien hätten diese Contra-EU-Haltung forciert. „Besonders vor dem Austritt bekamen die Bürger keine neutralen und nutzbaren Informationen“, meint die 69-Jährige. Hinzu kam: „Der Wahlkampf war eine Schlammschlacht.“ Unter diesen Umständen hätte das Volk über so eine folgenschwere Entscheidung nicht abstimmen dürfen. „Viele Briten können noch heute nicht die Folgen des Austritts einschätzen – nicht einmal die Befürworter unter den Politikern haben einen richtigen Plan“, ist Reich überzeugt. Sie fürchtet, die Wirtschaft werde nun leiden, denn Britannien sei vom Import abhängig. Schon jetzt seien die Bedingungen nicht gut: „Das Leben in Großbritannien ist sehr teuer“, sagt sie, das britische Pfund habe über Jahrzehnte an Wert verloren. Nun könnte die Einfuhr von Waren – etwa durch Zölle – teurer werden. „Auch werden wohl Firmen in den kommenden Jahren wegen der Ungewissheit nicht mehr im Land investieren.“ Ein Beispiel für den stetigen wirtschaftlichen Abstieg sei ihre Heimatstadt Blackburn im Nordwesten Englands. Hier seien heute auch die Fehler der Einwanderungspolitik – ebenso ein Thema beim Brexit-Wahlkampf – sichtbar. „Fast 30 Prozent der etwa 100.000 Einwohner stammen aus Indien oder Pakistan“, berichtet Linda Reich. Der Anteil ist einer der höchsten im Land außerhalb Londons. „An meiner ehemaligen Grundschule sind nur noch zehn Prozent der Kinder Weiße.“ Das allein sei aber nicht das Problem, sondern die sichtbaren Rückschritte bei der Integration. „Ganze Viertel sind in Händen von Indern und Pakistani, viele sprechen kein Englisch, und man sieht immer mehr verschleierte Frauen“, erzählt sie von ihrer Heimatstadt. Besonders kritisch ist für sie, dass islamische Privatschulen ohne staatliche Aufsicht erlaubt sind. Diese Umstände schürten die Angst vor einer Islamisierung und spielten Populisten wie Vertretern der UKIP in die Hände. Die schimpften unterdessen im Kampf um die Stimmen für den Austritt auch auf Osteuropäer wie Polen, Bulgaren oder Rumänen. „Die Briten wollten sie damals haben und haben sie auch gebraucht“, sagt Linda Reich. Sie nun zu verteufeln, ist in ihren Augen falsch. Die Reichs haben keinen Fernseher, dafür nutzen sie das Internet als Informationsquelle. Ein Medium, das Linda Reich auch für ihre Arbeit als Volkshochschullehrerin braucht. Seit den 70ern gibt sie Englischkurse. Sie liebt Krimis, „aber die deftigen, bitte“. Ein solches Ende wünscht sie ihren Landsleuten aber nicht, wenn Großbritannien 2019 die EU dann endgültig verlassen hat.