Fussgönheim Darmkrebspatient Nico Schneider will seine Familie versorgt wissen
„30. April 2020.“ Das Datum kommt bei Nina Schneider wie aus der Pistole geschossen. Es ist der Tag, an dem ihr Ehemann Nico die niederschmetternde Diagnose erhalten hat, die das Leben der Familie aus Fußgönheim von einem Tag auf den anderen verändert hat: Darmkrebs. „Ich war am Tag vorher noch arbeiten, habe mich etwas unwohl gefühlt. Ich habe meinen Laptop mit nach Hause genommen, wollte noch ein bisschen was machen. Aber es ging nichts mehr. Auf einmal konnte ich nichts mehr bei mir behalten“, erinnert sich Nico Schneider. Am Tag darauf sei er direkt zu seinem Hausarzt gegangen, erzählt der 44-Jährige. Dieser habe ihn sofort ins Krankenhaus geschickt. „Da war der Haupttumor schon so groß, dass er mir den Darm abgedrückt hat.“
„Wir haben am Abend zuvor noch gegrillt“, sagt Nina Schneider. Die Hoffnung sei gewesen, dass ihr Mann dabei vielleicht etwas nicht vertragen habe. Einläufe habe er bekommen, sagt Nico Schneider. Damit sich alles löse. Schließlich sei er künstlich ernährt worden. Am Ende seien bei der Operation 23 Zentimeter Dickdarm, der Tumor und zwei Metastasen entfernt worden.
Zehn Stunden Operation
Bei einer zweiten Operation wurden ihm weitere zehn Zentimeter Dickdarm, Milz, Galle und ein Teil des Bauchfells entfernt, erzählt er. Danach wurde der komplette Bauchraum mit einer Lösung gespült. Zehn Stunden habe diese Operation gedauert. Dann sei er auf die Intensivstation gekommen. Die erste Zeit nach der Operation habe er nur noch sehr verschwommen in Erinnerung. Im ersten Moment habe er nicht mal seine Frau erkannt.
Nach der Belastung für den Körper durch den Eingriff kamen die Belastungen für den Kopf. „Wie erzähle ich das meinen Eltern, dass sie mich überleben werden?“ In Frankfurt habe ein anderer Darmkrebspatient neben ihm im Zimmer gelegen. „Er war deutlich älter als ich. Und irgendwann waren die Ärzte da, haben gemeint, dass an Chemotherapie alles ausgereizt gewesen sei. Und eine weitere Operation würde er nicht überleben. Da dachte ich: Das bin ich in ein paar Jahren. Das kann man nicht realisieren.“
Internetvideos für die Tochter
Auch Tochter Mara hat die Belastungen für die Familie mitbekommen. „Sie hat natürlich gesehen, dass Mama ganz viel geweint hat“, erinnert sich Nina Schneider. Sie selbst sei in eine Depression gefallen, sagt sie. Die Tochter habe seitdem starke Trennungs- und Verlustängste.
„Als sie vier oder fünf Jahre alt war, haben wir uns einen Leitfaden angeschaut, wie wir das mit ihr richtig machen können“, erzählt die Mutter. Selbstverständlich habe das Kind die Narben und den Schlauch bei ihrem Vater gesehen. Eine Kinderpsychologin habe der Familie den Rat gegeben, alle Fragen, die Mara stellt, zu beantworten. Aber kindgerecht. „Irgendwann hat sie gefragt, was das Schlimmste sei, das passieren könne. Da habe ich ihr gesagt, dass Papa sterben kann“, berichtet Nina Schneider.
Im Internet gebe es Videos von der Deutschen Krebshilfe, die speziell für Kinder gemacht worden seien. Die habe sich Mara angeschaut. Sie sei sehr interessiert. „Irgendwann hat sie gefragt, wie die Seele aussieht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit einer Achtjährigen Gespräche über die Seele führe“, sagt Nina Schneider.
Herausforderung Computerspiele
Auf sie kommt jetzt noch eine andere Herausforderung zu. „Ich muss lernen, wie man Computerspiele zockt. Das war immer eine Sache zwischen Mara und meinem Mann.“ Doch irgendwann habe die Tochter eben gefragt, mit wem sie zocken und Blödsinn machen solle, wenn Papa nicht mehr da sei. Bei letzterem stößt Nina Schneider bisweilen an ihre Grenzen: „Mir ist gerade nicht jeden Tag danach, den Clown zu spielen.“
Fluch und Segen zugleich ist, dass sie als Biolaborantin beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg arbeitet. „Da weiß man manchmal mehr, als man wissen möchte.“ Die Krankheit sei dadurch ein Thema, dass sie 24 Stunden am Tag begleite. Man verstehe die Fragen der Ärzte besser. Aber von der Psyche her sei es schwieriger.
Problem: Erschöpfung
Nico Schneider merkt, dass sich sein Körper verändert. Joggen, Radfahren, Canyoning, Rafting, Klettern – die Familie war sehr aktiv. Das geht jetzt nicht mehr. Und auch Unternehmungen mit der Tochter seien früher einfacher gewesen. „Durch die Erschöpfung wird das immer schwieriger“, sagt er. Hinzukomme, dass er aufgrund der starken Medikamente, die er nehmen müsse, nicht mehr Auto fahren dürfe. „Und unsere Tochter ist ein richtiges Energiebündel“, sagt Nina Schneider. Der Besuch im Kletterwald, das sei jetzt ihr Part.
Trotzdem will Nico Schneider seinen Teil zum Familienleben beitragen. „Ich will größtenteils den Haushalt machen. Aber auch das geht nur noch bedingt. Es ist erschreckend, wie schnell man abbaut.“ Seit Oktober habe sich das noch mal verschärft. Mittlerweile habe er Schwierigkeiten, früh aus dem Bett zu kommen. „Die erste Schmerztablette nehme ich schon im Bett“, sagt er. Er brauche morgens eine gute Stunde, bis das Morphin wirke, ergänzt seine Frau. Zwölf, 13 Stunden schlafe er nachts. Dazu nachmittags noch mal ein, zwei Stunden. Auch das schränke ein.
Warum es ihn getroffen hat mit dieser schrecklichen Krankheit, das weiß Nico Schneider nicht. Er habe nicht geraucht, nicht übermäßig Alkohol getrunken, in der Familie habe es keine entsprechende Vorgeschichte gegeben. „Er hat die Arschkarte gezogen. Normalerweise bekommt man so etwas, wenn man um die 70 ist“, sagt Nina Schneider.
Keine Prognose der Ärzte
Eine Prognose wollten die Ärzte nicht abgeben, erzählt Nico Schneider. „Es könnte vielleicht etwas besser sein, weil ich jünger bin als der durchschnittliche Darmkrebspatient.“ An Chemotherapie habe er aber jetzt alles durch. „Wenn die neuen Tabletten nicht mehr wirken ...“ Bestrahlung sei noch eine Möglichkeit. In der Hoffnung, dass dadurch die Beschwerden gelindert würden. „Es bleibt die Hoffnung auf Studien für neue Medikamente, an denen er vielleicht teilnehmen kann. Das ist eine Chance, die wir wahrnehmen würden. Gar nichts machen, ist keine Option“, betont Nina Schneider. Anfang Februar sei die nächste turnusmäßige Untersuchung. „Da erfahren wir dann, ob die aktuellen Tabletten für die Chemotherapie wirken. Wenn nicht, haben wir keinen Plan B.“
Da solch eine Krankheit nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine finanzielle Schattenseite hat, hat Nico Schneider eine Crowdfundingaktion über die Internet-Plattform gofundme.com gestartet. „Unterstützt meine Familie, wenn ich es nicht mehr kann“ heißt die Kampagne, in der Nico Schneider Spenden sammelt. Es seien vor allem die versteckten Kosten, zum Beispiel für die spezielle proteinreiche Ernährung, freiverkäufliche Medikamente und viele andere Ausgaben, die die Familie belasten. „Einzeln ist das vielleicht nicht wild. Aber es summiert sich. Und das merkt man“, sagt Nina Schneider. Dazu komme noch der Kredit für das Haus. Vielleicht bleibe am Ende noch was übrig für ein paar letzte Wünsche. Nico Schneider würde gerne noch mal zum Festival Rock im Park.
Er lebe jetzt bewusster, sagt Nico Schneider. Gleichwohl hat er sich auch schon mit dem Sterben auseinandergesetzt. Die Lieder für die Trauerfeier hat er ausgesucht. Die Passwörter für sein E-Mail-Konto und die Onlineshops hat er für seine Frau zusammengetragen. Für seine Tochter habe er schon ein Hörbuch aufgenommen, um ihr alles, wozu er noch nicht gekommen sei, zu sagen. Angst habe er, gesteht er. „Aber eher davor, wochenlang im Krankenhaus zu liegen. Ich hoffe, dass ich nicht so lange leiden werde.“