Römerberg
Corona-Beschränkungen: Kinderärztin fordert Umdenken
Frau Döhring, wie erleben Sie die Kinder, die derzeit in Ihre Praxis kommen?
Ich erlebe, dass selbst Kinder, die aus behüteten, tollen Elternhäusern kommen, Stress haben, depressiv und unausgeglichen sind. Man merkt allen Kindern die Corona-Beschränkungen an. Am meisten liegen mir die Kleinkinder am Herzen, die nicht alleine raus können. Sie sind dabei abhängig von Erwachsenen. Diese und Jugendliche können raus, können mit ihrem Smartphone Kontakte halten und die Situation intellektuell begreifen. Und die Eltern machen schon so unglaublich viel. Hut ab. Eine Mutter steht bereits um 4 Uhr auf, geht ins Homeoffice und kümmert sich dann um die Kinder. Der Vater arbeitet bis in die Nacht hinein. Die meisten Eltern meinen es gut mit ihren Kindern. Nichtsdestotrotz brauchen Kinder und Jugendliche mehrere Kontakte zu Gleichaltrigen.
Welche langfristigen Folgen fürchten Sie für Kinder durch die Pandemie?
Wissen Sie, ein Kleinkind hat zehn bis 20 Prozent seiner Lebenszeit im Lockdown verbracht. Das ist eine lange Zeit. Ich weiß nicht, welche Auswirkungen das haben wird. Wir wissen, wie wichtig frühkindliche Bildung ist und dass bildungsschwache Kinder schwächer werden. Kinder, deren Eltern mit psychischen Problemen, Beziehungsstreitigkeiten oder Drogen zu tun haben, sind besonders gefährdet. Die Kindeswohlgefährdung nimmt zu.
Gibt es solche Fälle bei Ihnen in der Praxis?
Ja, wenn auch wenige. In meiner Praxis gibt es viele Kinder, die lebhaft waren, und nun ruhig sind, nicht mehr viel reden, fast schon depressiv sind. Ein anderes Kind weint nur noch zu Hause. Besonders berührt hat mich ein achtjähriges Mädchen aus gutem Elternhaus, das seine Tasche gepackt hat und Urlaub von Corona machen wollte. Dies zeigt, wie verzweifelt Kinder sein können.
Was wünschen Sie sich von der Politik?
Dass alle Kinder und Jugendlichen wieder mindestens zweimal die Woche in die Kita und die Schule können. Dabei geht es mir vor allem um die seelische Gesundheit der Kinder. Kinder brauchen andere Kinder, nur ein Kontakt reicht nicht. Die Grundschule beginnt nun mit Wechselunterricht, zum Glück! Wissen Sie, mir verlangt die Situation viel weniger ab als Kindern und Familien oder vielen anderen, sie zehrt, ja. Mein Mann und ich sitzen abends auf dem Sofa, lesen ein Buch und gut ist.
Geöffnete Schulen bedeuten aber ein erhöhtes Infektionsrisiko.
Lehrer und Erzieher haben ein hohes Risiko. Deshalb sollten sie sich früher impfen lassen können. Ein versetzter Schulanfang ist eine weitere Möglichkeit und mehr Schulbusse. Ich bin froh, dass ich keine Politikerin bin, aber wir hatten nun ein ganzes Jahr lang Zeit, um uns Gedanken zu machen. Wo bleiben kreative Lösungen? Die Corona-Fallzahlen sind rückläufig. Kinder und Jugendliche brauchen einander. Jetzt zahlen sie einen zu hohen Preis, damit bin ich nicht mehr einverstanden.
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