Worms
Bomben auf Worms: Zeitzeuge aus Bobenheim-Roxheim berichtet vom 18. März 1945
Luftalarm bei Tag! Wo die Pfalz an Rheinhessen stößt, lässt am 18. März 1945 durchdringendes Sirenengeheul die Einwohner von Stadt und Land in Keller oder Luftschutzräume hasten. Zwei junge Burschen schlagen sich stattdessen lieber vom Roxheimer Altrhein durch Gesträuch und Schilfröhricht zum Rheindamm nördlich von Bobenheim durch. Dort hat man einen guten Blick auf Worms.
Bewaffnet mit Büchlein
Jugendlicher Erlebnishunger und Neugierde treiben Hans Graber (13), nachmals langjähriger Sprecher der CDU-Ratsfraktion seiner Heimatgemeinde, und Helmut Seiler (14), später dortiges SPD-Ratsmitglied, in die Richtung des feindlichen Angriffs. „Bewaffnet“ sind sie mit einem Feldstecher und einem Bestimmungsbüchlein für Flugzeuge der Alliierten sowie der verbündeten Mächte, das auch Anweisungen für das Verhalten von Zivilisten im Luftkrieg gibt. Eng pressen sie sich an die Dammböschung und beobachten, wie zahlreiche Kampfflugzeuge der Ninth Air Force der US-amerikanischen Luftwaffe (USAAF) unaufhaltsam den Nordwesten des Wormser Stadtgebiets ansteuern. Wild feuern am Boden die Flugabwehrkanonen (Flak) und werden zum Teil von Jagdeinsitzern des Typs Lockhead „Lightning“ ausgeschaltet.
Graber 75 Jahre später: „Diese Doppelrumpf-Jäger sehe ich heute noch vor mir; sie gaben den Bombern Feuerschutz. Unsere chancenlose Flak erzielte nur wenige Treffer, und deutsche Flugzeuge hat man am Himmel damals so gut wie gar nicht mehr gesehen.“ Die USAAF bombardiert Wohnhäuser der Innenstadt und des Ortsteils Neuhausen. Andauernde Explosionen, von den Jungen durchs Fernglas zum Teil als Feuerbälle wahrgenommen, mischen sich mit dem Krachen einstürzender Gebäude.
Ziel: Zertrümmerung des Deutschen Reiches
Seit zwei Jahren hat die Intensität britischer und amerikanischer Angriffe auf Worms ständig zugenommen. 20.000 Menschen sind deshalb schon weggezogen. Hat der britische Premierminister Neville Chamberlain 1939 noch betont, nicht das deutsche Volk, sondern dessen verbrecherische Regierung sei zu bekämpfen, ließ sein Nachfolger Winston Churchill den Soldaten 1942 klarmachen, alliiertes Ziel sei nicht die Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus, sondern die völlige Zertrümmerung des Deutschen Reiches.
Das Schicksal der Nachbarstadt geht den Jungen nahe. Wie andere – nicht nur – Kinder hoffen sie fest auf Wunderwaffen, die das Kriegsglück noch wenden. „Damals ging das Gerücht,“ so Hans Graber, „demnächst komme eine Technik zum Einsatz, die bewirke, dass die Gegner mitten in ihrem jeweiligen Bewegungsablauf plötzlich erstarren!“ Es geschieht am 18. März aber nichts derartiges, im Gegenteil: Das furchtbare Inferno, so kommt es den Jungen vor, will gar kein Ende nehmen. Immer, wenn die Angreifer ihre Bombenlast abgeladen haben, folgt eine nächste Welle amerikanischer Kampfflugzeuge.
Hunderte Menschen sterben
Es handelt sich um einen reinen „Strafangriff“ gegen die Bewohner, ohne den geringsten militärischen Sinn. Über 140 Menschen verlieren dabei das Leben, von bereits 15.000 Obdachlosen und der verwüsteten Infrastruktur ganz zu schweigen. Erst Ende Mai, Anfang Juni sind alle Toten geborgen. Das Straßenbild wird bis in die 70er-Jahre Kriegswunden aufweisen.
Hans Graber blieb von damals das zerfledderte Flugzeugbestimmungs-Büchlein – und die Erkenntnis, dass Adolf Hitlers verantwortungslose Politik nur aus Fanatismus und hohlen Sprüchen bestanden hat.