Rhein-Pfalz Kreis Bobenheim-Roxheim: Landwirte protestieren gegen SPD-Anträge zu Glyphosat und Nitrat
Rund 40 Zuhörer, darunter viele Bauern, haben am Mittwochabend die Sitzung des Umweltausschusses besucht. Der Grund: Auf der Tagesordnung standen auf Antrag der SPD die Themen Glyphosat und Nitrat. Die anwesenden Landwirte fühlten sich davon offensichtlich angegriffen.
Die SPD-Fraktion hatte vor Längerem beantragt, dass auf Grün- und Ackerflächen der Gemeinde zum Schutz der Bevölkerung und der Natur keine Pestizide, vor allem kein Glyphosat mehr verwendet wird. In ihrem Antrag gingen die Genossen so weit zu fordern, dass Pächter von Äckern künftig im Vertrag mit der Gemeinde auf einen Verzicht chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel verpflichtet werden. Außerdem plädierte die Fraktion für einen Aktionsplan zur Einhaltung der Nitratgrenzwerte im Grundwasser der Region. Denn ein Gewässerschutzverein hatte im August 2019 vermeldet, dass in den Wasserproben aus Privatbrunnen im Ort teils hohe Belastungen mit diesem meist auf Überdüngung zurückgeführten Stoff gefunden worden seien.
Zwei Fachleute zwecks Aufklärung eingeladen
Zur Sitzung eingeladen waren Norbert Laun vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) und Dirk Gerling, Geschäftsführer des Bauern- und Winzerverbands Vorder- und Südpfalz. Denn ohne fachlichen Beistand, so die Begründung des Ausschussvorsitzenden Frank Peter (CDU), könne man nicht über die Anträge entscheiden. Vertreter von Umweltverbänden waren nicht angefragt worden.
Der promovierte Gärtner Laun, dessen Arbeitsschwerpunkt der Pflanzenschutz ist, klärte vor der ungewöhnlich großen Zuhörerkulisse über den Ursprung der Kontroverse um den Unkrautvernichter Glyphosat auf sowie über den aktuellen Stand in der Bewertung seiner Gefährlichkeit: Ja, die IARC, eine Unterbehörde der Weltgesundheitsorganisation, habe das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft, sechs andere Behörden und Expertengruppen dagegen nicht.
„Die Dosis macht das Gift“, betonte Laun mehrfach an dem Abend und sagte, dass zum Beispiel rotes Fleisch und Alkohol in die Kategorie „sicher krebserregend“ fielen, dass für das Artensterben viele weitere Ursachen infrage kämen und dass die Wissenschaft für ein Verbot von Glyphosat zum Schutz der Bevölkerung derzeit keine Notwendigkeit sehe. Allerdings: Das Mittel ist in der EU nur bis Dezember 2022 zugelassen, danach droht ein Anwendungsverbot. Darauf wies SPD-Mann Gerhard Schlieger hin. Was also spreche dagegen, Glyphosat und andere Pestizide schon jetzt von Flächen – wohlgemerkt nur von denen, die der Gemeinde gehören – zu verbannen.
Lobbyist Dirk Gerling verteidigt Bauern
„Unsere Landwirte sind sachkundig und wissen genau, was sie tun“, sagte Dirk Gerling vom Bauern- und Winzerverband. Weitere Sätze, die er im Verlauf der Sitzung wiederholte: „Sie müssen in den Dialog mit den Landwirten einsteigen. Wir müssen den Weg gemeinsam gehen. Ich werbe dafür, die Landwirte nicht pauschal zu verurteilen.“ Die Frage, welche Folgen einen Pestizidverbot für die Pächter der 370.000 Quadratmeter Gemeindeackerland hätte, wurde an dem Abend nur ungefähr beantwortet: „Die Alternative sind aufwendigere mechanische Verfahren“, sagte Nobert Laun.
Landwirt und Ausschussmitglied Ludwig von Heyl jun. (CDU) sagte, die Bauern der Region fühlten sich „auf den Schlips getreten durch den beleidigenden Antrag der SPD“. Die Billigmentalität in der Gesellschaft habe die zur Debatte stehenden Probleme erzeugt, „aber wir Landwirte werden dafür an den Pranger gestellt“. Von Heyl drohte der Gemeinde mit dem Rückzug der örtlichen Bauern vom geplanten Gemarkungsputz, falls der Antrag nicht zurückgenommen werde.
Bürgermeister Michael Müller (SPD) erinnerte den CDU-Mann daran, dass die Gemeinde und die SPD-Fraktion nicht identisch seien, bloß weil der Bürgermeister dieser Partei angehöre. Gerhard Schlieger sagte: „Es war nicht die SPD, die die Geiz-ist-geil-Mentalität in die Welt gebracht hat.“ Der den Grünen angehörende Umweltbeauftragte sprach sich gegen den Glyphosat-Antrag aus, weil es „noch viele andere Ursachen“ für den Verlust von Arten gebe.
Grundwasser ist nicht gleich Trinkwasser
Nicht ganz so heiß wurde der Antrag zum Thema Grundwasser diskutiert. Norbert Laun vom DLR klärte unter anderem über Nitratgrenzwerte und den Unterschied zwischen Grund- und Trinkwasser auf. „Je tiefer das Wasser, desto niedriger die Nitratwerte“, sagte er. Jedoch: Diese Stickstoffverbindung sinke vom oberen Grundwasserleiter ungefähr einen Meter pro Jahr hinab zur Trinkwasserschicht. Seine Empfehlung zur Verringerung der Belastung: Landwirte sollten ihren Düngemittelbedarf ziemlich exakt ermitteln, Tiefwurzler anbauen, stabilisierten Dünger verwenden und dessen Dosierung an den jeweiligen Bedarf innerhalb des Kulturverlaufs anpassen. „Da wird schon sehr viel versucht“, sagte Laun, zum Beispiel in der Region Frankenthal in einer Wasserschutzkooperation von Landwirten und Stadtwerken.
Das Ergebnis der dreistündigen Sitzung: Die beiden SPD-Anträge wurden von der Ausschussmehrheit aus Grünen, CDU und Freien Wählern nicht unterstützt. Das heißt: Dem Gemeinderat, der sich ebenfalls mit dem Thema befassen muss, wird empfohlen, sie abzulehnen.