Rhein-Pfalz Kreis Bobenheim-Roxheim: Brigitta Sattler kann Symbole in Märchen deuten
Frau Sattler, Sie wollen Menschen zeigen, dass die Bildsprache in Märchenerzählungen einen tieferen Sinn hat. Können Sie da mal ein Beispiel nennen?
Nehmen wir doch das Spinnrad. Das in Märchen häufig verwendete Bild des Spinnens geht zurück auf die drei Schicksalsfrauen, die Nornen aus der nordischen Mythologie. Sie stehen für „geben, erhalten, abschneiden“, also für Geburt, Leben und Tod. In „Frau Holle“ wird die Goldmarie am Ende für ihren Fleiß belohnt, und im Gegensatz zur Pechmarie erhält sie ihre Spindel zurück. Als Zeichen der Hoffnung, dass das Leben weitergeht und sie aufgefordert ist, etwas daraus zu machen. In russischen Märchen kommt häufig das Garnknäuel als Geschenk vor. Lebensfaden, roter Faden ... Wir haben viele Begriffe, die ihren Ursprung in Märchen haben. Das ist ein unglaublicher Schatz, den man da heben kann. Kinder verstehen das meist ganz instinktiv.
Erzählen Sie doch mal, wo Sie das alles gelernt haben. Kann man sich tatsächlich zum Märchenerzähler ausbilden lassen?
Ja. Verschiedene Ausbildungsstätten bieten das an, mit verschiedenen Ansätzen. Ich habe mich an der Waldorfpädagogik orientiert, weil da mit den Märchen von allen Seiten gearbeitet wird: erzählerisch und didaktisch, in der Natur und handwerklich, beispielsweise beim Basteln von Märchenpuppen. Der Begründer der Ausbildung hat das „Ur-Märchen“ geschrieben, das den Entwicklungsweg des Menschen aufzeigt. Das war für mich der richtige Ansatz. Die Ausbildung dauerte drei Jahre, wobei pro Jahr zwei Intensivseminare besucht wurden und die Zeit dazwischen dazu genutzt wurde, das Gelernte umzusetzen.
Haben Sie Lieblingsmärchen?
Das wechselt, je nachdem, wo ich selber gerade stehe. Beispielsweise gibt es ein Märchen aus Litauen, in dem sich eine junge Frau in eine Wildgans beziehungsweise einen Schwan verwandelt und sich dadurch aus widrigen Umständen befreien kann. Das finde ich so bezeichnend. Es gibt aber wahnsinnig viele Märchen, bei denen ich sage: Die sind wunderbar. Die Märchen, die ich erzähle, muss ich verstehen – dann kommen sie auch rüber. Was ich nicht so mag ist das Märchen von König Drosselbart. Dessen Verhalten ist einfach gemein – aber das Leben ist manchmal so. Wenn ich die Erzählung aufdrösele und hinter die Kulissen schaue, dann wird Drosselbart annehmbar, aber nicht geliebt.
Interview: Waltraud Werdelis und Susanne Kühner