Rhein-Pfalz Kreis Betroffenheit bei Bürgern nach Festnahme in Mutterstadt

91-87477825.jpg

In Mutterstadt wird viel über die Verhaftung des 24-jährigen Terrorverdächtigen geredet, Fragen nach der Verbindung des Syrers in das Pfälzer Dorf werden gestellt. Medienvertreter reisen an, um Antworten zu finden. Und im Kreishaus denkt man an die Zukunft: Wie wird der Vorfall aufzuarbeiten sein? Wie wird er die Stimmung gegenüber Flüchtlingen beeinflussen?

MUTTERSTADT. Viel ist in der Oggersheimer Straße an diesem Vormittag nicht los. Nur ein paar Meter weiter plätschert das Wasser im Rathausbrunnen friedlich vor sich hin, dahinter wird auf der Baustelle emsig gewerkelt. Nichts deutet im Mutterstadter Ortszentrum darauf hin, dass hier am Freitagnachmittag ein 24-jähriger Syrer unter Terrorverdacht festgenommen wurde. Am Kiosk in der Ludwigshafener Straße ist der Vorfall dennoch das beherrschende Thema – nachdem der Ort am Dienstagabend sogar in der Tagesschau erwähnt wurde. Gülten Sapkur, die Verkäuferin aus Limburgerhof, erzählt, dass viele Kunden sie am Morgen auf den Sondereinsatz der Polizei angesprochen haben. Einige seien verunsichert. „Mutterstadt ist ein Dorf, so was passiert hier normalerweise nicht“, meint sie. Beängstigend sei die Situation schon, findet sie. Größere Feste will sie künftig meiden. „Sonst waren wir jedes Jahr auf dem Wurstmarkt, dieses Jahr ist mir das zu gefährlich“, sagt sie. Hatice Atesok hat sich die RHEINPFALZ gekauft. Sie will nachlesen, was sie schon gerüchteweise gehört hat. Von der Festnahme hat sie am Dienstagabend von ihrem Mann erfahren, der bei der BASF in Ludwigshafen arbeitet. Die junge Mutter hat ihren 15 Monate alten Sohn im Kinderwagen dabei. Sie gibt zu, „dass man mehr Angst hat, wenn man ein kleines Kind hat“. Auch sie sagt: „Bisher sind die Taten immer so weit weg gewesen. Frankreich, München, es kam aber immer näher.“ Bei Spaziergängen durchs Dorf sei sie nun aufmerksamer, schaue sich genauer um. Das macht gerade auch das Fernsehen. Trotz der bislang eher spärlichen Informationen der Behörden haben die ersten Sender am Vormittag herausgefunden, in welchem Haus der Mann am Freitag überrascht wurde. Kamerateams filmen das Gebäude nicht nur von außen, sondern gehen auch hinein. Mit Hilfe eines Dolmetschers interviewt etwa der SWR eine 15-Jährige, die sich als Verlobte des 24-Jährigen zu erkennen gibt und mit Mutter und Schwester hier wohnt. In einem Beitrag wird später zu hören sein, dass sie den Syrer, der in Nordrhein-Westfalen lebt, in Mannheim kennengelernt habe. Der 24-Jährige sei am Freitag zu Besuch gewesen, als das Spezialeinsatzkommando (SEK) zuschlug. Die Beamten hätten ihn bei der Festnahme durchsucht, aber keine Waffe oder Ähnliches gefunden, erzählt die Verlobte. Anschließend hätten sie ihn gefesselt, ihm die Augen verbunden und ihn dann abtransportiert. Sie zeigt sich überrascht, dass er etwas mit der Terrororganisation Islamischer Staat zu tun haben soll. Zu dem Zeitpunkt, als Medienvertreter sich auf den Weg nach Mutterstadt machen, haben die Verantwortlichen im Kreishaus etwa den gleichen Kenntnisstand. Sie haben rasch aufgeholt. Gestern war das noch anders. „Nachdem Reporter bei mir angerufen hatten, musste ich erst mal im Internet recherchieren, was da in Mutterstadt am Freitag überhaupt passiert sein soll“, sagt Heribert Werner. Der Abteilungsleiter für Soziales, Senioren und Betreuungen ist schon ein wenig überrascht, dass weder die Kreisverwaltung noch Mutterstadts Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD) von der Polizei oder dem Innenministerium informiert wurden. „Ich habe großes Verständnis dafür, dass das nicht vor dem Einsatz passiert ist. Aber eine kleine Information im Nachgang hätte ich mir gewünscht. Damit wir uns vorbereiten können.“ Denn natürlich werde jetzt draußen im Kreis diskutiert, die Bevölkerung sei verunsichert. „Da gilt es richtig darauf zu reagieren.“ Wie bereits Landrat Clemens Körner (CDU) berichtet auch Werner davon, dass immer mal wieder Hinweise auf terrorverdächtige Personen im Landkreis bei der Verwaltung eingehen. Meistens kämen sie aus Flüchtlingskreisen. „Auch wenn sich erahnen lässt, dass jemand nur einen unliebsamen Mitbewohner loswerden will oder andere Streitigkeiten dahinterstecken, müssen wir diese Hinweise ernst nehmen. Wir geben alles an die Polizei weiter“, sagt Werner. Er fürchtet, dass nach der Verhaftung in Mutterstadt Flüchtlinge kritischer beäugt werden. „Die meisten sind friedfertige Menschen.“ Leider sehe man es denjenigen, die dunkle Pläne schmieden, nicht an. Kreisbeigeordneter Manfred Gräf (CDU), der gerade den im Urlaub weilenden Landrat vertritt, hofft ebenfalls, bald mehr über den 24 Jahre alten Syrer und seine Pläne zu erfahren. „Vielleicht nicht unbedingt jetzt. Es laufen ja noch überall Razzien. Aber wenn die Ermittlungen mal soweit abgeschlossen sind, wäre es gut, mehr über die Hintergründe zu erfahren. Wir vor Ort müssen mit Vorurteilen und Gerüchten aufräumen können. Dazu brauchen wir Wissen.“ Informationen verbreiten sich heute auf vielen Wegen. Schon bevor die Meldungen am Dienstagabend im Radio liefen, hat der eingefleischte Mutterstadter Hans-Werner Weber aus dem Internet vom Einsatz der Spezialkräfte erfahren: Am Samstag habe er ein Video von der Festnahme entdeckt. Auch von Terror sei da schon die Rede gewesen, sagt Weber. Doch Gesprächsthema im Ort sei das alles erst jetzt – nachdem die RHEINPFALZ und überregionale Medien darüber berichteten. „Das bringt natürlich Unruhe in die Gesellschaft“, meint Weber. „Man denkt immer, das kommt nur in großen Städten vor, jetzt ist es in Mutterstadt“, wirft eine Frau im Vorbeigehen ein. Hans-Werner Weber hingegen will sich nicht beunruhigen lassen. Er geht von einem Einzelfall aus. Das sieht auch die Verkäuferin in der Bäckerei Biewer in der Ludwigshafener Straße so. Von dem Vorfall will sie sich ebenfalls nicht beirren lassen. „Jetzt hat es halt Mutterstadt getroffen, aber das Thema vergeht auch wieder“, meint sie. Aber noch gibt es zu viele offene Fragen, als dass die Geschichte schon wieder fallengelassen werden könnte. Einige Mutterstadter wollen zum Beispiel wissen, wie viel die Polizei vor Ort eigentlich über den Einsatz wusste – und ob sie mit eigenen Beamten daran beteiligt war. „Dazu darf ich überhaupt nichts sagen“, lautet die Erwiderung von Uwe Stein, Leiter der Schifferstadter Polizeiinspektion. Der Einsatz sei von anderer Stelle geleitet worden und die nun als einzige befugt, Angaben dazu zu machen. Bleibt die Frage mit den Terrorverdächtigungen, die laut Körner und Werner gelegentlich unter Flüchtlingen laut werden. „Solche Vorfälle hat es tatsächlich schon gegeben“, bestätigt Stein. Das bewege sich aber in einem niedrigen einstelligen Bereich. „Ich kann nur sagen, dass wir über jeden Hinweis aus der Bevölkerung dankbar sind.“ Die Polizei nehme so etwas sehr ernst und habe mit Unterstützung aufmerksamer Bürger auch schon Ermittlungserfolge erzielt – bei Einbrüchen etwa. Terrorverdachte leiten die Schifferstadter Beamten allerdings zügig an die Kriminaldirektion in Ludwigshafen weiter, wo das Kommissariat 12 in Sachen Extremismus und Terror ermittelt. Was aus den Fällen wurde, die der Landrat erwähnte, wollen die Beamten dort aktuell nicht sagen. Die Verfahren laufen noch. Politik

x