Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Bauern diskutieren mit Julia Klöckner im Pfalzmarkt Mutterstadt

Gesprächsbedarf (von links): Johannes Zehfuß, Julia Klöckner und Eberhard Hartelt.  Foto: KUNZ
Gesprächsbedarf (von links): Johannes Zehfuß, Julia Klöckner und Eberhard Hartelt.

Die Landwirtschaft als Sündenbock für alles, kaum mehr auszuhaltender Preisdruck, schwierig zu erfüllende gesetzliche Auflagen: Immer mehr Bauern sehen keine Perspektiven mehr in ihrem nach wie vor wichtigen Beruf. Über ihre Nöte und Probleme haben sie sich am Freitag im Pfalzmarkt mit Julia Klöckner (CDU), der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, lebhaft ausgetauscht – und um politische Unterstützung geworben.

„Das neue Düngerecht ist eins unserer größten Probleme“, erklärt Eberhard Hartelt im vollbesetzten alten Versteigerungssaal des Pfalzmarkts. Der Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Pfalz Süd warnt, dass einige Kulturen nicht mehr so angebaut werden können wie bisher, wenn die Betriebe ihren Düngebedarf um 20 Prozent verringern müssen, wie es eine EU-Richtlinie verlangt. Daneben machen den Bauern die Geringschätzung ihrer Branche in der Gesellschaft, unfaire Verhandlungsmethoden großer Einzelhandelsketten und ein auf internationaler Ebene verzerrter Wettbewerb zu schaffen. „Wir erleben gerade einen gewaltigen Strukturwandel. Viele junge Betriebsleiter sind nicht mehr bereit, unter solchen Umständen ihre Unternehmen fortzuführen“, sagt der Experte. In Zahlen: Vor neun Jahren gab es in Rheinland-Pfalz noch 21.000 landwirtschaftliche Höfe, momentan sind es noch 17.000. Tendenz fallend.

Julia Klöckner hört aufmerksam zu, nickt wiederholt, die Probleme sind ihr bekannt. Sie spreche diese immer wieder auf Bundes- und EU-Ebene an, sagt die Ministerin und berichtet von teils erheblichen Lobby-Widerständen, die es dabei zu überwinden gilt. Bei den schärferen Düngevorschriften macht sie den Bauern keine Illusionen: Die werden kommen, und sie werden viele Betriebe – auch in der Vorderpfalz, dem Gemüsegarten Deutschlands – hart treffen. Politischen Spielraum gebe es da kaum, zumal Deutschland bereits verklagt worden sei, weil die Richtlinien in den Augen der EU nicht ausreichend umgesetzt werden. Die drohende Strafe: mehr als 800.000 Euro am Tag, bis der Missstand behoben ist.

Lösung im Nitrat-Streit finden

Besonders hart werde es den Anbau von Kulturen wie Kohl, Brokkoli, Spinat, Salat, Bundzwiebeln und Radieschen treffen. „Andererseits bin ich natürlich auch für sauberes Grundwasser“, räumt sie ein. Hier gelte es, eine tragbare Lösung im Nitrat-Streit zu finden. Dieses Thema sei jedoch Ländersache. Von einem Zuhörer kommt der Hinweis auf die gut funktionierende Zusammenarbeit von Landwirten und Wasserverbänden in Baden-Württemberg, weshalb die Belastung dort deutlich niedriger sei. Dazu merkt der Landtagsabgeordnete Johannes Zehfuß (CDU) aus Böhl-Iggelheim an, das scheitere in Rheinland-Pfalz bislang an der schlechten Ausstattung des zuständigen Ministeriums und der vornehmen Zurückhaltung der Wasserverbände.

Bei dem Versuch, dem Lebensmitteleinzelhandel unlautere Praktiken wie viel zu niedrige Preise, Auslistungen – also den Austausch hiesiger Anbieter durch billigere Mitbewerber aus dem Ausland – und kurzfristige Stornierungen von verderblicher Ware auszutreiben, sieht Klöckner auch die Bauern in der Pflicht. Sie müssten unter Angabe ihres Namens das jeweilige Produkt, die Händler und die Uhrzeit solcher Vorfälle nennen, damit das Ministerium dagegen vorgehen kann. Viele schreckten vor diesem Schritt aber aus Angst vor der Auslistung zurück. „Da brauchen Sie auch mal Hintern in der Hose“, mahnt Klöckner.

Verbraucher müssten umdenken

Mancher zweifelt am Erfolg einer solchen Auseinandersetzung. Von Handelskonzernen wie Aldi, Edeka, Rewe & Co. einen fairen Umgang mit den Bauern zu erwarten, „ist, als würden Sie einen Hund vor den Kühlschrank setzen und ihm sagen, er soll auf die Wurst aufpassen“, findet ein skeptischer Agrarfachmann. Doch die Ministerin zeigt sich kampflustig. „Nennen sie mir Einzelheiten und stehen Sie dazu, dann freue ich mich auf die Anrufe bei diesen Firmen. Das wird für die nicht schön.“

Darüber hinaus fordert Klöckner ein Umdenken bei den Deutschen. „Sie sind gegen Pflanzenschutzmittel, wollen aber keine Schädlinge im Salat, sie möchten am liebsten Fleisch von Tieren essen, die nicht geschlachtet wurden, und verlangen biologische Vielfalt, haben aber Steingärten zu Hause.“ Zugleich könne es nicht mehr länger sein, dass wie in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen Felder leer stehen und die Bevölkerung davon nichts mitbekommt. „Vor 200 Jahren hätte das eine Hungersnot ausgelöst, heute sind die Regale trotzdem voll“, sagt sie. Bei den Verbrauchern müsse das Bewusstsein für die schwierige Lage der hiesigen Bauern geweckt werden, dafür, möglichst regionale, saisonale Erzeugnisse zu kaufen. „Im Winter brauche ich zum Beispiel keine Erdbeeren.“ Ein weiteres dringendes Problem nennen mehrere Bauern: zu wenige erlaubte Pflanzenschutzmittel. „Wir müssen wechseln können, damit keine Resistenzen entstehen.“

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