Mutterstadt
„Balkongottesdienst“ im Pro Seniore Mutterstadt findet viel Anklang
Ein weiß eingedeckter Altartisch, darauf ein frischer Strauß Frühlingsblumen und eine Osterkerze. Vielmehr braucht es für einen Gottesdienst im Freien nicht. Die musikalische Gestaltung von Familie Batzler mit Jenny am Keyboard, Ehemann Rainer am Bariton, Sohn Traugott am Waldhorn und Enkel Jan an der Posaune ist eine bereichernde Ergänzung, die dem Arrangement im Eingangsbereich des Pro Seniore Pflegeheims in Mutterstadt an diesem Nachmittag zudem noch einen festlichen Charakter verleiht. Das Ganze unter strahlend blauem Himmel und im Schatten einer violett blühenden stattlichen Akazie. Pfarrer Heiko Schipper von der protestantischen Kirche Mutterstadt winkt beim Einzug den Herrschaften, die sich auf den umliegenden Balkonen und an den Fenstern eingefunden haben, zu und gratuliert ihnen zu ihren Logenplätzen.
Bibel als „Sehhilfe“
Die Damen und Herren, die abgetrennt durch ein Flatterband in Stühlen mit und ohne Rädern und natürlich auf Abstand unten in Hof und Garten sitzen, sind mit bloßem Auge noch recht gut auszumachen. Um sich jedoch das Publikum in oberen Etagen optisch näher heranzuholen, hat Schipper ein Fernglas mitgebracht. Doch nicht nur zum Identifizieren der Anwesenden, heute auch für die Symbolik. „Schön wär’s, wenn jeder so ein Fernglas hätte, mit dem man Gott sehen könnte“, sagt er, das potenzielle Hilfsmittel dazu gen Himmel gerichtet. Doch auch wenn dies unmöglich sei, gäbe es dennoch eine Sehhilfe, Gott zu erkennen, auch wenn man sich weit von ihm entfernt fühle. Dies sei die Bibel. Sie helfe, Gottes Nähe auch in schweren Zeiten spüren zu können. Und es sei manchmal so, als wenn Gott auch so ein Fernglas hätte, mit dem er jeden, auch wirklich jeden sehe, egal ob jung, alt, stark oder schwach.
Spontaner Applaus der Besucher
Als kleiner Junge habe er gerne Experimente mit einem umgedrehten Fernglas gemacht, vergleicht der Pfarrer Sorgen und Ängste damit. Eine Hoffnung auf Besserung erschiene so noch kleiner und unerreichbarer. Dahingegen lohne es sich, das Fernglas wieder herumzudrehen, um zu erkennen, dass es uns doch gut gehe und jemand da sei, der sich um uns kümmere. Gott sei uns stets näher, als wir denken, er würde uns niemals aufgeben. Es wird ein Dank formuliert für die gute Pflege und den Schutz des Hauses und dass alle bislang vor Corona verschont geblieben seien. Nach den Segensworten mit der Bitte, doch allesamt gesund und behütet zu bleiben, gibt es spontanen Applaus von den Rängen.
Programm bis Juni erstellt
„Es hat mir richtig Spaß gemacht, mal wieder einen Gottesdienst mit Menschen zu feiern“, so viel steht für Schipper fest. Er habe diese tolle Idee gerne unterstützt und schätze die Zusammenarbeit mit dem Haus sehr. Normalerweise wird jeweils ein Gottesdienst pro Monat von protestantischer und einer von katholischer Seite abgehalten, bislang aber nur im Innenraum. Ab jetzt gibt es neue Optionen. „Das machen wir vielleicht mal wieder“, sagt er. Alexandra Ries, die Einrichtungsleiterin, konnte in den vergangenen Wochen viele schöne Erlebnisse für ihre Senioren und Seniorinnen auf die Beine stellen. Einige berührende Balkonkonzerte habe es schon gegeben und etliches sei noch geplant. „Wir haben Programm bis Juni“, sagt sie. Das sei dadurch möglich geworden, „da wir momentan sehr viel Unterstützung haben“. Schon jahrelang kann sie auf guten kirchlichen Beistand bauen. Daher nennt sie Knut Trautwein und Heiko Schipper (beide evangelisch) sowie Gerhard Matt (katholisch) auch anerkennend „unsere lieben Pfarrer“.
Begeistert vom Outdoor-Gottesdienst zeigt sich außerdem Heimbewohner Norbert Bolländer. Viele Jahre war er Vorsitzender des Heimbeirats und ist noch Mitglied des Mutterstadter Seniorenbeirats. Der 80-Jährige aus dem vorderen Hunsrück würde es sehr begrüßen, wenn diese Form des Gottesdienstes Wiederholung fände. „Für den Kontakt zu Petrus sorge ich schon“, verspricht er lächelnd.