Rhein-Pfalz-Kreis
Auf Beerenjagd in Dudenhofen
Wo früher Tabak trocknete, hängen jetzt Tafeltrauben. Wenn man sich ein bisschen auf die Zehenspitzen stellt, kann man einfach so in einen Henkel reinbeißen. Das machen wir natürlich nicht. Aber ein bisschen schlaraffenlandmäßig ist es hier schon auf dem Grundstück von Landwirt Thomas Reeb am Rande von Dudenhofen. Die Familie des 36-Jährigen hat früher Tabak angebaut. Als diese Ära sich dem Ende neigte, wurde ein Hofladen im Ort auf dem Reebschen Anwesen eröffnet. „Das hat man uns damals empfohlen“, sagt Reeb. Doch was verkaufen außer Kartoffeln?
Mit Himbeeren hat es angefangen. Heute liegen in der Auslage außerdem Aprikosen, Pfirsiche, Erdbeeren, Heidelbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Mirabellen und die ersten Zwetschgen. Vitamine statt Rauchware. Die Reebs haben sich auf Obst spezialisiert. Eine Nische im Gemüsekreis. „Alles aus eigenem Anbau, wir kaufen nichts zu“, sagt Reeb. „Wenn etwas alle ist, ist es alle.“
Im Erdbeerwunderland
Da sind wir gerade noch mal richtig gekommen, um uns süße Himbeeren und saftige Stachelbeeren in den Mund zu schieben. Beerenjagd mit Thomas Reeb. Sein geschultes Auge entdeckt die reifen Kugeln schneller als unseres. Aber er teilt. Und er freut sich, dass es uns schmeckt. „Die Zeit der Stachelbeeren geht jetzt zu Ende“, sagt der Landwirt. Dafür werden bald die Herbsthimbeeren reif, und Erdbeeren gibt’s ohnehin bis in den Oktober. „Das ist eine Spezialität von uns.“ Reeb schiebt den Vorhang zum Folientunnel beiseite. Der schützt die Beeren vor der Kirschessigfliege, die gerne hier rein würde, aber nicht darf. Wir stehen im Erdbeerland und sind erstaunt: Die Erdbeeren wachsen gar nicht auf dem Boden.
Die Pflanzreihen stehen auf Stelzen. „So lassen sie sich besser pflücken“, sagt Reeb und lacht. Bestäubt werden die Folienerdbeeren übrigens durch Hummelvölker, denen Einlass ins Erdbeerwunderland gewährt wird. Die Tierchen haben ihre Arbeit gemacht. Überall hängen rote Früchte. „Sie dürfen gerne probieren.“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Obwohl wir schon jede Menge Him- und Stachelbeeren erjagt haben.
Stachelbeeren wehren sich
Eine Beerenjagd ist nicht ungefährlich. Und Stachelbeeren stacheln tatsächlich. Obwohl sich die neuen Sorten nicht ganz so piksig zeigen wie einst Omas Stachelbeerbäumchen im Garten. Und sie sind auch gar nicht so sauer, wie wir sie in Erinnerung haben. „Es gehen aber nur die dunklen Sorten gut. Grüne Stachelbeeren will kaum jemand“, berichtet Reeb.
Die Stachelbeere ist in fast ganz Europa verbreitet, in Südeuropa ist sie sogar in den Gebirgen zu finden, außerdem wächst sie in Nordafrika, dem Kaukasus, Kleinasien und dem Himalaya, östlich ist sie bis nach China vorgedrungen. Wo sie ursprünglich herkommt, weiß keiner mehr. Da sie sich leicht auswildert, ist ihre Verbreitung nicht mehr nachvollziehbar.
Powerkugeln in drei Farben
In den Johannisbeer-Reihen sticht die Schnake. Sie jagt uns, während wir die Beeren jagen und lernen, dass es nicht nur rote und schwarze Johannisbeeren gibt, sondern auch weiße. Jede Farbe schmeckt anders. „Und selbst bei der Roten Johannisbeere gibt es noch Unterschiede. Je nach Sorte“, sagt Reeb. Bei der Verkostung der vitaminreichen Kugeln erfahren wir, dass das Holz der Schwarzen Johannisbeere exakt so riecht wie die Früchte. Thomas Reeb bricht einen Zweig ab. Volles Aroma. Wahnsinn. Vom Aussehen der Blätter her lassen sich die Sorten kaum unterscheiden.
Johannisbeeren gelten als Powerkugeln und als sehr gesund. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde vor allem die Schwarze Johannisbeere als Heilpflanze entdeckt. Auch heute noch werden ihre Blätter und Früchte gegen Rheuma und Gicht eingesetzt. Die kleinen runden Beeren sind laut Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) zudem wahre Vitamin-C-Bomben. Und Vitamin C fördert, wie gesagt, die Widerstandskraft des Organismus. Außerdem enthalten die Beeren sekundäre Pflanzenstoffe, die Herz und Kreislauf stärken. Auch Kalium, Eisen, Pektin und Fruchtsäuren sind reichlich vorhanden. „Es ist die Gesamtwirkung der Inhaltsstoffe, die den hohen gesundheitlichen Wert der Johannisbeeren ausmacht“, sagen die DLR-Experten.
Und was ist mit den Beeren aus China?
Doch können sie mit der Goji-Beere mithalten? Die aus China stammende Frucht, die die meisten nur als verschrumpeltes, korallenrotes Etwas kennen, wird als supergesund verkauft. Im Reebschen Beeren-Revier hängen sie frisch und tropfenförmig am Strauch. Ein Versuchsanbau. Und ja, selbstverständlich dürfen wir probieren. Interessant. Nicht sehr süß, leicht bitterer Abgang. Eine Johannisbeere ist leckerer. Aber das ist sicher Geschmackssache, und vielleicht muss man sich an das Goji-Aroma auch erst gewöhnen.
Ob die chinesische Superfrucht tatsächlich so super ist, darüber streiten sich allerdings die Geister. Der tägliche Verzehr der Wellness-Beere soll dazu führen, dass man sich insgesamt agiler fühlt. Außerdem wird mit der Wirkung als Anti-Aging-Produkt geworben. Nach Angaben der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA konnten jedoch die versprochenen Wirkungen in Studien bislang nicht nachgewiesen werden. Doch probieren geht über studieren und jeder kann seine persönliche Lieblingsbeere entdecken. Bei Thomas Reeb gibt es so viele Möglichkeiten dazu. Die Beerenjagd geht weiter. Wir wollen jetzt wissen, wo die Heidelbeere haust.
Wo die Heidelbeeren hausen
Drinnen haust sie, im Tunnel. Ihre Wurzeln stecken in einem sauren Boden, ähnlich wie im Wald. „Wer diese Beeren gerne mag, kann sich zu Hause eine Pflanze in einen Topf mit Rhododendronerde stecken, die hat das richtige Milieu“, gibt Thomas Reeb einen Tipp. Für die blauen Kugeln, die es früher nur im Wald gab und wir hier nun in zivilisiert-gezüchteter Form vor uns haben, endet bald die Saison. Was an den Sträuchern hängt, reicht aber zum Naschen. Was haben wir jetzt schon alles im Bauch? „Obstsalat“, sagt Reeb und grinst. Wir verlassen den Heidelbeerwald und wechseln noch mal in exotischere Gefilde.
Thomas Reebs Freundin mag gerne Maracuja. Also durfte so ein Passionsblumengewächs unter eines der Tunneldächer. Und siehe da, es trägt zwei Früchte. Die sind noch grün. „Und sollten lila werden“, meint Reeb. Wenn das Projekt gelingt, muss der Verzehr der Früchte unbedingt zelebriert werden. Pfälzer Maracuja bekommt man schließlich nicht alle Tage. Hinten in der Ecke dieses Gewächshauses wachsen außerdem Kiwis. Die sieht man in der klimaverwöhnten Pfalz schon öfter. Hier tragen die Pflanzen, von denen man immer männliche und weibliche braucht, damit es Früchte gibt, schon ganz ordentliche „Eier“. Der Obstsalat kann bald erweitert werden.
Entdeckung am Ende der Beerenjagd
Thomas Reeb macht sein Beruf sichtlich Spaß. Er erfreut sich am Wachsen und Gedeihen der Pflanzen, am Reifen der Beeren, am Experimentieren. Melonen gibt es deshalb auch. Außerdem – so ganz kann sich ein Landwirt aus dem Rhein-Pfalz-Kreis dem Gemüse dann doch nicht entziehen – wachsen auch noch Tomaten, Mangold und Co. auf den Feldern, für eine besonders bunte und vielseitige Theke im Hofladen. „Alles aus der Heimat, das finde ich toll“, sagt der 36-Jährige.
Wir beenden die Beerenjagd erschöpft, satt, mit leicht klebrigen Fingern und etwas verschwitzt. Bei den Kiwis eben war es schön warm. Draußen ist es recht kühl für einen Augusttag. „Immerhin bekommen die Pflanzen dieses Jahr keinen Sonnenbrand“, sagt Reeb. Der Landwirt nimmt das durchwachsene Sommerwetter mit Humor. Uns kann es auch nichts mehr anhaben. Wir sind gestärkt. Unter Vitamin-C-Mangel leiden wir gewiss nicht mehr.