Rhein-Pfalz Kreis „App lieber zu viel als zu wenig einsetzen“
«Hessheim.» Während das Ermittlungsergebnis zum tödlichen Unfall im Heßheimer Sondermülllager auf sich warten lässt, ist ein Bürger der Ortsgemeinde der Frage nachgegangen, ob an jenem Tag im August die Kommunikation der Einsatzleitung mit den Dorfbewohnern in Ordnung war. Detlef Dietrich sagt: nein. Die Verwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises verteidigt ihre Entscheidung, die App Katwarn nur fürs Entwarnen eingesetzt zu haben.
Dietrich wohnt in der Gerhart-Hauptmann-Straße, die der Deponie Richtung Gerolsheim am nächsten liegt. Am Morgen des 21. August, nachdem zwei Süd-Müll-Mitarbeiter ein Fass mit giftigen Chemikalien geöffnet hatten und die Feuerwehr alarmiert worden war, wurden er und die anderen Heßheimer mittels Lautsprecherdurchsagen aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Die Polizei begründete das anfangs mit einem „Geruch nach faulen Eiern“ (wir berichteten). Gegen 14 Uhr meldete die Feuerwehr des Rhein-Pfalz-Kreises, das Giftfass, dessen Inhalt am Ende zwei Menschen tötete, sei gesichert, es bestehe keine Gefahr mehr. Detlef Dietrich bemängelt, dass die Lautsprecherdurchsage mit einem Polizeiauto „äußerst schwer verständlich“ gewesen sei. „Etliche Menschen sind auf die Straße gelaufen, um Nachbarn nach dem Inhalt der Durchsage zu fragen“, berichtet Dietrich. Man habe also genau das Gegenteil des Appells „Fenster- und Türen geschlossen halten“ erreicht. Noch mehr wundert er sich aber darüber, dass keine Warnung über die Katwarn-App erfolgte, jenes Warn- und Informationssystem, das bei Katastrophen und in Gefahrensituationen die betroffenen Bevölkerungsgruppen per Kurznachricht auf dem Handy warnt. Dietrich wandte sich mit dieser Frage an das Ordnungsamt der Verbandsgemeinde (VG) Lambsheim-Heßheim. VG-Bürgermeister Michael Reith (SPD) wiederum reichte die Frage weiter an die Vertreter von Polizei und Feuerwehr. „Wie mir mitgeteilt wurde, lagen die Voraussetzungen für das Auslösen einer Gefährdungsmitteilung über Katwarn nicht vor, sodass dieses Medium nicht genutzt werden konnte“, teilte Reith dem Heßheimer Bürger mit. Denn es habe sich um ein „lokales, auf das Betriebsgelände der Firma Süd-Müll begrenztes Ereignis gehandelt“, und aufgrund der Messergebnisse habe keine Gefahrenlage bestanden. Dass die Lautsprecherdurchsagen eine „reine Vorsichtsmaßnahme“ gewesen sei, hatte die Kreisfeuerwehr schon am Unfalltag betont. Deponiemitarbeiter und Feuerwehrleute seien nur deshalb ins Krankenhaus gebracht worden, weil sie direkten Kontakt mit dem Gefahrstoff gehabt hätten. „Diese Antwort ist für mich überhaupt nicht schlüssig“, sagt Detlef Dietrich. „Wenn keine Gefahr bestand, wieso wurden die Bewohner dann von der Polizei zum Schließen von Fenster und Türen aufgefordert?“ Der Heßheimer fragt sich vor allem, wie man per Schnelltest feststellen konnte, dass keine Gefahr für Anwohner bestand, wenn bis heute nicht endgültig geklärt sei, welche Stoffe in dem Fass waren? Und wieso werde bei lokal begrenzten Ereignissen in der BASF per Katwarn gewarnt, auch wenn die Messwerte keine Gefahrenlage signalisierten? Dietrich wünscht sich, dass die App lieber einmal zu viel als zu wenig benutzt wird. Für nicht plausibel hält er die Antwort der Einsatzleitung auch deshalb, weil die App in dem vorliegenden Fall in Heßheim sehr wohl noch genutzt wurde, nämlich um Entwarnung zu geben. Auf RHEINPFALZ-Anfrage wiederholt die Sprecherin des Rhein-Pfalz-Kreises, Kornelia Barnewald, die auf Gefahrstoffmessungen beruhende Einschätzung der Kreisfeuerwehr, dass es sich um ein Ereignis handelte, das auf einen Teil des Süd-Müll-Geländes beschränkt gewesen sei. Außerhalb des 50-Meter-Absperrkreises habe niemand mehr Atemschutz oder Schutzkleidung benötigt. Der Einsatz von Katwarn sei daher nicht erforderlich gewesen. Im Gegenteil: Mit einer solchen Warnung „hätte man auch Panik verursachen können, was nicht im Interesse einer kompetenten Bevölkerungswarnung sein kann“, so Barnewald. „Jeder konnte sich in den unterschiedlichen Medien zeitnah über den Unglücksfall informieren.“ Da an dem Tag jedoch die Spekulationen in sozialen Netzwerken, neuen Medien und der Bevölkerung sehr groß gewesen seien, habe die Einsatzleitung nachmittags beschlossen, über Katwarn „den ,Sonderfall’ als reine Bevölkerungsinformation auszulösen, um auch über diesen Weg zum Unglücksfall zu informieren“. Land-Magazin