Dudenhofen / Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Angehörige klagen über Seniorenheim-Betreiber und dessen Besuchsverbot

Allein: Ein älterer Mann schaut zum Fenster hinaus. Auf der einen Seite sind Senioren durch das Coronavirus besonders gefährdet,
Allein: Ein älterer Mann schaut zum Fenster hinaus. Auf der einen Seite sind Senioren durch das Coronavirus besonders gefährdet, es gab bereits Todesfälle in Seniorenheimen. Auf der anderen Seite warnen Sozialverbände vor der sozialen Isolierung der älteren Menschen.

Bewohner von Altenheimen dürfen wieder Besuch empfangen. Bis Dienstag waren Treffen im Seniorenheim Sankt Sebastian in Dudenhofen jedoch nicht möglich. Angehörige klagten über das weiter herrschende Besuchsverbot der Betreibergesellschaft. Auch das zuständige Ministerium war eingeschaltet.

Wegen der Corona-Pandemie galt in Rheinland-Pfalz seit Mitte April bis auf ganz wenige Ausnahmen ein generelles Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen. Anfang Mai verkündete die Landesregierung, dass Senioren wieder besucht werden dürfen – wenn es keinen Corona-Fall in der Einrichtung gibt. In einer Landesverordnung, die am 7. Mai in Kraft trat, sind Rahmenbedingungen festgeschrieben, zum Beispiel, dass Besuche auf höchstens eine Stunde am Tag begrenzt sind und in einem separaten Raum ermöglicht werden sollen. Im Seniorenheim Sankt Sebastian in Dudenhofen herrsche aber weiterhin ein Besuchsverbot, berichteten Angehörige am Montag der RHEINPFALZ.

Das Besuchsverbot hat die Betreibergesellschaft – die Incura GmbH mit Sitz in Köln – Anfang April wegen der Corona-Pandemie „zum Schutz der besonders gefährdeten Bewohner, Mitarbeiter und Angehörigen“ für alle ihre Einrichtungen verhängt. Im Speyerer Umland betreibt die GmbH Senioren-Residenzen in Dudenhofen und Schifferstadt.

15 Minuten am Fenster

Christiane Hundt berichtete, dass sie ihre 90-jährige Mutter nur durch ein Fenster mit drei Meter Abstand für rund 15 Minuten sehen dürfe. Ein Gespräch sei aufgrund der kurzen Zeit und dem großen Abstand zu den älteren Menschen mit teilweise schlechtem Gehör kaum möglich und ungesund für die Senioren, weil sie im Luftzug säßen, sagte ein anderer Angehöriger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Für Christiane Hundt, die die Situation als schrecklich empfindet und Angst um ihre Mutter hat, ist es nicht nachvollziehbar, warum die Incura GmbH keine Besuche im „großen Speise- und Veranstaltungsraum“ ermögliche, in dem der Abstand zwischen Angehörigen und Bewohnern sowie anderen Besuchern ihrer Meinung nach eingehalten werden könnte. Außerdem gebe es auch einen „großen Garten“, in dem ein Treffen mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz stattfinden könnte.

Der andere Angehörige würde seiner Mutter gerne Zeit außerhalb des Seniorenheims ermöglichen – an der frischen Luft, in der Natur, wo sie andere Eindrücke bekommt. Er berichtete, dass die Situation für die Senioren „psychisch eine enorme Belastung sei“ und berief sich dabei auch auf die Aussage einer Pflegekraft, die gesagt habe, dass die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen die Senioren verändert hätten. Ein weiterer Kritikpunkt des Angehörigen außer dem fehlenden Kontakt ist, dass es tagsüber kein Programm für die Senioren mehr gebe. „Das ist kein Leben mehr, das ist nur noch ein Überleben, ein Dahinsiechen“, drückte er es aus. „Irgendwann wollen die Leute nicht mehr“, machte er deutlich.

Er und Hundt verstehen nicht, warum die Betreibergesellschaft am Besuchsverbot festhielt, obwohl die Landesregierung Besuche wieder erlaube. Das Vorgehen der Incura GmbH wunderte sie vor allem auch deshalb, weil sie beobachtet hätten, dass Mitarbeiter im Seniorenheim teilweise keine Masken trügen und untereinander die Abstandsregelungen nicht einhielten. „Die Pfleger haben auch Angehörige, haben den gleichen Alltag wie ich und stellen somit das gleiche Risiko für die Senioren dar“, sagte der Mann. Hinzu käme, dass Menschen die im seniorengerechten Wohnbereich im selben Haus lebten, Besuch empfangen und nach draußen gehen dürften, sagte der Angehörige.

Das Vorgehen der Incura-Gruppe beschäftigte auch das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium. Eine Anfrage an die Behörde blieb jedoch bis Dienstagabend unbeantwortet.

„Politisch geprägt“

Andreas Bochem und Steffen Klenner von der Geschäftsführung der Incura GmbH teilten auf Anfrage mit, dass es bisher keine Corona-Fälle in Incura-Einrichtungen gegeben habe. Sie finden, dass die Besuchsregelung stark politisch geprägt sei. Als das Land zu Beginn der Pandemie noch begrenzte Einzelbesuche zugelassen habe, hätten andere Bundesländer ihre Pflegeheime schon komplett abgeschottet. „Damals fragte man erstaunt bis erschrocken, warum das Land das Risiko der Besuche noch eingehe“, sagten Bochem und Klenner. Später, ab 20. April, sei aber auch Rheinland-Pfalz der strikten Linie gefolgt. Die Verordnung vom 6. Mai, die Besuche nun wieder ermöglicht, sei recht überraschend gekommen, sagte die Geschäftsführung. „Man hatte sich eben erst auf die strengeren Regelungen eingestellt.“ Und kritische Stimmen fragten nun, ob das nicht zu früh beziehungsweise zu riskant sei.

Bochem und Klenner hätten unter dem Gesichtspunkt des Infektionsschutzes die bisherige Besuchsregelung am Kontaktfenster gerne bis Ende Mai fortgeführt. Außerdem verweisen sie darauf, dass der Wortlaut der Verordnung nicht eindeutig sei: „Er sagt nicht ausdrücklich, dass Besuche in der Einrichtung zulässig sind, sondern es ist nur eine Höchstdauer von einer Stunde erwähnt. Außerdem ist als ,Soll’ ein separater Raum genannt.“

Dennoch akzeptiert die Geschäftsführung die Lagebewertung des Landes und kann den Gedanken hinter den erweiterten Besuchsmöglichkeiten nachvollziehen: „Man befürchtet die soziale Isolation der Bewohner in den Pflegeeinrichtungen des Landes.“ Deshalb werde ab Mittwoch in Dudenhofen und an den anderen Incura-Standorten in Rheinland-Pfalz ein spezielles Zimmer nachmittags für Besuche im Seniorenheim geöffnet. Die Angehörigen müssen vorher aber einen Termin vereinbaren, teilten Bochem und Klenner mit.

Die Geschäftsführung betonte, dass die Mieter des seniorengerechten Wohnens den vollstationären Pflegebereich nicht betreten dürften und dass das Restaurant seit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr gemeinsam genutzt werde. Mit Blick auf die Mitarbeiter registriere die Geschäftsführung eine sehr große Hygienedisziplin. Zu abstrakten Anschuldigungen könne sie nichts sagen, hieß es. Wenn es einen konkreten Vorwurf gegen einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gebe, werde dem energisch nachgegangen, sagten Bochem und Klenner.

Kommentar: Dilemma

Der Fall des Seniorenheims Sankt Sebastian in Dudenhofen verdeutlicht das Dilemma in der Corona-Krise.

Soziales Miteinander auf der einen Seite, Infektionsschutz auf der anderen Seite. Es ist verständlich, dass Menschen ihre Angehörigen in Pflegeheimen besuchen wollen, aber auch dass die Incura GmbH als Betreiber der Einrichtung das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus so gering wie möglich halten möchte und deshalb zwischenzeitlich weiter an einem Besuchsverbot festgehalten hat. In der Vergangenheit hat sich bereits gezeigt, welche schlimmen Folgen es hat, wenn das neuartige Virus in solchen Einrichtungen grassiert. Eine allein richtige Lösung für diesen Wertekonflikt gibt es nicht. Eine überzeugende Erklärung, warum er die Öffnung so lange hinausgezögert hat, liefert der Heimbetreiber aber auch nicht. Beschuldigungen – egal ob von Angehörigen gegen den Heim-Betreiber und Mitarbeiter oder vom Betreiber gegen die Politik – bringen niemanden weiter. Die derzeitige Situation ist für alle Neuland. Das ist das Dilemma. Es gilt daraus zu lernen.

In der Speyerer Straße in Dudenhofen: das Seniorenheim Sankt Sebastian, das die Incura-Gruppe betreibt.
In der Speyerer Straße in Dudenhofen: das Seniorenheim Sankt Sebastian, das die Incura-Gruppe betreibt.
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