Rhein-Pfalz Kreis Amis mit Kaugummis und Uhrentick

Fussgönheim. Einschlaglöcher in Hoftoren verweisen immer noch auf den 21. März 1945, den Tag, an dem die Amerikaner in Fußgönheim einmarschiert sind. Marie Geiger hat das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt und erinnert sich lebhaft an den Tag vor 70 Jahren.
„Wir haben Angst gehabt, wir haben das Schießen gehört und über uns sind die Bomber Richtung Ludwigshafen geflogen“, besinnt sich Marie Geiger auf die letzten Kriegstage. Jagdbomber der Alliierten hatten vor Ankunft der Bodentruppen auch Zivilisten gejagt. Maries Schwester Lieselotte sei von einem Tiefflieger beschossen worden und habe sich gerade noch in den Keller retten können, die Geschosseinschläge im Scheunentor sind noch heute zu sehen. Auch im Schlafzimmer habe eine Garbe aus der Bordkanone in Wand und Schrank eingeschlagen. „Wir hatten Angst vor den fremden Soldaten, die kommen würden“, berichtet die 92-Jährige. Die Angst wurde von den nationalsozialistischen Machthabern geschürt. Am 17. März verbreitete Gauleiter Willi Stöhr immer noch Durchhalteparolen. „Die Angreifer sind Mörder wehrloser Frauen und Kinder“, behauptete er in einem Aufruf an die Bevölkerung der Pfalz und forderte „mit fanatischer Entschlossenheit“ und „in unerschütterlichem Glauben an den Endsieg“ gegen die vorrückenden Alliierten zu kämpfen, berichtet die Dorfchronik. In Fußgönheim habe es noch eine Flugabwehrstellung gegeben, erinnert sich die Zeitzeugin. Ein paar Jugendliche errichteten Panzersperren. „Dumme Buben“ seien das gewesen. Für die meisten Fußgönheimer ging es nur noch darum, mit heiler Haut davon zu kommen. Man wusste, dass das nahe Wachenheim bombardiert worden war und fürchtete, dass dem Dorf ein ähnliches Schicksal drohte, wenn die Amerikaner auf Widerstand stoßen würden. Marie Geiger, damals 22 Jahre alt, erinnert sich noch an drei deutsche Soldaten, die auf dem Bauernhof ihrer Familie einquartiert waren. Sie haben sich am 18. oder 19. März abgesetzt. Wie andere deutsche Soldaten in der Pfalz versuchten sie, die Rheinbrücken noch vor deren Sprengung zu überqueren. Wie Marie Geiger erzählt, haben zwei es wohl geschafft: Sie haben nach Kriegsende Briefe nach Fußgönheim geschrieben, vom Dritten habe sie nie mehr gehört. Ein paar deutsche Stellungen um Fußgönheim feuerten noch auf die vorrückenden Amerikaner, ein amerikanischer Panzer sei dabei in Brand geraten. Fußgönheimer Bürger hätten aber schließlich rechtzeitig die Panzersperren geöffnet und deutlich gemacht, dass das Dorf keinen Widerstand leisten werde. Ein Fußgönheimer, der entgegen der Anordnung vor sein Hoftor trat, sei aber ins Bein geschossen worden. Als die fremden Soldaten in Fußgönheim ankamen, hatte Marie Geiger erst Angst. Doch schnell erlebte sie, dass entgegen der Nazi-Propaganda die alliierten Soldaten sich zu benehmen wussten. Besonders gut in Erinnerung ist Marie Geiger ein Italiener. „Wir wurden am selben Tag geboren, am 3. April 1922, und wir haben uns gut verstanden“, erzählt sie. Das Oberdorf, der südliche Teil Fußgönheims, musste auf Anordnung der Amerikaner innerhalb einer Stunde geräumt werden. „Wir haben ein paar Sachen auf einen Leiterwagen gepackt und sind ins Unterdorf gezogen.“ Das Vieh habe zurückbleiben müssen, die Bauern durften jedoch zum Melken und Füttern kommen. Unter den Besatzungstruppen seien auch einige Soldaten gewesen, die sich offenbar bereichern wollten. So habe ein Mann die Frauen nach Armbanduhren gefragt. Ein Amerikaner in Zivil sei jedoch dazwischen gegangen und habe festgestellt, dass der andere schon sechs Uhren am Arm getragen habe. Die Amerikaner verteilten Kaugummi und Schokolade. Einige sprachen Deutsch. „Einer hat uns nach einer Frau Klara gefragt, die wohl aus der Gegend stammte“, entsinnt sich Marie Geiger. Etwas Besonderes seien auch die dunkelhäutigen Amerikaner gewesen. „Einer hat genau wie Obama ausgesehen“, meint die 92-Jährige. Der Mann sei sehr nett gewesen, habe viele Süßigkeiten verschenkt und stammte aus Louisiana. Nach einigen Wochen durften die Bewohner des Oberdorfs zurück in ihre Häuser. Die seien allerdings geplündert gewesen. Der wertvollste Besitz der Familie sei ein Fotoapparat gewesen – der war weg. Ein Engländer, der als Dolmetscher arbeitete, wurde in der Küche der Familie Geiger einquartiert. Mit dabei seien auch Neuseeländer gewesen. Ebenso wie der Italiener seien sie wohl als Beobachter vor Ort und an ihren blauen Helmen zu erkennen gewesen. Der Hauptteil der Kampfeinheiten sei schnell weitergezogen. „Wir hatten auch gehört, dass die Rheinbrücken gesprengt werden sollte“, erzählt Geiger. In Fußgönheim war der Krieg zu Ende. Im Mai übernahm französisches Militär die Verwaltung. Die Fußgönheimer Bauern bestellten ihre Felder. Die Viehhalter hätten allerdings mit Ausbruch der Maul- und Klauenseuche schwer zu kämpfen. Mit Schwester und Mutter ist Geiger über die Behelfsbrücke nach Mannheim gegangen, um Gemüse und Obst zu verkaufen. Währen die Bauern keinen Hunger leiden mussten, seien nach Kriegsende die Bewohner aus den Städten aufs Land gekommen, die nichts mehr zu Essen hatten.