Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Altrip: Beindersheimer Galvanoengel wartet auf Restaurierung

In seiner Altriper Kunstschmiede hat Martin Wilperath den Beindersheimer Galvanoengel in Obhut genommen.
In seiner Altriper Kunstschmiede hat Martin Wilperath den Beindersheimer Galvanoengel in Obhut genommen. Foto: Lenz

Arg mitgenommen war der Galvanoengel, als er von seinem Sockel auf dem Beindersheimer Friedhof abmontiert und zur Kunstschmiede von Martin Wilperath in Altrip gebracht wurde. Da wartet die Figur, die unter Denkmalschutz steht, mit nur einem Flügel darauf, wie es mit ihr weitergeht. Ein Besuch in der Werkstatt.

Ein bisschen traurig schaut er drein, der Galvanoengel vom Beindersheimer Friedhof. Was vielleicht mit seinem „Gesundheitszustand“ zu tun hat. Ein Flügel liegt in einer Kiste. Das Innere der Schwinge mit seiner rostbraunen Farbe sieht wirklich nicht gesund aus. Und auch die Hülle der restlichen Figur macht keinen besonders guten Eindruck. Viele Risse sind zu sehen. An manchen Stellen ist die Hülle regelrecht aufgeplatzt.

Zu lange war der Engel auf dem Beindersheimer Friedhof den Elementen ausgesetzt. Wind, Wetter und vor allem Nässe haben ihm schwer zugesetzt. Da ist es im Büro der Kunstschmiede von Martin Wilperath in Altrip deutlich wärmer und vor allem trocken. Der Engel muss dort nicht mal unter eine Plastikhaube.

Vor 120 Jahren waren Engel dieser Art ein gefragter Grabschmuck

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Galvanoengel sehr gefragt als Grabschmuck. Vor allem der gehobene Mittelstand und die Oberschicht hätten sich damals solche Figuren gegönnt, sagt Martin Wilperath. „Und der Engel war damals der Kassenschlager.“ Raimund Liebhaber (1861 bis 1952) hat ihn entworfen. Und pro Friedhof durfte nur ein Engel eines Modells stehen, was demnach das Beindersheimer Modell zum Unikat macht. Deswegen steht er unter Denkmalschutz, deswegen wird ein solcher Aufwand betrieben, um ihn zu retten.

Entstanden sind die Galvanoengel seinerzeit bei der WMF-Abteilung für Galvanoplastik in Geislingen an der Steige. Die Firma war eine Geschäftssparte des Haushaltswarenkonzerns WMF und auf diesen galvanoplastischen Grabschmuck spezialisiert. Einfach ausgedrückt: Im Inneren der Figur ist ein Gipsmodell. Darüber wird eine dünne leitfähige Schicht aufgetragen. Im galvanotechnischen Verfahren wird das Gipsmodell dann mit einer dünnen Kupferschicht überzogen.

Wilperath: Das sind klassische Schadensbilder

Doch wenn, wie im Fall des Engels von Beindersheim, das Innenleben nicht mehr geschützt ist, drückt der Gips gegen die Hülle, weil er aufgrund der Feuchtigkeit aufquillt. Dann kommt es zu Schäden. Für Martin Wilperath ist das allerdings nichts Neues. „Das sind die klassischen Schadensbilder“, sagt er. Die Engel seien permanent dem Wechselspiel aus Hitze, Kälte, Schnee, Wind und Nässe ausgesetzt. „Dieser hier ist dem kompletten Ende gerade noch mal von der Schippe gesprungen“, verdeutlicht Wilperath. Der 32-Jährige ist Metallbauer mit Fachrichtung Metallgestaltung, besser bekannt als Kunstschmied. Außerdem hat er eine Zusatzqualifikation als Restaurator im Handwerk.

Rückgrat statt Gipskern

Jetzt hilft dem Engel wohl nur noch eine Operation. „Am besten ist es, wenn man große Teile des Gipskerns herausnimmt“, sagt Martin Wilperath. Dazu muss der Engel geöffnet werden. Dann bekomme er ein Rückgrat. Danach müsse er mittels Mikroschweißen vorsichtig wieder zusammengefügt werden. „Und das muss man so hinbekommen, dass man möglichst wenig davon sieht“, betont Wilperath.

Neuland ist das für ihn nicht. Der „Braunschweiger Löwe“, das Ehrenmal für Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig im belgischen Quatre-Bras, ist im gleichen Verfahren produziert und in Altrip restauriert worden wie der Beindersheimer Engel.

Inneres Gerüst muss angepasst werden

Die Restaurierung der Figur sei allerdings nicht einfach, betont der Experte. Die Eigenspannung des Engels und das Material seien die Herausforderungen. Minimalinvasives Arbeiten ist notwendig. Das innere Gerüst müsse angepasst werden, ohne eine feste Verbindung zur Hülle zu haben. Und der Gips müsse rausgeholt werden, ohne die Außensubstanz zu stark zu beschädigen.

Die Arbeiten müssen zusätzlich ständig dokumentiert werden. Arbeitsalltag und Schadensbilder sollen alle in eine Mappe kommen. „Nachfolgende Generationen tun sich leichter, wenn sie wissen, was mit der Figur passiert ist“, erläutert der Experte den Grund.

Der Metallbauer hofft auf den Restaurierungsauftrag

Martin Wilperath hat von der Ortsgemeinde Beindersheim bislang nur den Auftrag zur Demontage des Engels. Aber natürlich hofft er auf den Auftrag zur Restaurierung, das lässt er durchblicken. Dabei kommt seine Leidenschaft für den Beruf und die Figur zum Vorschein. „Die Expertise dazu haben wir“, betont er. Er wolle ein Konzept vorschlagen. Darin werde stehen, was erhaltungsfähig und was erhaltenswert sei. Der Gips im Innern des Engels sei zum Beispiel erhaltenswert, aber nicht erhaltungsfähig. „Man kann natürlich auf ein Wunder hoffen. Aber das wird nicht passieren“, sagt er.

Einen materiellen Wert habe der Galvanoengel nicht. Der künstlerische Wert liege allerdings bei 50.000 bis 60.000 Euro, schätzt Wilperath. „Die Produktion ist ja schon vor Langem eingestellt worden. Es gibt immer weniger dieser Figuren. Der Galvanoengel ist ein Zeugnis künstlerischer Aspekte und handwerklicher Leistungen.“ Der Engel stehe für die Aufbruchstimmung, die zu der Zeit seiner Herstellung im Land herrschte. Das Denken der Bevölkerung sei in den Figuren ausgedrückt worden. „Er war ein Symbol für den damals florierenden Kunstgewerbemarkt.“

Täglich Blickkontakt zum Engel

Da kommt erneut Wilperaths Begeisterung durch, wenn es um den Beindersheimer Galvanoengel geht. „Ich schaue auch jeden Tag drauf“, betont er. Sein Schreibtisch steht im Büro dem Engel direkt gegenüber. „Ich hatte ihn auch schon als Bildschirmhintergrund auf dem Handy“, verrät er mit einem schelmischen Grinsen. Ja, der Engel sei kitschig, gibt Wilperath zu. „Aber es ist auch Kunst auf höchstem Niveau.“ Bis ins Detail ist die Figur ausgebildet – Kniescheibe, Haare, bei näherem Betrachten ist alles genau zu erkennen.

Von sich aus tätig werden darf Martin Wilperath nicht. Er muss warten, bis er einen Auftrag von der Gemeinde Beindersheim bekommt. „Wir warten jetzt, wie es weitergeht, ob wir mit dem Restaurierungskonzept beauftragt werden. Eine Idee wäre schon da.“ 300 bis 400 Arbeitsstunden müssten dann ungefähr in die Restaurierung des Galvanoengels gesteckt werden. Und danach schaut dieser hoffentlich nicht mehr so traurig.

Ein klassischer Schaden an solchen Figuren: Der Gipskern ist feucht und brüchig geworden.
Ein klassischer Schaden an solchen Figuren: Der Gipskern ist feucht und brüchig geworden. Foto: Lenz
Trauriger Anblick: Da hilft nur noch eine fachmännisch ausgeführte Operation.
Trauriger Anblick: Da hilft nur noch eine fachmännisch ausgeführte Operation. Foto: Lenz
Der Experte hat den Engel auseinandergenommen und dokumentiert das Schadensbild.
Der Experte hat den Engel auseinandergenommen und dokumentiert das Schadensbild. Foto: Lenz
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