Bobenheim-Roxheim
Altrheingebiet als Heimat für Reptilien und Amphibien
Der größte Promi unter den im Wasser und auf dem Lande lebenden Amphibien ist der blaue Moorfrosch – eine wahre Rarität. Die erdfarbenen Männchen feiern ihre Hochzeit zwischen März und Mai: Oberseite und Kehle färben sich dann meist bläulich-violett bis intensiv himmelblau, um bei den Froschdamen zu punkten. Unverwechselbar ist auch der glucksende und gurgelnde Balzruf. In der Pfalz ist der zierliche Hüpfer eine Seltenheit. Am Damm des Roxheimer Altrheins wurde er laut Artenfinder Rheinland-Pfalz, der Internetplattform für Beobachtungsdaten über Flora und Fauna, bislang nur einmal vor neun Jahren gesichtet.
„Das war eine echte Überraschung“, sagt der Frankenthaler Herpetologe Reinhard Staudinger. Das Wort Herpetologie leitet sich ab vom griechischen Begriff für „kriechendes Tier“. In dreifacher Hinsicht kümmert sich der Experte darum: Als Leiter des Arbeitskreises Amphibien und Reptilien im Naturschutzbund (Nabu) Frankenthal, als stellvertretender Sprecher im Landesfachausschuss des Nabu für Feldherpetologie sowie als zweiter Leiter des Arbeitskreises Amphibien und Reptilien im Verein Pollichia.
Der Teichfrosch ist scheu
Etwa sieben von bundesweit 21 Amphibienarten bevölkern den Silbersee und die benachbarten Gewässer, schätzt Staudinger. Der häufigste Bewohner ist der Teichfrosch. „Ihn hört man an jedem Tümpel quaken.“ Beobachten lassen sich Amphibien relativ schlecht, sie sind meist nachtaktiv und perfekt getarnt. Am ehesten bekommt man den grünbraunen Teichfrosch zu Gesicht. Mit lautem Platsch flüchtet er sich ins Wasser, sobald sich jemand nähert. In puncto Lautstärke übertrumpft der Laubfrosch alle Froscharten. Das Chorrufen der grünen Kletterkünstler ist bis Ende Juli besonders ausgeprägt. „Zuweilen veranstalten sie wahre Höllenkonzerte“, berichtet Staudinger.
Mit Zahlen können Herpetologen nicht aufwarten. Im Gegensatz zu den Vogelkundlern, die monatlich mit Spektiv und Zählgerät die Bestände erfassen. Staudinger sieht nur, ob eine Art Fuß gefasst hat. Etwa die Knoblauchkröte, die bei Gefahr ein nach Knoblauch riechendes Sekret absondert. Oder die Wechselkröte, die als Pionierart gilt. „Diese Arten besiedeln neu entstandene Lebensräume als erste“, erklärt er. Diese Krötenart mit der Fähigkeit, ihre Grundfarbe wie ein Chamäleon je nach Umgebung zwischen hell und dunkel zu wechseln, ist schnell am Silbersee heimisch geworden – dort, wo Kies abgebaut wird und das Grün spärlich sprießt.
Der einzige Molch in dem Gebiet ist der Teichmolch, der einem Salamander ähnelt und daher auch Kleiner Wassersalamander genannt wird. Geht das etwa zehn Zentimeter kleine Männchen im Frühjahr auf Brautschau, wächst ihm über den Rücken bis zum Schwanzende ein gewellter Kamm, der ihn wie einen Miniaturdrachen wirken lässt. Den flinken, scheuen Molch erspäht der Beobachter nur mit viel Geduld und einer starken Taschenlampe nachts in Tümpeln.
Größte Gefahr für die Tiere: Trockenheit
Die größte Gefahr droht den Amphibien nicht durch Störche und Reiher, sondern durch extreme Sommer, in denen ihre Laichgewässer austrocknen. „Das ist für Amphibien katastrophal“, sagt Staudinger. Ein neuer großer Feind sei der Kalikokrebs, ein nordamerikanischer Flusskrebs, der vermutlich mit den US-Streitkräften nach Deutschland gelangt sei. Über die Rheinarme breitet sich der aggressive und äußerst fortpflanzungsfreudige Scherenträger aus und infiziert einheimische Krebsarten mit der tödlichen Krebspest. Er hat keine natürlichen Feinde und räubert in den Laichgewässern der Amphibien. „Er dürfte inzwischen am Silbersee angekommen sein“, schätzt Staudinger. „Im Pfälzerwald und an der Isenach wurde er schon nachgewiesen.“
Im Gegensatz zu den Amphibien mit ihrer wasserdurchlässigen Haut tragen die Reptilien ein Schuppenkleid. Die wechselwarmen „Kinder der Sonne“ bevorzugen warme und besonnte Lebensräume. Insgesamt 14 Reptilienarten leben in Deutschland, zwischen Silbersee und Roxheimer Altrhein sind drei Arten beheimatet: Zauneidechse, Barrenringelnatter und Sumpfschildkröte. Hinzu kommen Schmuckschildkröten, die von ihren Besitzern ausgesetzt wurden und inzwischen an jedem Weiher zu finden sind.
Auch Mauereidechsen sind Einwanderer, von denen man sagt, dass sie über Materialtransporte in Güterwaggons aus dem Süden zu uns gelangen. Sie breiten sich im Zuge des Klimawandels erfolgreich nach Norden aus und verdrängen die Zauneidechse. Diese wurde zum Reptil des Jahres 2020 gekürt. Die schmucken und streng geschützten Zauneidechsen gehören zur Gattung der Smaragdeidechsen und halten sich bevorzugt an Zäunen auf.
Bemerkenswert: die Barrenringelnatter
Die Barrenringelnatter bietet Spaziergängern ein besonderes Naturerlebnis, wenn sie sich auf Silbersee und Altrhein über die Wasseroberfläche schlängelt. Minutenlang kann sie tauchen und den Grund nach Nahrung absuchen. Verschlingt sie Mäuse, Fische oder Frösche, hängt die Natter ihre Kiefergelenke aus. Für Herpetologen ist die bis zu einen Meter lange, ungiftige Schlange bemerkenswert, weil sie erst vor drei Jahren als eigenständige Art identifiziert wurde – somit kommen in Deutschland sieben Schlangenarten vor, weltweit sind es etwa 3000.
Europäische Sumpfschildkröten gab es in den Rheinauen zahlreich, bis sie vor etwa 100 Jahren dort als ausgestorben galt. Schuld war der Mensch, der sie in der Fastenzeit massenhaft in Töpfen kochte. Am Roxheimer Altrhein läuft laut Staudinger eines von bundesweit fünf Wiederansiedlungsprojekten: Mehr als 100 Exemplare wurden dort ausgewildert, „teils aus privater Zucht, teils im Sealife Speyer vorgezogen“, wie Staudinger weiß. Bis zu 100 Jahre alt kann die scheue Sonnenanbeterin werden, die gern auf Schneckenjagd geht.
Zur Sache: Reptilien und Amphibien brauchen Schutz
Kriechtiere wie Schildkröten, Eidechsen, Schlangen und Krokodile nennt man Reptilien. Sie sind die ersten Landtiere unserer Erde und haben sich aus den Amphibien (Lurchen) entwickelt, die in zwei Elementen zu Hause sind: im Wasser und auf dem Land. Diese Tiere wiederum stammen von den Fischen ab. Die Amphibien und Reptilien an Silbersee und Altrhein sind streng geschützt. Denn viele Arten sind vom Aussterben bedroht, weil sie sehr empfindlich auf Umwelteinflüsse reagieren. Darum gilt: Nicht anfassen, nur anschauen.
Übrigens sind die Kröten und Frösche auch durch unsere Abwasserkanäle beziehungsweise die Schachtdeckel gefährdet: Die Tiere werden von der Feuchtigkeit in den Kanälen angelockt und können dann durch die Schlitze der Gullydeckel hineinfallen. Neuerdings baut man in die Gullys deshalb kleine Trittleitern, auf denen die Tiere wieder hochklettern können.