Mutterstadt
Adolf Koch: Andenken an einen Pionier
„Ich bin geschlagen mit dem dreifachen Fluch: nämlich arm, hässlich und Jude zu sein“, sagte Adolf Koch einst über sich selbst. Oder: „Mein Name ist Koch; ich bin Jude, meine Vaterstadt ist Mutterstadt.“ Seine direkte „Pfälzer Art“, die als wenig diplomatisch galt, machte den am 10. März 1855 in Mutterstadt geborenen Sohn des Notariatsgehilfen Lazarus Koch zeitlebens zum Außenseiter. Vor Ort hatte er die Volks- und Lateinschule besucht und wechselte zur gymnasialen Weiterbildung nach Speyer und Kaiserslautern, wo er sein Abitur machte. Er studierte in Leipzig und ab 1878 an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, Lehrstuhl seiner Promotion und späteren Habilitation zu ordensgeschichtlicher Thematik im Mittelalter.
1884 erlangte Koch die Lehrberechtigung „venia legendi“, arbeitete bis 1888 als Privatdozent und bis 1913 als außerordentlicher Professor mit Vorlesungen über Geschichte sowie in der Rolle eines „Kustos“ an der Universitätsbibliothek. Dort hatte er parallel eine journalistische Bibliothek aufgebaut. 1892 nahm er eine Nebentätigkeit als Journalist für das „Heidelberger Tageblatt“ auf und wurde zum Vertreter der badischen Nationalliberalen für die „Kölnische Zeitung“. „Die Geschichte der Presse“ machte er 1895 erstmalig zum Hauptthema seiner Vorlesung, 1897 folgte ein „Journalistisches Seminar“.
Praktische Recherche
Da er lange bevor sich erste Journalistenschulen etablierten, auch praktische Übungen wie Recherchier-, Schreib- und Redigierkurse anbot, gilt Adolf Koch bis heute als Wegbereiter der wissenschaftlichen Journalistenausbildung. Der Mutterstadter führte Exkursionen mit Studenten im In- und Ausland durch und knüpfte internationale Kontakte. Er hatte bei der Gründung der Pariser „L’École de Journalisme“ seine Finger im Spiel, und man holte für die Planung einer Journalistenschule 1904 in Moskau seinen Rat ein. Hier kam allerdings der russisch-japanische Krieg dazwischen, sodass diese niemals errichtet wurde. Eine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem berühmten Soziologen und Nationalökonom Max Weber brachte 1913 das Ende für Kochs Universitätslaufbahn.
Der streitbare Max Weber suchte beharrlich nach dem Urheber eines Gerüchts, wonach er als bekannter Befürworter des Duells einer Forderung ausgewichen sei und nun als Feigling dastand. Grund für die Duellforderung wiederum waren Anspielungen auf sein Sexualleben und seine kinderlos gebliebene Ehe, die Weber in einem Artikel des „Heidelberger Tageblatts“ entdeckt zu haben glaubte, was ihn „in weißglühenden Zorn“ versetzte, wie sich seine Frau Marianne erinnerte. Das Gerücht wurde durch die Presse in ganz Deutschland verbreitet. In einem Prozess, den Weber deswegen mit den „Dresdener Neuesten Nachrichten“ führte, stieß er schließlich als mutmaßlichen Herd der Gerüchteküche auf Koch, den er daraufhin in einem Brief so scharf anging, dass diesem nichts anderes übrigblieb, als Weber seinerseits zu verklagen. Die viertägige Verhandlung vor dem Heidelberger Amtsgericht endete damit, dass Kochs Rechtsanwalt die Klage zurückzog.
Lehrberechtigung entzogen
In der auf den Prozess folgenden Berichterstattung wurde aus dem Kläger Koch der Beklagte und ein verurteilter Verleumder. Die philosophische Fakultät, die sämtliche Honorarforderungen Kochs stets zurückgewiesen hatte, ergriff nun die offenbar sehr willkommene Gelegenheit, dem unerwünschten Dozenten unter rechtlich sehr zweifelhaften Umständen die „venia legendi“, also die Lehrberechtigung, zu entziehen.
Koch ging nach Berlin, Tätigkeiten bei der Reichsregierung, am Orientalischen Seminar und Reisen im diplomatischen Dienst folgten. Schließlich erwarb Koch mit seiner Frau 1920 mit dem Erlös aus dem Verkauf seiner journalistischen Bibliothek ein Haus in Dießen-Riederau am Ammersee und verstarb dort am 24. November nach schwerer Krankheit. Außer der Sterbeurkunde sind dort bislang keine Spuren Kochs auffindbar. Der Mutterstadter Ortschronist Volker Schläfer war 2015 bei Recherchen auf den bis dato dort so gut wie unbekannten Koch gestoßen und hatte Archive in Heidelberg und Berlin bemüht. In Mutterstadt erinnert bislang nur eines der ältesten erhaltenen Grabmale auf dem 1890 angelegten jüdischen Friedhof an die Familie Koch. Die „Christlich-jüdische Grabdenkmal-Erhaltungsinitiative“ hat nun das Projekt „Grabstätte Koch“ verwirklicht und durch die Bildhauerei Weisbrodt eine Erinnerungstafel für Adolf Koch anfertigen lassen.
Termin
Gedenkveranstaltung am Donnerstag, 24. November, 10 Uhr, auf dem Jüdischen Friedhof.