Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel 100. Geburtstag: „Mein Leben war voller Arbeit“

Elisabeth Hettrich im Wintergarten des St. Johannes in Schifferstadt. Er wird zu ihrem Hundertsten für die Famlie und Bekannte e
Elisabeth Hettrich im Wintergarten des St. Johannes in Schifferstadt. Er wird zu ihrem Hundertsten für die Famlie und Bekannte extra eingedeckt, denn sie erwartet viel Besuch.

Als Neunjährige machte sie Abendessen für die Familie, später arbeitete sie mit der Mutter auf dem Feld und mit dem Vater im Wald. Erst kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag, den Elisabeth Hettrich am Dienstag feiert, kehrt Ruhe in ihr arbeitsames Leben ein.

„Ihren 99. Geburtstag hat sie noch allein organisiert und die gesamte Nachbarschaft eingeladen. Sie meinte damals immer noch, dass sie wie eine 75-Jährige arbeiten kann, sie war einfach nicht zu bremsen“, sagt Sohn Gerhard (66) über seine Mutter Elisabeth Hettrich. Aber ab dem Herbst 2023 wurde es doch etwas zu viel, sodass ein Umzug in die Seniorenresidenz St. Johannes unumgänglich war. „Die ersten beiden Monate waren für unsere Mutter gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen hat sie hier mit ihrer offenen Art Freunde gefunden, und mein Bruder Hans und ich wechseln uns ab, so hat sie jeden Tag Besuch“, sagt Gerhard Hettrich. „Und ich schaue selber noch nach der Frau, mit der ich mir am Anfang das Zimmer geteilt habe“, ergänzt Elisabeth Hettrich.

Mit 92 sei sie noch Rad gefahren, denn sie hatte nie den Führerschein gemacht. Und auch jetzt ist sie noch gut beisammen, geht kurze Strecken mit Hilfe des Rollators zu Fuß und erzählt flüssig über ihr Familienleben: „Geboren wurde ich 1924 im Schifferstadter Ostring, in einer Zeit, in der fast jede Familie einen Gemüsegarten hatte und ihren Rettich gepflanzt hat.“ So berühmt sei der Schifferstadter Rettich gewesen, „dass er in den 60er-Jahren mit Lastwagen abgeholt und in die Metropolen Berlin und München gebracht wurde“, erinnert sie sich. Um ihre Mutter, die im Garten und auf dem Acker Gemüse erntete und es dreimal in der Woche nach Mannheim auf den Markt brachte, bei der Hausarbeit zu entlasten, lernte sie schon früh das Kochen. „Da war ich in der dritten Klasse. Ich durfte beim Kartoffelschälen und Gemüseschneiden auf den Stufen vorm Haus sitzen, damit ich weiterhin mit meinen Freundinnen erzählen konnte. Und meine Mutter hatte mich immer im Blick, weil wir den Acker gegenüber hatten“, berichtet Elisabeth Hettrich, die mit Mädchennamen Sattel hieß.

Am Abend wurde gekocht. Dann kam der Vater von der Arbeit aus Ludwigshafen mit dem Zug nach Hause. Am Bahnhof – den Haltepunkt Schifferstadt-Süd gab es ja noch nicht – stieg er aufs Fahrrad, sonst hätte er noch einen ordentlichen Fußmarsch vor sich gehabt. Nach der achten Klasse, dem Ende der Volksschule, blieb Elisabeth zu Hause und stieg voll in den elterlichen Haushalt ein. Arbeit gab es dort genug. Während des Kriegs noch mehr. „Wir sind mit unserem Gemüse im Zug nach Lambrecht gefahren und haben es gegen Wolle eingetauscht“, berichtet Hettrich. „Die Wolle haben wir dann nach Alzey gebracht und bekamen Mehl dafür.“ Das waren ganze Tagesreisen, nicht selten mit Übernachtung.

Zum Tanzen ging’s zur Wissmanns-Else

Trotz aller Arbeit kam auch das Vergnügen nicht zu kurz. Man ging tanzen zur Wissmanns-Else oder in den Ochsen. Dabei lernte sie Erwin Hettrich kennen. Er wurde an seinem 19. Geburtstag, im April 1942, zum Militär eingezogen. Sie war 17 und erfuhr von ihrem Frauenarzt in Speyer, dass sie im zweiten Monat schwanger war. „Als ich an den Schaufenstern der Läden vorbei ging, fiel mir ein Geschäft für Babysachen ins Auge. Ich bin einfach reingegangen und habe einen Strampelanzug gekauft“, sagt Elisabeth Hettrich. „Jeden Abend habe ich ihn rausgeholt, angesehen und in den Händen gehalten.“ Natürlich war sie schockiert, und es dauerte eine Weile, bis sie sich ein Herz fasste und zu ihrer künftigen Schwiegermutter, zu der sie ein gutes Verhältnis hatte, ging. Wortlos überreichte sie ihr Erwins Brief, der sich auf das Kind freute und sofort um Sonderurlaub gebeten hatte, um zu seiner Liebe nach Hause zu fahren. Erwins Mutter reagierte ganz cool, wie man heute sagen würde: „Du bist nicht die Erste, der das passiert ist, und wirst auch nicht die Letzte sein, das kriegen wir hin!“

Erwins Mutter wiederum kannte ihre Mutter gut und informierte sie von diesen „Umständen“. Und so wurde die Hochzeit geplant. Die fand im Oktober statt – zwei Monate vor Elisabeths Niederkunft mit Hans. Wieder wurde das junge Paar getrennt, denn Erwin musste nach Schleswig-Holstein zu den Fliegern und geriet in englische Gefangenschaft. Zum Glück nur kurz, sodass er bald heimkehren konnte. Auch der Bruder von Elisabeth kam aus dem Krieg zurück, sodass es im Familienhaus Sattel eng wurde. 1958 entstand auf dem Boden des Gemüsegartens ein neues Haus, in das die Eltern umzogen, und das alte Elternhaus wurde von den beiden jungen Paaren in Besitz genommen. „Erwin, Hans und ich wohnten unten, mein Bruder mit seiner Frau oben“, erzählt Elisabeth Hettrich. Da es noch keine Toilette im Haus gab, „musste mein Bruder immer mit dem ,Potschamperl’ durch meine Küche“, sagt Elisabeth. „Das war auf Dauer unangenehm, sodass wir ein wenig umgebaut haben. Doch unsere Familie hat zusammengehalten, es gab keine Zwietracht untereinander“, betont Elisabeth Hettrich.

Weil viele Kartoffeln geklaut wurden

Über die Kriegs- und Nachkriegsjahre sagt Sohn Hans: „Wir hatten Glück – immer genügend zu essen, und alle sind gesund geblieben.“ Im Jahr 1958 bekam er auch ein Brüderchen, Gerhard. Dazu sagte sein Schwiegervater: „Besser zum Einzug noch eins dazu, als dass eins gehen muss.“ Großvater Sattel hatte es inzwischen zunehmend mit dem Magen, sodass er seine Arbeit in der Ludwigshafener Fabrik mit einer Beschäftigung in der Natur tauschte: Er wurde Feldschütz. „Weil so viele Kartoffeln geklaut wurden“, erklärt Elisabeth Hettrich. Später war er im Wald beschäftigt und setzte Bäume. Elisabeth, die nie einen Beruf erlernte, aber durch Tätigkeiten an der Heißmangel, Kinderhüten und Putzen harte Arbeit gewohnt war, half ihm dabei.

Ein Hobby pflegte sie nicht. „Schaffe!“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Und eben die Familie, denn als liebevolle Oma war sie immer auch für ihre Enkel da. Zu ihrem Ehrentag erwartet sie so viel Besuch, dass der lichtdurchflutete Wintergarten im St. Johannes extra eingedeckt wird.

Die 17-jährige Elisabeth Sattel beim Tanzstundenabschluss. Da wusste sie noch nicht, dass sie bald schwanger sein würde.
Die 17-jährige Elisabeth Sattel beim Tanzstundenabschluss. Da wusste sie noch nicht, dass sie bald schwanger sein würde.
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