Pirmasens Zeit im Fluss

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Man sagt, japanische Touristen würden deshalb so viel fotografieren, weil sie bei ihren Blitzbesuchen keine Zeit haben, die Eindrücke im Gedächtnis zu speichern. Daher seien die Aufnahmen notwendig, um das Erlebte nach der Rückkehr in die Heimat wirklich genießen zu können. Der Fotokünstler Jörg Heieck hat auf seinen Reisen zwar auch stets die Kamera im Anschlag, doch seine Motivation ist eine ganz andere, wenngleich Zeit ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Das Ergebnis der Arbeit des in Kaiserslautern lebenden Künstlers ist seit vergangenem Donnerstag im Stadtmuseum Zweibrücken zu sehen. Zwei Themenkreise findet der Besucher an den Wänden der Ausstellung. Zum einen Fotografien, die sich mit der westpfälzischen Heimat von Jörg Heieck beschäftigen. Zum anderen solche, die er auf seinen Reisen rund um die Welt gemacht hat. Beiden Zyklen gemein ist, dass sie nicht dokumentarisch die reale Welt abbilden, sondern Ausdruck der subjektiven Wahrnehmungsweise des Künstlers sind, die er so gekonnt anderen Menschen vermittelt.

So sind auch die großformatigen Farbaufnahmen der Westpfalz keinesfalls auf die touristischen Höhepunkte fokussiert. Vielmehr nimmt sich der Fotograf ganz alltägliche, insgesamt eher unspektakuläre Motive vor. Da der Horizont bei den Bildern fehlt, gibt es keinen erkennbaren Bezugspunkt. Es ist unwichtig, ob die landschaftlichen Details in Zweibrücken, Pirmasens oder an einem anderen Ort der Region aufgenommen wurden. Wichtig ist die Struktur, die Komposition von Form und Farbe, die in den Augen des Fotografen entsteht und mittels der Kamera auch für den Betrachter sichtbar und nachvollziehbar wird. Eher eine Reise durch die Zeit als durch die Geografie. Allerdings sieht Heieck Zeit nicht als Epoche oder den Ablauf geschichtlicher Ereignisse, sondern als immer wiederkehrendes Phänomen der Jahreszeiten.

Der 1964 in Münster geborene Künstler lenkt sein Objektiv beispielsweise auf Ausschnitte von Feldern und zeigt ihre unterschiedlichen Strukturen und Farben im Laufe eines Jahres. Kahl und in beinahe tristen Brauntönen im Winter, wenn sich die Furchen des Pfluges zu geometrischen Mustern verbinden. Im Frühling aufgelockert durch das erste Grün, das noch mit den Auswirkungen der vergangenen Kälte zu kämpfen scheint. Im Sommer dominiert dieses Grün und der menschliche Einfluss lässt neue Strukturen im Bewuchs entstehen. Im Herbst ist Erntezeit und wieder verändert sich das Bild, fast wie im Pinselstrich des Malers.

Als deutlichen Kontrast zu den Westpfalzbildern bietet die Zweibrücker Ausstellung Schwarz-Weiß-Fotografien von den umfangreichen Reisen Heiecks. Auch hier wendet er das Prinzip der Verfremdung an - allerdings auf eine ganz andere Art. Die Aufnahmen sind im sogenannten Blur-Stil entstanden, einer Technik, in der Teile des Motivs verwischt werden und so ganz neue Aussagen der Bilder entstehen. Der Künstler selbst nennt diese Aufnahmen vierdimensional.

Und tatsächlich fließt neben den räumlichen Dimensionen auch die Zeit in die Aufnahmen ein. Durch die Unschärfe klar definierter Bereiche entsteht der Eindruck von Bewegung, wodurch beispielsweise die Hektik einer Großstadt nachvollziehbar wird. Menschen hetzen über Rolltreppen, einem unbekannten Ziel entgegen.

Faszinierend ist, dass Jörg Heieck die gewohnte Perspektive verlässt. Die Kamera steht nicht an einem festen Ort und nimmt die Bewegung der Passanten wahr, sondern sie macht den Menschen zum ruhenden Pol in einer Welt, die sich rasend bewegt und dadurch kaum mehr fassbar scheint. Dabei erkennt der Betrachter ganz unterschiedliche Situationen. Eher ruhig der Spaziergang am Meer, aufgeregter beim Versuch, sich auszuruhen. Und große Hektik im Trubel der Großstadt. Motive, die bewusst machen, wie der Mensch mit dem wertvollen Gut Zeit umgeht.

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