Pirmasens Wunder im Drei-Minuten-Takt

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Mensch, war das herrlich am Dienstagabend in der Alten Post, zwei mit allen Wassern gewaschenen musikalischen Salon-Löwen zuzuhören und zuzuschauen. Daniel Röhn und Paul Rivinius an Geige und Klavier erzählten die „Kreisler-Story“ mit der Musik des Teufelsgeigers und Komponisten Fritz Kreisler, dem Wiener mit französischer Staatsbürgerschaft, der 1939 nach New York ging und nie wieder nach Europa zurückkehrte; ein Superstar seiner Zeit, der die Kunst der Drei-Minuten-Wunder wie kaum ein anderer beherrschte.

Daniel Röhn war die Ironie des Augenblicks natürlich nicht entgangen: „eine Zugabe spielen in einem Konzert, das ja eigentlich nur aus Zugaben besteht“, charakterisierte er treffend die Sensation dieses Abends. Die Behauptung ist in der Verkürzung ein bisschen keck: Kreislers Violin-Akrobatik war oft der Versuch, eigene Stücke – als Fremdmaterial getarnt – und Bearbeitungen von Klassikern so zu arrangieren, dass möglichst viele Noten in die Drei-Minuten-Rille einer zehn Zoll großen Schellackplatte passten, die mit 78 Umdrehungen die Minute abgespielt wurde. Das war das modernste Medium des Fritz Kreisler, der ansonsten damit rechnen durfte, dass seine Konzerte stets ausverkauft waren. Immerhin bewegte sich Kreisler durchaus in der Nachfolge von Niccolò Paganini, der ebenfalls ein Publikum bediente, das den Geiger – bildlich gesprochen – auf dem Hochseil durch den brennenden Reifen springen sehen wollte und der Maestro unbeeindruckt mit in Flammen stehenden Frackschößen fehlerfrei 64stel-Läufe spielte. Der äußerliche Effekt des Höchstvirtuosen war gewollt und unverzichtbar, zumal die musikalische Substanz ja nicht geopfert, sondern höchstens bis zur Neige ausgeschöpft wurde. Kreisler war Show-Profi, der wusste, dass man das Publikum am besten bei der Stange hält, wenn man seriöse Kunst und grellen Zirkus gekonnt miteinander verbindet. Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Auch Daniel Röhn und Paul Rivinius haben eine erfrischend entspannte Art, mit Kreislers Musik umzugehen; hinzu kommt das schelmische Talent von Daniel Röhn, sein Publikum mit Charme, Chuzpe und so launigen wie kenntnisreichen Conférencen zu umgarnen. Zur Show gehören natürlich auch Frack und Kummerbund, so viel Glamour muss sein. Dass bei dem technischen Niveau, auf dem hier gespielt wird, einem wieder und wieder ein „meine Güte“ entfährt, gehört unverzichtbar dazu. Röhn und Rivinius sind aber auch ein kongeniales Paar. Es dürfte nicht sehr viele Klavierbegleiter geben, die einen so engen Rapport mit „ihrem“ Solisten halten, wie das Paul Rivinius ohne erkennbare Anstrengung gelingt. Kreislers Klavierbegleitungen sind ja alles andere als bloße Show – das ist für Ernst und nur was für Könner wie Rivinius. Und Röhn spielt, als wird es kein Morgen geben, lässt den Bogen springen, wechselt die Lagen mit stupender Präzision und ist mit derselben Behändigkeit mit seinem Pizzicato zur Stelle. Er kann den Wiener Schmäh genauso wie das Feuerwerk der ungarischen Tänze oder die Tanzschritte des Flamencos. Er verblüfft sein Publikum ein ums andere Mal, tändelt und flirtet mit ihm und ist doch mit Konzentration bei der Sache. Dazu kommt ein moderner, geradezu schlanker Ton, der erkennen lässt, dass hinter dem Showmanship ein großartiger Musiker steckt, der seinem Repertoire Respekt erweist. Der eigentliche Höhepunkt des Konzertes war die Sonate für Violine und Klavier des schon todkranken Claude Debussy bereits Mitte des ersten Konzertteils. Röhn und Rivinius haben dieses nur knapp zwölf Minuten lange dreisätzige Werk mit einer hinreißenden Eleganz, dem typisch feinen französischen Klang und ohne jede Forcierung zum Glanzpunkt des Abends moduliert.

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