Pirmasens „Wir alle sind gefordert“
Vor 650 Gästen appellierte Oberbürgermeister Bernhard Matheis gestern Abend beim Neujahrsempfang in der Wasgauhalle an den Bürgersinn. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs und angesichts der globalen Herausforderungen, für die es keine Patentlösungen gibt, sei jeder aufgerufen, sich mit seinen Fähigkeiten einzubringen.
„Orientierung im Umbruch“, unter dieses Motto hatte Oberbürgermeister Bernhard Matheis gestern Abend in der Wasgauhalle seine Neujahrsansprache gestellt. Wie im Vorjahr richtete er den Blick vor 650 Gästen aufs große Ganze. Nur 30 Minuten war die programmatische Rede, für die es sehr viel Lob und Applaus gab, lang – ein neuer Rekord. Der kurze Blick zurück fiel positiv aus. Vieles habe sich im Jahr 2016 in Pirmasens bewegt, viele Investitionen wurden getätigt, mit denen sich das Bild der Stadt positiv verändert habe. „In vielen kleinen und großen Projekten und Initiativen haben viele von ihnen Kreativität, unternehmerischen Mut, Augenmaß im Umgang mit anderen und soziale Verantwortung gezeigt“, lobte der Verwaltungschef die Stadtgesellschaft. Indikator für eine positive Entwicklung seien die Bevölkerungszahlen. Obwohl von den Statistikern vor Jahren prognostiziert wurde, dass Pirmasens im Jahr 2015 nur noch 38.000 Einwohner haben werde, habe sich die negative Bevölkerungsentwicklung in den letzten Jahren „deutlich gedreht“. „Zwar verzeichneten wir 2015 immer noch mehr Sterbefälle als Geburten, die Zuwanderung in unserer Stadt war mit 2629 gegenüber 2176 Wegzügen jedoch deutlich stärker“ – und dieser Trend setze sich fort. Auch erfreulich laut Matheis: Die Investitionen in den Neubau und in die Renovierung von Wohnungen ziehen deutlich an. „Das ist ein wichtiges Signal für die Attraktivitätssteigerung unserer Stadt.“ Damit sehe er sich mit seiner Prognose, dass es zu einer „Renaissance der Mittelstädte“ komme, bestätigt. Der 61-Jährige warnte davor, aus Angst vor der Globalisierung und angesichts veränderter sicherheits- und sozialpolitischer Herausforderungen das Gefühl dafür zu verlieren, welche Werte Europa in über 70 Jahren seiner fortschreitenden Einigung gewährleistet hat, nämlich Frieden in Freiheit, Freizügigkeit, Demokratie und ein hohes Maß an sozialer und gesellschaftlicher Sicherheit. „Nie war der Wohlstand für eine immer größere Anzahl von Menschen höher, nie war die soziale Sicherung ausgeprägter, nie war die individuelle Freiheit größer, nie lebten wir hier sicherer als heute.“ Die Welt verändere sich in großer Geschwindigkeit, für komplexe Probleme gebe es keine einfachen Lösungen. „Den Beitrag, den wir als Stadtgesellschaft selbst leisten können, ist, Beispiel zu geben, warum es sich lohnt, sich in unsere Gesellschaft und unseren Kulturkreis zu integrieren. Das setzt voraus, dass wir die Werte, die wir vorgeben schützen und verteidigen zu wollen, auch selbst zu unseren eigenen machen und vorleben“, gab Matheis die Richtung vor. Es setze voraus, Vorbild zu sein und die Zivilcourage zu haben, Menschen, die mit anderen Vorstellungen zu uns kommen, klar und deutlich zur Einhaltung und Identifikation mit diesen Werten aufzufordern. Matheis sagte weiter, die Politik habe in den vergangenen Jahrzehnten bewusst den Eindruck erweckt, für alle gesellschaftlichen Probleme eine passende Lösung zu organisieren. Die Herausforderungen einer globalisierten Welt aber könnten nur gelöst werden, indem sich die Zivilgesellschaft mit ihren Fähigkeiten einbringe. „Wir sind alle gefordert.“ Dafür gebe es viele gute Beispiele in Pirmasens, von Einzelpersonen, Vereinen, Verbänden, Kirchen und Bürgerinitiativen, die sich nicht engagierten, um ihre eigenen Interessen zu forcieren. Jeder von ihnen bringe sich in vielfältiger Weise dafür ein, dass die Gesellschaft funktioniert. „Sie lamentieren nicht über die Ungerechtigkeiten der Welt, sie sehen ihre Aufgabe nicht darin, permanent das Versagen von Staat und System zu diskutieren. Sie packen Probleme an“, führte der OB aus. Diese Menschen seien die, die die Gesellschaft voranbringen. Sie stabilisierten die Werte, die unsere Stadt, unser Land und Europa ausmachten. Ihnen gelte sein Dank. Für Stimmung sorgten der Schulchor Kantiamo des Immanuel-Kant-Gymnasiums, der Pirmasenser Sänger Tim Ganter gab Kostproben aus seinem Musical „Jesus Christ Superstar“, die Lust auf zwei Aufführungen in der Festhalle am kommenden Wochenende machten. Klasse! Der OB sagte am Rande des Neujahrsempfangs zur RHEINPFALZ, er sehe die Stadt im Umbruch, im positiven Sinne. Der Außenblick auf Pirmasens werde besser, er habe die letzten Tage wieder intensive Gespräche mit potenziellen Investoren geführt, die der Stadt etwas zutrauen. Die größten Impulse für die Stadtentwicklung verspreche er sich vom Baubeginn der Jugendherberge, auch werde in diesem Jahr entschieden, wie es mit der Kaufhalle weitergehe. Auf der Agenda hat er auch, etwas für die vielen Langzeitarbeitslosen in der Stadt in Angriff zu nehmen. „Da brauchen wir Programme, wie wir sie schon einmal hatten.“ Die Ehrenbürgerin der Stadt Pirmasens, Sieghild Müller, appellierte beim Neujahrsempfang an die Menschen, sich für den Pakt zu engagieren. |cla