Pirmasens
Wie ein Journalist die Südwestpfalz von 1975 bis 1986 erlebt hat
L’Estérel im Rücken, die Côte d’Azur vor Augen, den Longdrink in der Hand - Südfrankreich war der ideale Ort, um sich im Urlaub noch einmal intensiv auf die neue Aufgabe als Lokalchef in der Deutschen Schuhmetropole vorzubereiten.
Ich war zuvor Leiter der RHEINPFALZ-Lokalredaktionen in Mannheim und Kusel und hatte jetzt eine Menge zu lernen, um in meiner künftigen Heimat schreiben zu können, was Sache ist. Noch waren Höheischweiler oder Schindhard böhmische Dörfer für mich, noch wusste ich nur ansatzweise, wie geschichtsträchtig, erlebnis- und abwechslungsreich dieses Grenzland ist. Aber unter südlicher Sonne lernt man schnell und merkt erst später, dass man die DNA einer Region nicht allein aus Büchern erfassen kann, man muss mit den Menschen leben, um zu verstehen.
Elf Jahre lang habe ich versucht zu verstehen. Manchmal hat es geklappt, manchmal bin ich gescheitert. Zum Glück hatte ich mit Sigrun Mann eine Lehrkraft für das Fach Westpfälzisch, bei der gefühlt 75 Prozent aller Pirmasenser in die Grundschule gegangen waren. Klaglos versuchte sie aus dem Rheinländer einen Westpfälzer zu machen, einen der klar, direkt, manchmal kantig, aber immer gesellig ist. Es gelang nur zum Teil.
Drei Themen haben meine Zeit in Pirmasens bestimmt: Die Autobahn durch und das Giftgas im Pfälzerwald und natürlich der Niedergang der Schuhindustrie. Es war ein Dreiklang in Moll. Die Lücke in der Autobahn (A 8) wurde – allen Versprechen zum Trotz – nie geschlossen, der rasante Verlust an Arbeitsplätzen bei den amerikanischen Streitkräften und vor allem in der Schuhindustrie war offensichtlich nicht aufzuhalten, aber immerhin, das Giftgas der US-Army in Clausen (das die meisten in Fischbach vermutet hatten) wurde aus der Region verbannt.
Serie sorgt für Zündstoff
Als die Schuhindustrie schon auf der Brandsohle lief und Fersengeld geben wollte, starteten wir in der „Pirmasenser Rundschau“ eine großflächig angelegte Serie, um zu untersuchen, wie man den Niedergang aufhalten könnte. Einer der beschriebenen möglichen Auswege: Arbeitszeitverkürzung. Das war für viele Unternehmer der Branche ein ganz, ganz böses Wort. Der Verband der Schuhindustrie drohte unverhohlen mit Entzug der Zuneigung und lud meinen damaligen Chef, den legendären Paul Kaps, ein (besser: vor), um dem Ganzen ein Ende zu setzen.
Auch Paul Kaps und die Chefredaktion der RHEINPFALZ standen der Idee Arbeitszeitverkürzung eher – milde ausgedrückt – skeptisch gegenüber. Aber er ließ mich trotzdem gewähren und bot dem Verband die Stirn. Die RHEINPFALZ, sagte er, stehe eben für Meinungsvielfalt. Die Serie erschien und andere ähnlich umfangreiche, etwa zur geplanten Müllverbrennungsanlage oder zur Jugendkultur, folgten. Viel „Schwarzbrot“ für einen Lokalteil, aber wer wollte, konnte sich umfassend informieren.
Jagd auf Elwetritsche
Für hellere Töne im Klangbild von Stadt und Kreis sorgte der Tourismus, der allerdings noch in den Kinderschuhen steckte. In Dahn ließ Oberförster Gus Espenschied Elwetritsche als Lockvögel flattern. Er veranstaltete Jagden auf das pfälzisch-elsässische Fabeltier im dunklen Forst und führte die Touristen gekonnt hinter den Busch. Die Jagd-Strecke war äußerst übersichtlich, aber Espenschied tröstete seine Gäste mit Pfälzer Wein, Worscht und Weck. Ein wahrhaft schöner Trost.
Das Fabeltier blieb ein Phantom. Dieses Schicksal teilte es mit einem geplanten künstlichen See mitten im Wasgau. „Schon“ nach 20 Jahren war klar, der Wasgausee ist ein Millionengrab, ein Schlag ins Wasser. Aus der Traum von weißen Segeln unter grünen Baumriesen. Nix Bacardi im Pfälzerwald.
Auch die „Deutsche Schuhstraße“, die ich verzweifelt herbeischreiben wollte, blieb eine Unvollendete. Mit diesem Projekt hatte ich gehofft, könnte man all die Trümpfe der Region (Landschaft, Geschichte, Küche, Gastfreundschaft, Schuhe) bündeln und vermarkten. Die Straße blieb eine Baustelle.
Kapitaler Bock zum Abschied
Und dann würde ich mich gerne nochmals entschuldigen. Kurz vor meinem Abschied aus Pirmasens hatte ich mir einen kapitalen Bock geleistet. Ich war den Einflüsterungen einer mehr als gut unterrichteten Quelle aufgesessen und hatte versäumt, wie es im Pflichtenheft des Journalismus steht, die Gegenseite zu hören. Es kam wie es kommen musste. Die Geschichte entpuppte sich als Ente, klassische Fake-News.
Einen Tag nachdem ich mich zerknirscht öffentlich entschuldigt hatte, traf ein Brief aus einer bekannten Anwaltskanzlei der Stadt ein: „Lieber Herr Specht, wenn Sie wieder mal eine Ente aufgetischt haben wollen, Sie sind herzlich zu einem Festbraten eingeladen.“
So simmer halt in Bärmesens. Das kann man nicht lernen; auch nicht an der Côte d’Azur.
Der Autor: Gerhard Specht
Der Journalist Gerhard Specht, ging nach elf Jahren in Pirmasens (1975 – 1986) als Gründungs-Chef vom Dienst und Moderator zu „RPR“ in Ludwigshafen. Anschließend war er Gründungs-CvD beim Aufbau des Fernsehkanals des Rundfunks im amerikanischen Sektor, dem RIAS Berlin. Später Programmbereichsleiter und stellvertretender Chefredakteur bei „Deutsche Welle Fernsehen“ und Dozent an einer Medienakademie in Berlin und auf Rügen. Er lebt heute als freier Autor in Berlin. Sein neues Buch („Journalisten sind auch nur Menschen“) erscheint im November und behandelt auch seine Erlebnisse in Pirmasens.