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Wasgausee völlig aus dem Ruder gelaufen
Die Satzung des Zweckverbandes, dessen Vorsitzender der damalige Landrat Klaus-Dieter Uelhoff war, sah vor, dass sich der Landkreis Pirmasens (heute Landkreis Südwestpfalz) mit 60 Prozent, die Stadt Pirmasens (25 Prozent) und die Verbandsgemeinde Dahn mit 15 Prozent an den Kosten dieses Lago Maggiore im Pfälzerwald beteiligt. Anfang der 70er Jahre wurde das Vorhaben auf elf Millionen Mark (rund 5,5 Millionen Euro) geschätzt. Das Projekt lief allerdings innerhalb weniger Jahre finanziell völlig aus dem Ruder.
Helmut Kohl schwebte ein Freizeitparadies vor
Dabei meinte es Mainz gut mit diesem Landstrich direkt an der Grenze zu Frankreich. Die damalige CDU-Landtagsfraktion, namentlich ihr Vorsitzender Helmut Kohl, wollte das Sauertal zu einer „blühenden Landschaft“ im ökonomischen Sinne aufwerten. Campingplätze, Liegewiesen, ein Freibadestrand, ein beheiztes Schwimmbad, Bootsstege, Fläche für Ferien- und Wochenendhausgebiete, mehrere Hotels, Pensionen, Kioske und vieles, vieles mehr ließ die Mehrzahl der dort wohnenden Bürgerinnen und Bürger von einem Tourismusboom träumen.
Der Pirmasenser Barde Hein Kröher sang gar schon ein Loblied: „Bald kommt der Wasgausee/in unserem Land. Ob er aber in Privathand liegt,/oder gar in Staatshand liegt,/wo er überhaupt wohl liegt,/ist nur bekannt beim Zweckverband.“ (Kanon, dreistimmig singbar). Zugleich warnte Kröher, den Wasgausee nicht zu einem chaotischen Konsumzentrum der Freizeit verkommen zu lassen. „Sein einziger und legitimer Zweck soll es sein: dem Wasgau die Qualität einer unverramschten Waldlandschaft zu erhalten, den Menschen, die diese Landschaft gestaltet haben ... Gegenwart und Lebensqualität zu verbessern.“
Historischer „Kinigswog“
Saure Wiesen und Schilfgras bedeckten das Sauertal – zu nichts und für niemanden nütze. Also warum nicht das ganze Tal unter Wasser setzen, schließlich war man damit schon vor mehr als 400 Jahren erfolgreich. Als historischer Beweis dient eine alte Landkarte aus einem Museum in Weißenburg, auf der sich zwischen Fischbach und Schönau ein großer See, genannt „Kinigswog“, erstreckte.
Der Zweckverband zeigte sich optimistisch, dass die Planung 1980 fertig werden sollte, so dass mit der Durchführung einzelner Baumaßnahmen begonnen werden kann. In Wahrheit fehlten der Interessengemeinschaft noch jede Menge Gelände zur Realisierung des Planes. Mitte 1978 waren dies noch 23 Hektar. Da etliche Grundstückseigentümer das benötigte Land nicht an den Zweckverband verkaufen wollten, wurde ein Flurbereinigungsverfahren eingeleitet.
1981 sah der Haushalt des Zweckverbandes vor, dass auf die Stauanlagen mit Wassersammelbecken 5,85 Millionen Mark entfallen, auf die Abwasserbeseitigung 14 Millionen, auf den Straßenbau 5,6 Millionen. Der Seerundweg und die Gestaltung des Seeufers mit Parkplatzanlagen wollten rund vier Millionen Mark kosten. Soweit so gut. Aber der Vorschlag für die Ab- und Frischwasserversorgung erreichte die Summe von 35 Millionen Mark. Der SPD-Politiker und Landtagsabgeordnete Karl-Walter Müller aus Pirmasens erinnerte an die zu erwartende Änderung der Zuschussrichtlinien des Landes für Infrastrukturmaßnahmen, die eine Senkung von 80 auf 60 Prozent vorsah. K.W.M., wie Müller genannt wurde, regte an, in nichtöffentlicher Sitzung zu beraten, wie das Gesamtkonzept zu finanzieren sei.
Der Abschied von allen Illusionen
Die Folge dieser Beratungen waren erhebliche Abstriche am Programm. Der damalige Landrat Hans Jörg Duppré brachte es so auf den Punkt: „Die Summen, die im Gespräch sind, können wir einfach nicht verkraften. Wenn wir das Ziel nicht aufgeben wollen, dann gibt es nur einen Weg – runter mit den Kosten und Abschied nehmen von allen Illusionen.“
Indes hatte sich während der Zeit der Diskussionen und gelegentlicher innerer Streitereien reichlich externer Widerstand gegen das Projekt formiert. So wandten sich die Grünen des Kreisverbandes Wasgau gegen die geplante künstliche Freizeitwelt; der Beirat für Landespflege bei der Kreisverwaltung sprach sich auch gegen den Wasgausee aus, ebenso die BUND-Kreisgruppe Pirmasens. Außerdem gründete sich Anfang 1986 im Dahner Tal eine Bürgerinitiative „Rettet das Königsbruch“.
Biologischer Reichtum und das Aus für den See
Schließlich grub das Institut für Landeskultur und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim dem Wasgausee das Wasser ab. Experten legten ein über 600 Seiten starkes Gutachten auf den Tisch, das sich wie ein who-is-who der in den Roten Listen geführten bedrohten Arten im Königsbruch las. Die Kernaussage: Der biologische Reichtum des Königsbruches könne nicht neu geschaffen werden. Zudem könne der ökologische Schaden eines Flächenverlustes eindeutig nicht ausgeglichen werden.
Am 10. November 1987 kam aus Mainz das Aus für den Wasgausee. Zwei Gründe waren ausschlaggebend: der ökologische Totalschaden und die hohen Investitionskosten, zuzüglich der Folgekosten. Das letzte Kapitel schloss der Zweckverband im Mai 1994 selbst: Er löste sich auf. Zwei Jahre später wurde das Königsbruch unter Naturschutz gestellt.
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