Pirmasens Wer hätte Anne Frank gerettet?

Die Anne-Frank-Ausstellung im Forum Alte Post wird am Sonntag, 11 Uhr, eröffnet.
Die Anne-Frank-Ausstellung im Forum Alte Post wird am Sonntag, 11 Uhr, eröffnet.

Die Geschichte des jüdischen Mädchens Anne Frank, das sich mit seiner Familie zwei Jahre lang in Amsterdam in einem Hinterhaus vor dem Abtransport ins Konzentrationslager versteckte, dürfte fast jeder kennen. Ihr in diesen Jahren geführtes Tagebuch wurde verfilmt. Unzählige Bücher sind über das Schicksal der letztlich doch verratenen Familie erschienen. Die vom Anne-Frank-Zentrum erarbeitete Ausstellung liefert dennoch viele so nicht bekannte Details und für Theo Wieder, der die Ausstellung in die Pfalz holte, ist die Geschichte auch heute noch extrem aktuell. „Ist das Eis heute dicker als 1933?“, fragte Wieder gestern bei der Präsentation der Ausstellung in der Alten Post. Mit nur wenigen Tricks sei es damals den Nazis gelungen, eine Rechtsordnung auszuhebeln, auf der unsere heutige immer noch beruht. Wieder hatte die Ausstellung in Köln gesehen und wollte sie auch in der Pfalz haben. In Pirmasens war mit der Alten Post ein großer Ausstellungsraum schnell verfügbar und so kam die vom Bezirksverband mit 10.000 Euro finanzierte Ausstellung zuerst hierher. Im kommenden Jahr soll sie in Ludwigshafen an der Anne-Frank-Realschule gezeigt werden. Wieder warnte gestern vor aktuellen Entwicklungen in den „so genannten sozialen Medien“, wo eine Vielzahl an Kommentaren vor Hass und Diskriminierung nur so strotzten. Er empfahl, bei den Kommentaren die Worte Muslim oder Islam durch Jude und Judentum zu ersetzen. „Sie sind dann nicht mehr weit weg vom Stürmer“, meinte er mit Verweis auf das NS-Propagandablatt. Die am Sonntag startende Ausstellung geht im zweiten Teil auch auf solche Fragen ein, die sich dem Heute widmen. Hier wird auch gefragt, wie sich die Besucher heute gegenüber diskriminierenden Witzen oder Hetzreden verhalten. „Wo leisten wir heute Widerstand, wenn andere diskriminiert werden?“, fragte Wieder. Der Nationalsozialismus sei keine einmalige Orgie des Bösen gewesen, sondern eine Verkettung im Hinnehmen von Entwicklungen, wie sie heute auch wieder passieren könnten. Die Ausstellung richtet sich an Jugendliche, die in einem ähnlichen Alter sind wie die mit 16 Jahren ermordete Anne Frank. Der erste Teil der Ausstellung mit den historischen Fakten, vielen Filmausschnitten, Fotos und einem Faksimile des Originaltagebuchs sowie anderen authentischen Ausstellungsstücken der Zeit kann aber auch vielen Erwachsenen neue Einblicke in die Geschichte des Mädchens geben, das zwei Jahre lang das Haus nicht verlassen konnte und alles seinem Tagebuch anvertraute, auch mit dem Wissen um dessen literarischen Wert, den das Buch zweifelsohne hat und ohne den sein Erfolg wohl nicht so groß gewesen wäre. Ein wesentliches Element der Ausstellung ist die Ausbildung so genannter Peer Guides. Dies sind Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren, die am Montag und Dienstag darin geschult wurden, Besucher, insbesondere Schulklassen, durch die Ausstellung zu führen. Damit wollen die Macher eine möglichst zielgruppenorientierte Führung erreichen. Von Jugendlichen für Jugendliche werde besser die richtige Sprache getroffen, als wenn ausgebildete Historiker dies tun, verteidigte Theo Wieder gestern das Vorgehen. Im Vorfeld der Ausstellung habe es Kritik daran gegeben und es sei gefordert worden, solch eine Wissensvermittlung nur durch Historiker vornehmen zu lassen. 30 Jugendliche werden nun geschult. In der Mehrzahl hätten sich Mädchen gemeldet, erzählte gestern die für die Museumspädagogik in der Alten Post zuständige Denise Kamm. Die Peer Guides kommen laut Kamm aus allen Schularten von der Realschule plus über die Integrierte Gesamtschule bis zum Gymnasium. 16 Schulklassen hätten sich bisher für eine Führung angemeldet. „Hier haben wir noch viel Luft nach oben“, sagte Kamm, die auch auf Schulklassen aus dem weiteren Umland von Pirmasens hofft. Kamm betonte, dass der Eintritt für Schulklassen frei sei. Die Ausstellung wird am Sonntag, 11 Uhr, eröffnet. Neben Oberbürgermeister Bernhard Matheis und Theo Wieder wird Patrick Siegele, der Direktor des Anne-Frank-Zentrums Berlin, in die Ausstellung einführen. Der Eintritt zur Eröffnung ist frei. Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“, bis 4. Mai täglich 10 bis 17 Uhr. Eintritt sechs Euro.

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