Pirmasens
Wenn der Chor der Star ist
Das Programm passte ideal zum Ewigkeitssonntag. Die Bach-Kantate „Tilge, Höchster, meine Sünden“ nach der Musik des „Stabat Mater“ von Giovanni Battista Pergolesi war dessen letzte Komposition vor seinem frühen Tod mit nur 26 Jahren. Ähnlich war es auch bei Mozart, der über der Komposition des Requiems, dem Hauptwerk des Konzerts, verstarb. Auch inhaltlich befassten sich beide Kompositionen mit Tod und Auferstehung.
Während Mozarts Requiem zu den bekanntesten Werken katholischer Kirchenmusik gehört, ist die vorgelagerte Bach-Kantate kaum bekannt. Pergolesis Vorlage für Alt, Sopran und Streichorchester hatte Bach kaum verändert. Neu war nur der deutsche Text des 51. Psalms. In der Pirmasenser Aufführung war das Streichorchester solistisch besetzt. Mitglieder der Kammerphilharmonie Karlsruhe spielten stilsicher und einfühlsam. Der erst 18-jährige Julian Haßler war für den Basso continuo an der Orgel zuständig, was er mit großem Können und Souveränität meisterte.
Kantate vor dem Vorhang
Christina Landshamer, Sopranistin aus München mit internationalen Engagements, und Altistin Ingeborg Danz, eine Spezialistin für Bach, harmonierten sehr gut, sowohl in ihrer musikalischen Interpretation als auch in ihrer gepflegten, offenen Stimmgebung.
Wegen der kleinen Besetzung hatte man das Werk vor den Bühnenvorhang verlagert, was akustisch nicht sehr günstig war. Das Stück, das sonst in Kirchen mit viel Hall aufgeführt wird, klang hier besonders trocken. Die kräftigen Stimmen der Sängerinnen waren zwar nicht zu leise, aber nicht recht präsent, und vom Text war nicht alles zu verstehen. In barocker Manier hatte sich Pergolesi aller Figuren bedient, mit denen man Schmerz und Tod musikalisch ausdrücken konnte, und das verfehlte im Konzert nicht seine Wirkung. Sein virtuoses Amen am Ende des „Stabat Mater“, das alle Musiker mit großer Kunst in raschem Tempo musiziertem, erklang in Bachs Kantate noch einmal, diesmal in Dur als Blick weg von Tod und Schmerz hinüber in die Ewigkeit.
Requiem in großer Besetzung
Nach der Pause betraten der Chor und das restliche Orchester die Bühne und mit dem Tenor Patrick Grahl, einem gefragten Sänger aus Leipzig, und dem in Pirmasens bestens bekannten Bass Klaus Mertens kamen zwei weitere Solisten hinzu. Christoph Haßler, der sich im ersten Teil des Konzerts als Dirigent mit Einfühlungsvermögen und klarem Schlag gezeigt hatte, lenkte die große Zahl der Musiker auch bei Mozarts Requiem souverän und unaufgeregt.
Die Musiker der Kammerphilharmonie, durchweg studierte Profis, waren stets sicher und klangschön. Saubere und flexible Streicher wechselten sich mit berückend schönen und warmen Holzbläsern ab. Mächtige, brillante Blechbläser setzen Akzente. Erstaunlich weich war das Posaunensolo bei Tuba mirum. Julian Haßler wurde an der Orgel von dem 20-jährigen Leander Gilsdorf abgelöst, der nicht minder sicher agierte.
Ausgewogener Chorklang
Die Solisten, die im Requiem keine Arien, sondern nur kurze Einwürfe und Ensembles zu singen haben, gestalteten ihre Solopassagen mit hervorragender Stimmtechnik, während sie bei den Quartetten einen uneitel ausgewogenen Klang erzeugten.
Der Star des Abends war allerdings der Chor. Haßler hatte ihn hervorragend vorbereitet. Erfreulich viele junge Sängerinnen und Sänger haben sich mittlerweile dem Oratorienchor angeschlossen. Die Männer- und Frauenstimmen waren in Zahl und Klang ausgeglichen. Sie begeisterten gleich beim Introitus mit engagierter Stimmgebung in den homophonen Stellen und präziser Geläufigkeit im fugalen Teil wie auch beim Kyrie. Beeindruckend brodelte der Tag des Zorns auch im engagiert spielenden Orchester und die Majestät, die erzittern lässt, gestaltete der Oratorienchor in Rex tremandae mit einem Fortissimo, das doch nie forciert, sondern jederzeit gepflegt klang. Die Einwürfe „Salva me“ gelangen in allen Stimmen zart und innig.
Auch zarte Partien
Stimmgewaltig legten die Männerstimmen vor bei Confutatis, während die Frauenstimmen beim sehr hohen und leisen Voca me nicht immer ganz einheitlich klangen, was für einen Laienchor allerdings auch eine große Herausforderung darstellt. Nach Lacrimosa, das dem tränenreichen Tag des jüngsten Gerichts genial Ausdruck verleiht, richtete sich der Blick in Richtung Auferstehung in Domine Deus, Hostias, und dem majestätischen Sanctus. Dem innigen Benedictus, das die Solisten wunderbar gestalteten, folgte der Chor mit anrührender Zartheit in Agnus Dei, bis die Seelen bei Lux aeterna im hellen Licht der Ewigkeit erstrahlten.
Berührt und betroffen verstrichen einige Sekunden, bis das Publikum mit stehenden Ovationen für die großartige Leistung aller Beteiligten dankte.