Pirmasens
Warum das Krankenhaus eine 87-Jährige trotz Corona-Infektion entließ
„Ich bin immer noch fassungslos“, sagt der Sohn der Pirmasenserin, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Frau hatte im Februar im Krankenhaus ein neues Hüftgelenk bekommen, ging danach nach Blieskastel in Reha. Wieder daheim in ihrer Pirmasenser Wohnung, ging es der Seniorin schlecht. Ihr Hausarzt überwies sie erneut ins Pirmasenser Krankenhaus - „mit unklarem Befund“, wie der Sohn berichtet. „Sie war schwach, appetitlos, völlig neben sich.“ Im Krankenhaus habe sie dann „schlimme Wochen“ erlebt.
Als die Frau Anfang April ins Krankenhaus zurückkam, war bereits öffentlich geworden, dass sich in der Blieskasteler Reha-Klinik mehrere Leute mit dem Coronavirus infiziert hatten. Dennoch hätten die Pirmasenser Ärzte seine Mutter nicht auf Corona getestet, sagt der Sohn. Selbst als die Seniorin die Mediziner darauf hinwies, sie könnte erkrankt sein, zumal sie tageweise unter Fieber und Magen-Darm-Problemen litt.
Der Sohn berichtet, er habe derweil Vorbereitungen getroffen, die Mutter zu sich nach Köln zu holen, wo sich ein Pflegedienst künftig um sie kümmern sollte. Dieser verlangte zwei negative Testnachweise, was der Mann dem Krankenhaus weitergab. Dort habe man ihm auf Nachfrage versichert, alle Unterlagen zusammenzutragen, bis er seine Mutter zu sich nimmt.
Plötzlich der Anruf: Die Mutter ist Corona-positiv
Mitte April schließlich holte er die 87-Jährige mitsamt der Dokumente ab und steuerte seinen Wagen zurück nach Köln - bis hinterm Kreuz Alzey übers Telefon die Nachricht aus der Klinik kam: Seine Mutter sei Corona-positiv. Der Sohn ist noch heute außer sich, wenn er daran zurückdenkt. „Die haben mich also losfahren lassen, obwohl sie wussten, dass das Testergebnis noch gar nicht da ist“, wirft er dem Krankenhaus vor. Für ihn selbst bedeutete das zwei Wochen häusliche Isolation: getrennte Schlafzimmer, kein gemeinsames Essen mehr mit seiner Familie, da er ja Kontakt zur kranken Mutter hatte.
Die 87-Jährige wurde, zurück im Pirmasenser Krankenhaus, fortan immer wieder auf Corona getestet. Ende vergangener Woche, schildert der Sohn, hieß es dann endlich: Corona-negativ. Inzwischen hat er die Mutter zu sich geholt. „Sie braucht nun gute Erholung“, berichtet er, denn sie sei nach den ganzen Strapazen „mental am Ende“. Bei allem Groll gegen die Klinik betont der Mann: Pflegekräfte und Krankengymnasten hätten sich hervorragend um seine Mutter gekümmert; die Ärzte jedoch hätten die Corona-Infektion erkennen müssen.
Besonders ärgert ihn, dass das Krankenhaus Ende vergangener Woche öffentlich verkündete, die Klinik sei Corona-frei. „Da wird PR-wirksam so getan, als habe man die Sache im Griff. In Wahrheit passieren da Dinge, da sträuben sich einem die Haare“, sagt der Mann der RHEINPFALZ. Seiner Ansicht nach hätte seine Mutter auch andere im Haus anstecken können: „Das war eine Gefährdung ohne Ende.“
Arzt: „Kein typischer Fall“
Chefarzt Cornelius Moser, der die Seniorin behandelt hat, versteht einerseits den Ärger des Sohnes. „Die Frau zu entlassen, ohne das Ergebnis des Abstrichs abzuwarten, das war ein Fehler, und dazu habe ich mich auch bekannt.“ Er habe sich offiziell bei der Familie entschuldigt. Doch beim Thema Corona erklärt Moser: „Wir haben keinen Behandlungsfehler gemacht.“ Er spricht von einem „atypischen und asymptomatischen“ Fall. Aus seiner Sicht war die Frau nicht als Corona-Verdachtsfall einzustufen. Zwar sei der am Ende ihres Aufenthalts vorgenommene Abstrich positiv gewesen, „aber sie war symptomfrei“. Das anfängliche Fieber habe sie nach wenigen Tagen überwunden, zudem habe sie nie etwa unter einer Lungenentzündung gelitten. Corona nahm bei ihr offenbar einen sehr milden Verlauf.
„Kein Grund, von Covid auszugehen“
Was den Aufenthalt der Frau in Blieskastel betrifft, wo sich mehrere Patienten ansteckten, macht Moser auf eine Lücke im System aufmerksam. Auch er hält es für möglich, dass sich die Seniorin während der Reha ansteckte. Doch bis heute sei weder vom Homburger Gesundheitsamt noch von der Blieskasteler Klinik ein Hinweis gekommen, dass die Frau dort mit Corona-Infizierten in Kontakt kam. „Wir hatten keinen Grund, bei ihren Symptomen von Covid auszugehen“, betont der Chefarzt der Abteilung Gastroenterologie. Und: „Ein positiver Test bedeutet nicht, dass jemand krank ist.“ Inzwischen würden bundesweit Fälle registriert, in denen Menschen ihre Corona-Infektion längst überwunden haben und nicht mehr ansteckend sind, aber noch wochenlang positive Abstrich-Ergebnisse bekommen.
Die Seniorin sei „als gesund entlassen worden“. Dabei den für den Sohn so wichtigen Abstrich nicht abzuwarten, „das war ein Fehler, und dazu stehe ich“, sagt Moser.
Was bleibt unterm Strich? Für die Klinik: besagter Fehler, aber kein Behandlungsfehler. Und: „Die Patientin hat hier niemanden angesteckt“, so Moser. Und was bleibt für den Sohn? „Wir sind froh und dankbar, dass meine Mutter das alles überstanden hat. Sie hat ungeheures Glück gehabt.“